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Ein Plädoyer für die Polemik

Nichts geht über die hohe Schule der Polemik. Eine Kunst, die in den Zeiten der medialen Einschwörung eines so genannten Mainstreams auf den politischen Konsens, den die jeweils Regierenden für angebracht halten, in der Vergessenheit schlummert. Da wird in den diversen Talk Shows, inszeniert von Beschäftigten des öffentlich-rechtlichen Sektors oder von extrem gut bezahlten Freelancern, ein Konsortium von Gästen geladen, das dafür sorgt, dass das Spektrum der dort vertretenen Meinungen eingeschränkt ist und die anwesende Gesellschaft sich mit Bedacht im Kreise dreht. So mancher Beobachter soll da nicht an den auf dem Tisch stehenden Nüssen, sondern am Überdruss erstickt sein.

Diese Inszenierung geht seit Jahren so, eine neue politische Qualität hat sie nicht hervorgebracht, es sei denn, man zählte die Illusion, in der Politik sei alles verhandelbar, würde als eine solche angesehen. Zudem sind die Themen, die in den medialen Arenen der Ideologiebildung  vermeintlich verhandelt werden, von ihrem Charakter her immer sehr gut geeignet, von dem abzulenken, was tatsächlich wichtig ist und Wirkung zeigt. Es geht nicht um Politik, es geht um Symbolpolitik. Ein essenzieller Unterschied!

Der Umgang, der an diesen Stätten der Nebelbildung gepflegt wird, ist der des gegenseitigen Wohlverhaltens, entlehnt aus der alten Weisheit des „Weltmannes“ aus den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges:

„Was ist politisch sein?

Versteckt im Strauche liegen,

Fein zierlich führen um,

Und höflich dann betrügen.“

Dass sich aus dieser charakterlich nicht sonderlich leuchtenden, die Debattenkultur wenig befördernden, aber den formalen Ansprüchen genügenden Verhaltensweise ein Muster für das eines aufrechten Demokraten ableiten ließe, ist eine weitere Illusion aus der Ideologiebildung derer, die streng im Auftrag der Verdunkelung, der Mystifikation und der Irreleitung unterwegs sind. Sie haben gute Arbeit geleistet, weil der Streit, der notwendig ist, um Interessen durchzusetzen, großflächig paralysiert ist. 

Neben vielem anderen, was sich ändern muss, ist das Medium des Streits um politische Positionen, die Polemik, etwas, das wieder stärker in den Vordergrund gerückt werden muss. Die Front gegen die gute, scharfe und stechende Polemik steht. Dort wird sie verleumdet als etwas nicht den Tischsitten Entsprechendes, als ein barbarischer Akt. Auch das ist eine frivole Entgleisung der Meinungsbildung. Die Hetze, die zunehmend verbreitet wird, ist gerade ein Resultat einer systematisch abgewürgten Diskussion um die eigentlichen Themen der Politik. Der vermeintliche Streit um die Petitessen der Sachbearbeitung lenkt nur ab von dem, was Richtung weist. Das Einzige, was dabei wächst, sind die Zorndepots. 

Immer, wenn eine Akteurin oder ein Akteur in der Öffentlichkeit auf die hohe Kunst der Polemik zurückgreift, springen die faltigen Gouvernanten des befriedeten Mainstreams aus ihren Mottenboxen und beginnen ein großes Gezeter um den Verlust der politischen Sitten. Ja, die politischen Sitten sind seit langem verfallen, unter anderem, weil die Tischdamen der Vernebelung die Polemik aus dem Lokal verbannt haben. 

Hugo Ball, einer der Vertreter der historischen Avantgarde, sprach von den Schwertern der flammenden Sapienz, die es gelte, hervorzuholen, um das Verstaubte, Alte, Überkommende herauszufordern und ihm die Choreographie des Fortschritts aufzuzwingen und zu zeigen, dass die Eleganz der Zukunftsperspektive dem rostigen, ungelenken Geklirre der alten Interessen weit überlegen ist. 

Ein Plädoyer für die Polemik ist ein Appell an eine neue, impulsive, entfesselte geistige Offensive, die erforderlich ist, um den inszenierten Tiefschlaf zu beenden. Denn wer jetzt weiterschläft, der wacht nie mehr auf! Ca ira!

