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Zukunft

Die Frage ist einfach. Wann machen sich Menschen Gedanken über die Zukunft? Die Motive, über das, was zeitlich vor ihnen liegt, nachzudenken, sind unterschiedlich. Es kann, im negativen Fall, etwas mit Befürchtungen zu tun haben. Wenn bestimmte Entwicklungen so weiter gehen wie bisher, dann kann das schlimm enden. Vom Grundsatz genauso berechtigt, wie die noch zu erwähnenden positiven Impulse, handelt es sich bei der negativen Überlegung um eine in Deutschland sehr ausgeprägte Variante.

Positiv inspirierte Überlegungen über die Zukunft entspringen nicht selten neu entdeckten Möglichkeiten. Technische Innovationen haben immer wieder dazu inspiriert, vor allem jene, die mit der Erhöhung des Tempos und der Überbrückung von Raum zu tun hatten, wie Ballons, Eisenbahnen, Flugzeuge und das Telefon. Das lange Zeit allerdings am weitesten verbreitete Motiv, sich die Zukunft mit angenehmen Konnotationen auszumalen, war die Kritik an den unhaltbaren Zuständen der Gegenwart. So entstanden die Religionen, so entstanden die Befreiungstheorien und sie strebten nach einer Umwälzung der bestehenden Verhältnisse und einer gerechteren Welt in der Zukunft.

Vor allem die Moderne hat zwei Quellen, die zum Nachdenken über die Zukunft anregen, immer wieder gespeist. Sowohl ist die Moderne so dicht an technischen Innovationen wie keine andere Epoche, als auch eine historische Periode schnell wechselnder sozialer Konstellationen, bei denen es immer große Kohorten von Verlierern gibt. Letztere reflektierten eine andere Zukunft. Die Dualität von technischer Innovation und sozialer Revolte hat die Moderne zu einem Labor von Zukunftsmodellen gemacht, wie es vorher historisch in dieser Dimension noch nicht vorgekommen ist.

Das Eigentümliche, mit dem wir momentan konfrontiert sind, ist das Versiegen positiv konnotierter Zukunftsvisionen mit dem Ende des Kalten Krieges, mit der Wiedervereinigung Deutschlands, mit dem Siegeszug der Globalisierung, mit dem Primat der Finanzinteressen vor der Politik. Das ist insofern markant, als dass in dieser Zeit die Digitalisierung, die historisch revolutionärste technische Möglichkeit, das Tempo zu maximieren und Räume zu überbrücken, ihren Siegeszug unternahm. In anderen Zeiten hätten die Zukunftsvisionen Inflation gehabt. Die sehr schnelle Anwendung dieser Technologie im militärischen Komplex hat allerdings die bereits existierenden Schreckensvisionen von einer pervertierten Menschheit in den Schatten gestellt.

Mit den historischen Ereignissen, die die USA als alleinige Supermacht, zumindest für eine kurze Periode, übrig ließen und der systematisch pervertierten kommunistischen Befreiungsideologie in der Sowjetunion trat ein Zustand ein, in der sich die existierende Macht nicht mehr glaubte legitimieren zu müssen und die an ihr existierende Kritik sich schamvoll in den dunklen Winkel verzog. Was folgte, war ein rauschhaftes Gelage des Finanzkapitalismus, dessen Ergebnisse sich im Jahr 2008 bereits andeuteten und dessen diabolisches Spiel noch nicht zu Ende ist.

Gegenwärtig befinden sich die Gesellschaften, die dieser Machination unterlagen, noch im Schockzustand. Wie benommen suchen sie, suchen wir alle nach Erklärungen über die rasante Verwahrlosung der Verhältnisse, die durch blanke Gier am besten beschrieben sind und die nichts mehr mit dem zu tun haben, was als soziale Räson bezeichnet werden könnte. Noch werden die Mechanismen, die zu diesem Zustand geführt haben, dechiffriert, noch wird nach Schuldigen gesucht. Dem wird allerdings mit einer nahezu als Gesetzmäßigkeit zu bezeichnenden Sicherheit auch die Periode folgen, in der von einer anderen Form der Zukunft gesprochen wird. Der Geist der Utopie wird wieder auferstehen und das Prinzip Hoffnung wird zurückkehren.

