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Was bleibt ist der Soul!

Lou Pride. Ain’t No More Love In This House

Wer in Chicago geboren ist, zur Gruppe der Afroamerikaner gehört und Musik macht, der kann den Blues nicht leugnen. Lou Pride war so einer. Über den Gospel in den Baptistengemeinden fand er schnell zum Blues. Und wie alle, die es bei der Musikerdichte nicht schafften, zu den Platzhirschen in den großen Clubs der Southside zu avancieren, zog es ihn bald in die Ferne. Selbst hier in Deutschland tingelte er mit der Gruppe The Karls durch diverse Shows im TV. Zurückgekehrt in die USA hatte er Engagements mit diversen Blues-, Rhythm&Blues- und Soulformationen auf dem berühmten Chitlin´Circuit im Süden der USA, benannt nach dem Schweinefleisch und Innereien lastigen Soulfood, das dort in den Clubs zur hitzigen Atmosphäre kredenzt wird. Wer es dort nicht lernt, der lernt es nie. Und wer es dort lernt, der kann mit seiner Musik und der dazugehörigen Show verzaubern. Lou Pride heiratete und ließ sich in El Paso in Texas nieder. Er verstarb 2012 im Alter von 68 Jahren in seiner Heimatstadt Chicago, kurz nachdem er sein letztes Album mit dem Titel Ain´t No More Love In This House aufgenommen hatte.

Ohne es zu wissen, hinterließ Lou Pride mit diesem Album sein Vermächtnis. Es ist ein überaus starkes Werk des Soul, das den Blues nie leugnet und durch die Üppigkeit des Souls, wie er im Süden zelebriert wird, überzeugt. Mit insgesamt 11 Titeln, die, ob sie in den Charts waren oder auch nicht, als Klassiker dieses Genres gelten können. Zusammen mit einer überaus wirksamen Band, die mit einem Chor und einem starken Bläsersatz korrespondiert, holt Pride das Sortiment der musikalischen Lebensphilosophie des Souls heraus und thematisiert das, was ihn am Vorabend seines Abschieds bewegte und auch wohl aufbrachte. Pride beklagt die Auflösung sozialer Systeme wie der Familie, die Aggressivität der Politik, die sich immer wieder durch militärische Abenteuer aus der Bredouille zu bringen sucht. Ain´t No More Love In This House, I Didn´t Take Your Woman, Take It Slow und Key To The World sind Auseinandersetzungen mit den Kämpfen des Individuums in einer zunehmend fremdbestimmten Welt. Es handelt sich um einen hochkarätigen Diskurs, den die Hörer auch ausblenden können, wenn sie sich den elektrisierenden Gitarrensoli von Johnny Moeller, den bluesigen, soligen, stickigen und dann wieder messerscharfen Arrangements von Kenny Rittenhouses Bläsersatz hingeben. Das grunzt und walzt durch den Dschungel menschlicher Gefühle und verrät trotz aller Klage dennoch einen unbändigen Lebenswillen. Da delektiert sich niemand an der eigenen Unzulänglichkeit, da spricht ein unbändiges Vertrauen in die Macht der Gemeinschaft.

Dass das Album unter dem Label Roots Music For The 21ST Century figuriert, passt zu den Botschaften, die mit dieser Musik gesendet werden. Bei Rhythm&Blues wie Soul handelt es sich um Genres, die sich gegen die Dominanz der alten Eliten in Nordamerika längst durchgesetzt haben, gerade weil sie sich als Fundament für Innovationen als weitaus geeigneter erwiesen als die leichten Moden weißer Eliten oder die Plagiate aus dem alten Europa. Sie sind die Volksmusik der Afroamerikaner, die sie von den Baumwollfeldern in die hochindustriellen Metropolen herübergerettet und weiterentwickelt haben. Zu sehen, wohin das alles noch führen mag, bleib Lou Pride nicht vergönnt. Er schien es zu ahnen, denn Holding Back The Years beendet das Album. Schöner kann man sich nicht verabschieden.