Die Schule der Demagogen

Der Schein, mit dem die großen Herausforderungen unserer Zeit daher kommt, hat bei näherer Betrachtung nicht lange Bestand. Wer sich die Mühe macht, zum Beispiel nach den tatsächlichen Ursachen von Kriegen zu suchen, wird sich nicht lange aufhalten bei den Anlässen. Das, so können manche durchaus redlich beantworten, hatten gute Lehrerinnen und Lehrer in der Vergangenheit noch zu transportieren gewusst. Nicht eine dreiste diplomatische Note, kein einzelnes Attentat oder eine einzelne Schiffsversenkung hatten dazu geführt, Millionen von Soldaten gegeneinander kämpfen zu lassen. Das waren die Anlässe. Nein, die Ursachen lagen woanders, waren aber kein Mysterium. Da strebten neue Mächte nach oben und sie wollten den alten die Besitztümer streitig machen. Und es ging und geht immer nur um eines: Rohstoffe, Arbeitskräfte, Märkte und die Wege dorthin. Wer das nicht betrachtet, der muss sich etwas anderes ausdenken. Das Ergebnis ist stets skurril und verwirrt die Köpfe.

Ähnlich ist es mit den Ergebnissen des Wirtschaftens selbst. Wer erklären will, warum es in bestimmten Regionen viele Arbeitslose gibt, warum es in anderen viele Menschen gibt, die arbeiten bis zum Umfallen und doch nicht davon leben können, warum bestimmte Regionen systematisch ruiniert werden und andere im Müll ersticken, muss irgendwann auf den Trichter kommen, dass das alles etwas mit der Art und Weise zu tun hat, wie die Wirtschaft funktioniert. Wer auch dort bei den einzelnen Erscheinungen stehen bleibt, stösst nicht auf den Kern des Problems. Der verweilt bei allen möglichen Erklärungen, die keine sind. Das Ergebnis ist zumeist ein Szenario von Sündenböcken. Dann sind es die Menschen, die sich schlecht verhalten etc.

Die Methode, Ursachen zu verschleiern und Erscheinungen in den Status der Kausalität zu erheben, nennt sich Mystifikation. Letzteres ist eine besondere Erscheinung der Demagogie. Demagogie deshalb, weil die Anwendung der bewussten Täuschung dazu führt, von den tatsächlichen Problemen abzulenken und die Gedanken auf Irrwege zu leiten, die zu nichts führen.

Eine Erdzone, wo dieses Verfahren in den letzten Jahrzehnten zu bedenklicher Präzision entwickelt wurde und zu massenhafter Anwendung gefunden hat, ist die Bundesrepublik Deutschland. Durchkämmt man die unzähligen Ton- und Schriftdokumente zu den ebenfalls massenhaft stattfindenden lokalen Kriegen auf der Welt, so findet sich kaum etwas, das den Kern der Sache – nämlich Ressourcen, Arbeitskräfte, Märkte und Wege – trifft, sondern es geht zumeist um Gut gegen Böse, Werte gegen Macht, Moral gegen diabolische Kräfte. Allein die Wortwahl könnte dazu führen, den Schluss zu ziehen, die Aufklärung sei längst revidiert und wir befänden uns bereits wieder mitten in der mittelalterlichen Inquisition.

Ein besonderer Coup ist zudem bei der Erklärung negativer Folgen der Ökonomie gelungen. Dort sind die Arbeitskräfte, die keine Arbeit mehr finden, entweder über- oder unterqualifiziert, oder sie sind nicht motiviert. Und bei den Begleiterscheinungen der Produktion nimmt die Irrfahrt der argumentativen Mystifikation erst richtig Tempo auf. Da sind es die Konsumenten, sprich die Käufer von Waren, so wie sie auf den Markt kommen, verantwortlich für deren Charakter. Da wird der Konsument haftbar gemacht für das Vorgehen des Produzenten. 