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Living in the Past

Das mit der Modernität ist so eine Sache. Unzählige Definitionen konkurrieren miteinander und es könnte gegensätzlicher nicht zugehen. Fest steht, dass mit der Moderne die Bewertung derselben einherging. Diejenigen, die von der rasanten Entwicklung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, der Allzugänglichkeit von Wissen und der Gewerbefreiheit profitierten, interpretierten die Moderne als das Endziel der Gattung, und diejenigen, die Privilegien verloren oder der messerscharfen Konkurrenz nicht standhalten konnten, verfluchten sie von Anfang an. Seit langem, spätestens seit dem, was Adorno und Horkheimer in ihrer Schrift „Die Dialektik der Aufklärung“ benannt hatten, gilt die Moderne als eine bereits historische Epoche, die potenziell Grausames wie Befreiendes hervorbringen konnte und die vorbei ist. Was wir heute durchleben, ist zwar noch umstritten, aber die Moderne mit ihrer großen Erlösungsbotschaft ist es nicht mehr, aber modern, so das gemeinsame Urteil aller, modern sind die Zeiten immer noch.

Ja, es ist widersprüchlich, und ja, an dem Begriff der Modernität scheiden sich immer noch die Geister. Für die einen ist es eher eine Denkweise, die sich in den radikalen, aber toleranten Kategorien der Aufklärung bewegt. Für die andern ist es die sich ständig revolutionierende Technik, die mit ihren Halbwertzeiten atemberaubende Erneuerungen mit sich bringt. Fest steht, dass zu viel polarisiert wird, und das Maß zwischen technischer Machbarkeit und Vernunft eine zu geringe Rolle spielt. Der Mensch in der Moderne an sich ist ein überfordertes Rudiment aus dem Dreißigjährigen Krieg, das sich anmaßt, mit elaborierter Technik Prozesse steuern zu können, deren Ende offen ist. Die Offenheit wiederum hält es nicht aus, deshalb wird aus der Steuerung noch ein besonderes Desaster.

Aber die Aporien der Moderne sind bekannt, und es wird noch vieler Erfahrungen und glücklicher Umstände bedürfen, um sie und ihre Folgeperioden vernünftig beurteilen zu können. Was jedoch heute bereits gelingt, sind bestimmte diagnostische Versuche auf bestimmte konkrete Erscheinungen. So schnell, wie die Technik entwickelt wird und diese auf die konkreten Lebens- und Arbeitsumstände wirkt, genauso schnell werden Theorien geboren, die die Menschen auf die konkreten Existenzbedingungen einschwören sollen. Vor allem die Managementtheorien sind ein unerschöpflicher Fundus für Erkenntnisse über das Verhältnis von Produktionsbedingungen zu den in ihnen zu beobachtenden menschlichen Unzulänglichkeiten.

Als versucht wurde, durch Regulierung und Bürokratisierung der Dynamik Herr zu werden, kam der Zeigefinger mit der Propagierung des Lean Management, als zu sehen war, dass die wachsende Komplexität der Prozesse dazu führte, die partikularen Interessen in den Vordergrund zu schieben und eine Eigendynamik zu entwickeln, wurde mit dem Management By Objectives daran gemahnt, die Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Ein ganzer Wald von Theorien durchzieht die jüngere Geschichte, und alle beschreiben eher die Defizite, an denen die Entwicklung leidet, als dass sie analytisch eine Lösung böten. Sie wirken eher wie Appelle an die Vernunft, als Konzepte für ein anderes Vorgehen.

Der Appell, der momentan als jüngste Theorie durch die Werkshallen, Büros und Labors hallt, ist der der Agilität. Und wenn ein Theorem diagnostischen Charakter hat, dann ist es dieses. Es appelliert an die Beteiligten, durch Aktivität und Impulsivität die Arbeit zu bereichern und die Prozesse voran zu treiben. Wenn so etwas gefordert wird, dann scheint es nicht mehr präsent zu sein. Das ist der eigentliche Befund. Produktive Prozesse erfordern prinzipiell agile Subjekte, sonst sind sie nicht produktiv. Aber die zur Theorie erhobene Tautologie macht deutlich, dass die Konstellationen eher so sind, dass die Subjekte zu sehr dominiert werden von Faktoren, die menschliche Kreativität unmöglich machen. Und das wäre alarmierend.

