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Contenance, Makabré oder kühler Kopf?

Ansteigende Inflation, neue Mutanten, wirtschaftlicher Niedergang ganzer Branchen, wachsende Kriegsgefahr im Osten: die Botschaften, die nach Hiob benannt sind, häufen sich in einer Dichte, dass für viele Menschen das Maß des Erträglichen überschritten ist. Die Reaktionen drauf sind unterschiedlich. Sie entsprechen den Typologien, in denen der Homo sapiens zuhause ist. Einige verfallen in Depression, andere werden zornig, wieder andere fühlen sich, als müssten sie morgen sterben und feiern ein letztes Bacchanal. Das Mandat aufgeklärten Handelns, die Erwägung des unter den gegebenen Umständen notwendigen und vernünftigen Agierens, ist eine Minderheitsoption, zumindest gegenwärtig. 

Die Mahnung, Contenance zu bewahren, d.h. Sich nicht verrückt machen zu lassen und sich nicht zu unüberlegten Handlungen hinreißen zu lassen, ist eine Position, für die vieles spricht. Wenn sie allerdings in der Mahnung zu Ruhe und einer nicht mehr vorhandenen Ordnung verhaftet bleibt, wird sie zu nichts führen. Denn es ist die Zeit, sich mit den Ursachen der vielen Krisen zu befassen. Es geht nicht mehr um einzelne, isolierte Maßnahmen, sondern um ein Portfolio von Überlegungen. 

Das depressive Momentum entzieht sich jeglicher Vernunft, ist allerdings kaum beeinflussbar, weil es sich um ein pathologisches Phänomen handelt, das aus einer chronischen Überforderung und Perspektivlosigkeit resultiert und als desaströse Auswirkung des bis dato beschrittenen Weges erklären lässt. Die politische Depression ist nur langfristig zu kurieren, in dem die Politik einen anderen Verlauf nimmt und sich radikal ändert. Die Konkordanz von Regel und Sanktion, das Mantra der existierenden Politik, ist Bürde genug. Nichts ist dadurch besser geworden, es verstärkt nur die Impulse, die zu einer desolaten Existenz führen.

Das Gefühl, noch einmal das Sein bis zum Exzess zu feiern, ist eine typische Begleiterscheinung von epidemischen Katastrophen. Der Makabré, jener wilde Tanz im Angesicht des wahrscheinlichen Todes, führt zu einer letzten illusionären Erlösung, die das Debakel nur beschleunigt und nicht verhindert.

Noch verhängnisvoller ist die Option des Aussitzens. Wer glaubt, sich durch das mentale Eingraben in die Konditionen des Hier und Jetzt retten zu können, hat den Zusammenhang von Ursache und Wirkung aus den Augen verloren und besitzt nicht einmal mehr die Gewissheit, irgendwann noch einmal aus dem Loch herauskommen zu können und den Blick auf die Außenwelt schweifen zu lassen.

Es geht um Programme und Konzeptionen, die das Ganze im Blick haben. Sie müssen sich befassen mit einer exklusiv auf Wachstum bezogenen Wirtschaftsweise, die in Kauf nimmt, ständig neue Bedürfnisse zu kreieren, Ressourcen kontinuierlich zu verschleißen und nach ihnen  mit kriegerischen Mitteln zu greifen. Es geht um eine damit verbundene Geldpolitik, die tatsächliche Wertschöpfung ignoriert und spekulative Eskapaden einiger weniger unterstützt. Es geht um die Anerkennung unterschiedlicher gesellschaftlicher Vorstellungen in dieser Welt und nicht die Vorstellung, sie mit Gewalt nach den eigenen Maximen formen zu wollen. Und es geht um eine Vision, die interessengeleitete Werte im Blick hat, in der niemand von der Befriedigung der elementaren Bedürfnisse ausgeschlossen wird, in der die Bildung und Qualifizierung der Menschen im Zentrum steht, in der eine Kultur der Kommunikation herrscht, die den Namen verdient hat und in der die Sicherung des Friedens im Mittelpunkt steht.

Die einzige Option, die tatsächlich zur Disposition steht, ist der kühle Kopf. Verändern, was verändert werden muss. Bekämpfen, was spaltet und ignorieren, was vertröstet und Illusionen nährt.   

