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Selektiver Mechanismus: Hongkong und die Gelbwesten

Nichts gegen eine Berichterstattung, die sich mit kritischen Situationen rund um den Erdball auseinandersetzt. Dazu gehören Berichte über Unruhen in Hongkong, wo Hunderttausende gegen eine mögliche Auslieferung von Delinquenten an die Volksrepublik China protestieren. Oder die Proteste in Weissrussland, wo es zu Zusammenstößen mit der Polizei kam. Oder die Krawalle im krisengeschüttelten Haiti. Wer sich für politische Entwicklungen in der Welt interessiert, sollte darüber informiert werden. Was bei den Berichten, die momentan ausgestrahlt werden, immer mitschwingt, ist der leicht erhobene Zeigefinger, der insinuiert, dass hier, im freien Westen, wie er einmal genannt wurde, das alles unmöglich sei und, so die Botschaft, wir alle froh sein sollen, nicht dort leben zu müssen, wo es zu derartigen Konflikten kommt.

Brisant wird es, wenn die Wahrnehmung kritischer Situationen einem selektiven Mechanismus zum Opfer wird. Und einen solchen Fall haben wir zu konstatieren, wenn die Sprache auf das kommt, was unter dem Begriff der Gelbwestenproteste aus dem benachbarten Frankreich zu berichten wäre. Das findet aber nicht statt. Und wenn, dann sehr rudimentär. Meistens dann, wenn irgendwo etwas zu Bruch gekommen ist, das den Schluss zuließe, man habe es mit einem randalierenden Haufen zu tun, der die Gewalt an sich verherrlicht. 

Dass das nicht der Fall ist, sehen jedoch alle Menschen, die sich mittlerweile ihre Informationen auch aus dem Netz holen. Dort ist zu sehen, dass in Frankreich seit Monaten ein Massenprotest zu verzeichnen ist, der sich an den strukturellen Veränderungen des Landes abarbeitet, wie sie in den letzten Jahrzehnten vollzogen wurden. Es sind Landkarten entstanden, auf denen zu sehen ist, dass tiefe Risse durch das Land gehen. 

Da gibt es einerseits die geleckten, modernen und komfortablen Zentren der Metropolen, in denen sich nur noch diejenigen aufhalten können, die über die notwendige Liquidität verfügen, um den Luxus der metropolitanen Globalisierung leisten können. Großteile der Bevölkerung sind aus diesen Zentren verdrängt worden und leben an unterentwickelten Rändern, die unter dem Begriff der Banlieues figurieren. Deren Bewohner werden in regelmäßigen Abständen von der politischen Elite als Pack bezeichnet. Und dann existieren noch die ländlichen Regionen, in denen es keine Krankenhäuser mehr gibt, wohin weder Busse noch Bahnen fahren und wo von Grundversorgung keine Rede mehr sein kann. 

Die selbsternannten Qualitätsmedien verwenden darauf keine Mühen. Da sind Weissrussland und Hongkong interessanter, weil damit Ressentiments geschürt werden können. Da der böse Chinese, dort der böse Russe, die für die Konflikte verantwortlich gemacht werden können. Wenn es jedoch um einen „Hoffnungsträger“ wie Macron geht, dann wird vieles verziehen. Zum Beispiel die Anwendung des Ausnahmezustands, der nach den Pariser Terroranschlägen verordnet wurde und der nun dazu benutzt wird, um die Proteste aus der eigenen Bevölkerung zu kriminalisieren. Jedes Wochenende kommt es dort zu brutalen Übergriffen auf Demonstranten, hunderte sind mittlerweile schwer verletzt, weil wie beim Hasenschießen mit Gummigeschissen herumgeblättert wird und viele sind für den Rest ihres Lebens beeinträchtigt. Da schweigt des Sängers Höflichkeit, weil die Analogie der Politik, die zu all dem geführt hat, auf keinen Fall irgend jemandem in den Sinn kommen soll. 

Zur frisierten Berichterstattung gesellt sich nun die selektive. Mechanismen, die bekannt sind aus dem Arsenal diktatorischer Öffentlichkeitsarbeit. Glaube nur niemand an den Regiepulten der Meinungsmache, es fiele keinem auf! 

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