Selbst die Zukunft war früher besser

Ein durchaus nicht selten zu hörender Scherz bezieht sich auf die Haltung vieler Skeptiker. Ihnen wird die Formulierung in den Mund gelegt, früher sei alles besser gewesen, selbst die Zukunft. Was tatsächlich Anlass zum Schmunzeln gibt, hat aber auch einen wahren Kern. Er bezieht sich auf den Optimismus, der mit Vorstellungen von der Zukunft verbunden ist. Kaum eine Epoche wie Industriezeitalter und Moderne hat den Menschen mehr Anlass gegeben, von der Zukunft zu schwärmen. Noch in der letzten Dekade des letzten Jahrtausends wurden diejenigen, die lediglich düstere Bilder von der Zukunft zeichneten, eher mit einem Lächeln bedacht. Die Euphorie, die das bürgerliche Zeitalter mehr als zweihundert Jahre begleitet hat, obwohl es durchzogen war von schrecklichen Kriegen, diese Euphorie ist dahin. Und zwar ziemlich genau mit dem Eintritt in das 21. Jahrhundert. 

Dabei ist die Vorstellung von Zukunft das Bindeglied von Gesellschaften. Vor allem nach-revolutionäre Gesellschaften haben den Vorteil, über ein Programm zusammengefunden zu haben, dessen Realisierung noch aussteht. Das mobilisiert und solidarisiert. Trotz vieler Irrwege und Beschwerlichkeiten herrscht ein Konsens, der sich auf eine sogar fernere Zukunft beziehen kann und der besagt, die Vision, die wir alle anstreben, können wir nur gemeinsam erreichen. Dazu müssen wir uns gegenseitig unterstützen und tolerant untereinander sein, sonst wird daraus nichts. 

Statische, satte Gesellschaften hingegen vermitteln einen ganz anderen Eindruck. In ihnen bleibt es den einzelnen Individuen überlassen, ob sie eine Vorstellung von der Zukunft haben oder nicht. Die Gesellschaft als Ganzes wird verstanden als ein Arrangement, in dem der Status Quo zu sichern und das Erreichte zu verwalten ist. Diese Gesellschaften sind auch bei Krisen wesentlich instabiler als diejenigen mit einem gemeinsamen Zukunftsprogramm. Gesellschaften, die im Hier und Jetzt leben, haben eine regelrechte Abneigung gegenüber dem Ansinnen, die Zukunft zu beschreiben und diejenigen Mitglieder, die versuchen, dieses zu tun, sind einer regelrechten Treibjagd ausgesetzt.

Es liegen also zwei Fragestellungen vor, die nicht einfach zu beantworten sind, deren Antworten allerdings erforderlich sind. Die eine bezieht sich auf die Negativierung der Zukunft im Allgemeinen, die andere auf die Aversion gegen Zukunft im Konkreten, d.h. der Bundesrepublik Deutschland. Eine Debatte darüber ist notwendig. Und Debatten entstehen manchmal – bei etwas Glück – über die Formulierung einiger provokanter Sätze:

Die Auflösung des Ost-West-Konfliktes, in dem sich Kapitalismus und Sozialismus gegenüber standen und der von dem konservativen US-Historiker und Politologen Francis Fukuyama als Ende der Geschichte beschrieben wurde, hat der Welt nicht gut getan. Eine Welt, die sich systemisch am Ende der Entwicklung wähnt, mobilisiert bei den Problemen, die sie immer produzieren wird, keine positiven Ideen mehr. Wenn es keine Konkurrenz unterschiedlicher Gesellschaftskonzepte mehr gibt, verhindert die Selbstgefälligkeit Innovation.

Eine Gesellschaft, die trotz Größe und Potenzial nicht gelernt hat, politische Prozesse selbst zu gestalten, agiert generell vorsichtig bei der Betrachtung von Zukunft. Das Deutschland unserer Tage hat bei allen Versuchen, Geschichte zu gestalten, immense Katastrophen ausgelöst. Seine Geschicke wurden nach diesen Katastrophen im 20. Jahrhundert von anderen bestimmt. Politisch entmündigt und wirtschaftlich ermutigt wurde ein Wohlstand produziert, der ohne tatsächliche politische Vision zustande kam. Daher ist die politische Vision in einer Gesellschaft, die sich mental lieber abschottet, eine suspekten Größe. Ohne Vision sind allerdings Stillstand und Rückschritt die Perspektive.

Der 1. Mai ist ein guter Tag, um über die Vorstellung von Zukunft nachzudenken.