Der Makabré der Republikaner

Die Berichterstattung in Deutschland folgt dem alten Muster: Seht euch die USA an, sie sind und bleiben ein Beispiel für eine funktionsschwache Demokratie. Und wie immer wird der erhobene Zeigefinger gespeist aus einer generellen Amnesie, was die eigene Geschichte und die Fähigkeit zu Demokratie angeht. Dabei wäre die Haushaltsblockade durch die Republikaner, erweiterte man den Horizont nur um einige Grade, ein Stoff, den Richard Wagner hätte verarbeiten können. Es sind nicht nur um auf Eis gelegte Budgets, sondern es geht um ein Last Man Standing der ehemals herrschenden Ethnie in der Neuen Welt. Das, was wir dort sehen, ist die Götterdämmerung der White Anglo Saxon Protestants, kurz WASPS genannt, die aufgrund der demographischen Entwicklung bei der Gestaltung der Zukunft des Landes keine Chance mehr haben werden.

Vordergründig handelt es sich um eine Spielart der Demokratie, die nichts Frevelhaftes mit sich bringt. In einer präsidialen Demokratie, in der die zwei Kammern von Kongress und Senat eine sich gegenseitig regulierende Funktion haben, sind momentan unterschiedliche Mehrheiten, und die Republikaner sind aktuell in der Lage, den Haushalt des Präsidenten aufgrund der Mehrheitsverhältnisse blockieren zu können. Dass sie das mit einem Junktim tun, birgt die historische Brisanz. Die Republikaner, oder um es genauer zu sagen, die dortige Tea Party Fraktion, bindet die Freigabe der Budgets an die Bedingung, die Gesundheitsreform Obamas nach hinten zu verschieben. Damit stünde das Kernstück der innenpolitischen Wahlversprechen des Präsidenten zur Disposition. Eine Verschiebung oder Verhinderung dieses Fortschrittes wäre wohl die politische Demontage des ersten Präsidenten, der nicht die Provenienz der WASPS hat. Und darum geht es, um sonst nichts.

Demographisch sehen die Perspektiven der USA bereits heute anders aus, und gerade deshalb ist die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten ein derartiger Weckruf für die konservativen der Republikaner gewesen. Er machte ihnen bewusst, dass die Mehrheitsverhältnisse für die ehemals alte weiße Elite passé sind. Keine andere Szene, als die in dem Film The Good Shepherd, in der es um die Arbeit der CIA im Auftrag der WASP-Elite geht, charakterisiert die jetzige Situation während des Government Shutdowns besser als jener Dialog zwischen einem CIA-Agenten mit einem italienischen Immigranten. Letzterer führt aus, dass die Italiener ihre Küche, die Iren ihren Mythos, die Schwarzen ihre Musik und die Juden ihre Tradition mit in dieses Staatswesen gebracht hätten. Auf die Frage an den weißen CIA-Agenten, was sie, die WASPS denn aufzuweisen hätten, antwortet dieser: Wir haben die Vereinigten Staaten von Amerika, und ihr, ihr seid hier alle nur zu Gast.

Angesichts der wachsenden Anzahl von Latinos, die kurz davor sind, die ethnische Majorität zu definieren, und angesichts weiterer Immigrationsentwicklungen aus den letzten Jahrzehnten ist die Möglichkeit, mit einem Programm für eine weiße Elite Wahlen zu gewinnen, demographisch so gut wie dahin. Die Blockade des Präsidentenbudgets bekommt so den Status eines letzten, verzweifelten Kampfes gegen die Entwicklung hin zu neuen, gänzlich anders konstitutierten USA, die auch in der Repräsentanz der politischen Organe und Gerichte vielfältiger, bunter, toleranter, aber auch komplizierter werden mögen. Das ist auch für die Weltgemeinschaft von großer Bedeutung und eine hoch spannende Entwicklung, zumal analoge Tendenzen auch einmal in Germanistan zur Wirkung kommen werden. Wer in diesem Kontext nach dem Motto „die Amis kriegen mal wieder nichts hin“ seine Kolumnen für den Spiegel o.ä. schreibt, der sollte besser zu einer anderen Rubrik wechseln.