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Vom Heroismus zur moralistischen Diktatur

Nein, es geht nicht um die Verteidigung des Ministers der Verteidigung. Der hat seinen Rücktritt erklärt und damit eine Konsequenz aus den Kampagnen gezogen, die gegen ihn gefahren wurden. Und er hat durch seine eigene Lebens- wie Amtsführung dazu beigetragen, dass Opposition gegen ihn aufkommen musste. Von der skrupellosen Art und Weise des Medieneinsatzes, in dem ganz bewusst mit Volksempfinden und Starletauftritten der Ehefrau gespielt wurde, bis zu Amtshandlungen, die ihm ein großes Boulevardblatt nahe gelegt hatte und schließlich dem Vorwurf, in einem wissenschaftlichen Verfahren bewusst getäuscht zu haben. Berechtigte Vorwürfe gab es genug, um diesen Minister zu kritisieren. Wie jeder Mensch muss auch er damit klar kommen, wie selbst verursachte Probleme auf das eigene Leben zurück schlagen.

Viel interessanter ist jedoch die Frage, was in der Massenpsychologie der posttraumatischen Heroengesellschaft Deutschland in diesem Fall zu illustrieren wäre. In der positiven Reaktion auf den adeligen Minister zu Guttenberg fiel auf, dass große Teile der Bevölkerung, obwohl nicht einer monarchistischen Nostalgie verdächtig, gerade in der Unabhängigkeit dieses Ministers von den existenziellen Nöten des Bürgertums einen unschätzbaren Vorteil sahen. Auf der Folie gerade unzähliger Erfahrungen der persönlichen Bereicherung im Großen wie im Kleinen allzu vieler Politiker attestierte man dem Abkömmling altbayrischen Adels eine große, unabhängige Geste, die dem privaten Überfluss entsprang. Zudem brachte der Mann Jugendlichkeit und eine Versiertheit auf den Bedeutungsparketten mit sich, gegen die viele Parvenüs des Politgenres wie Bauerstenze wirkten.

Wer solche Wirkungen erzielt, dem ist der Neid gewiss. Hinzu kam, dass zu Guttenberg die größte Reform der Bundeswehr seit ihrem Bestehen vor sich hatte, was Macht- und Ressourcenkämpfe großen Ausmaßes nach sich zieht und dem Initiator einer solchen Reform Feindschaft bis ans Ende aller Tage garantiert.

So fielen sie wie die Hyänen über ihn her, als er seine ersten Fehler machte. Nach bewährter Manier seit der Inquisition wurde eine Prozessdramaturgie gewählt, die martialischer nicht hätte sein können und die vor allem moralisch ausgelegte Kritik der lautesten Schreier und Diffamierer legte nicht selten die alte Weisheit nahe, dass moralische Empörung zumeist eine Art Eifersucht im Heiligenschein darstellt. Wenn Politiker, die in ihrer eigenen Amtszeit als Minister mit dem Dienstjet zu Muttis Geburtstag nach Spanien geflogen sind, nun mit dem Indexfinger brüllend auf den Angeklagten zeigten, so legten sie mehr Zeugnis ab über sich als über den in die Enge Geratenen.

Es scheint ein Fluch zu liegen über den Seelen dieses Landes. Er rührt aus den Zeiten des großen Diktators und den in seinem Namen begangenen Verbrechen. Seit der großen Niederlage, die dem großen Wort der Weltherrschaft folgte, herrscht das große Trauma. Und alles, was als Erfolg allzu rein erscheint, muss in einer massenpsychotischen Übereilung vernichtet werden. Die Moral, derer man sich bei diesen radikalen Vernichtungszügen befleißigt, die stammt jedoch aus den Anfängen der Zeit, derer man sich erwehren will. Nur ist es kaum jemandem bewusst.