Man könnte das alles abtun als eine Extravaganz aus einem entlegenen Zwergenland, jedoch liegt das Gebiet mitten im Weltgeschehen und es wird letzterem auch nicht entrinnen. Die Konsequenzen des weltweiten, globalisierten Wirtschaftens werden hier nicht haltmachen und es wird sich sehr schnell herausstellen, dass es einen Unterschied zwischen Schein und Sein gibt. Die Schule der Demagogen wird sich als die schmutzigste Variante aller Verschwörungstheorien erweisen. Ob den Betrogenen dann noch zu helfen sein wird, ist durchaus zu bezweifeln. 

Im gesicherten Raum der Mystifikation

Die gute Nachricht für alle, deren Nerven bei der Betrachtung der Geschehnisse im eigenen Land kurz vor einem ruinösen Breakdown stehen: Die Deutschen werden weder das Weltklima retten noch werden sie in der Lage sein, die Migrationsbewegungen in der Welt aufzuhalten. Das kann ein kleiner Fleck im Herzen Europas ohne militärische Macht nicht durchsetzen. Natürlich könnte man den Eindruck gewinnen, dass es genau darum geht, wenn man die politischen Debatten im Land betrachtet. Da spielt sich ein Kollektiv zum Weltdoktor auf, ohne in der Lage zu sein, die beklagte Malaise zu ändern. Da stellt sich die kluge Frage: Was machen, wenn sich die komplette Öffentlichkeit in etwas verrannt hat? Die Antwort liegt auf der Hand: Man kann zwar darauf hinweisen, es wird aber wohl nichts bringen. Die Enttäuschung darüber, dass der große Plan nicht gelingen wird, hat das zur Folge, was gescheiterte Kollektive immer zu bieten haben: Es werden Schuldige gesucht und gefunden werden. 

Wie es sich in den ritualisierten Texten des Mainstreams gehört, sei auch hier, für alle, die guten Willens sind, von dieser Stelle aus wiederholt, dass beide Themen, die inflationär alles überschatten, tatsächlich von eminenter Wichtigkeit sind. Sowohl das Weltklima sollte allen am Herzen liegen als auch handelt es sich um ein Unrecht, wenn Menschen gegen ihren Willen ihre Heimat verlassen müssen. Damit hat es sich aber auch, denn beide Probleme haben Ursachen. Und diese sind zumeist von denen mit in die Welt gebracht, die jetzt vorgeben, sie lösen zu wollen. Da kann, immer noch an die Zielgruppe derer, die guten Willens sind, nur appelliert, doch irgend etwas nicht stimmen!

Bertolt Brecht, so glaube ich mich zu erinnern, benutzte gern das Wort vom Einlullen. Was er damit meinte, das war das Versetzen des kritischen Bewusstseins in einen Zustand der Trunkenheit und Willenlosigkeit vermittels des Einsatzes vieler, mannigfaltig unscharfer Begriffe, mit denen Illusionen transportiert werden, die eines gemeinsam haben: Sie transportieren nicht die Wahrheit. Und Wahrheit ist das, wonach alle streben sollten, die gesellschaftliche Veränderung im Sinne haben. Wer sich im Raum dessen, was am Ende eines erfolgreichen Prozesses des Einlullens steht, nämlich der Mystifikation, wiederfindet, der wird eher schnell als langsam desillusioniert.

Gut eignen, um sich an die nicht immer leichte Aufgabe der notwendigen Enthüllung zu machen, sind Fragen, die sich wie spitze Nadeln in die Ballons des Einlullens bohren. Bleiben wir bei den beiden Themen, die alles überlagern und fangen mit dem Weltklima an: Sind diejenigen, die sich momentan an dem Thema zu profilieren suchen, glaubwürdig, wenn sie gleichzeitig kritischen Müll in andere Teile der Welt exportieren? Oder ist es glaubwürdig, wenn E-Autos als Alternative für den Verbrennungsmotor gepriesen werden, ohne deren Öko-Bilanz offenzulegen? Oder ist ihnen zu glauben, wenn sie die Subventionen, direkt wie indirekt, für die Automobil- und Flugindustrie bestehen lassen und gleichzeitig minimalistisch in andere Mobilitätssysteme investieren?

Bei der Migration stellen sich ebenfalls Fragen, die das erreichte Profil derer, die momentan so sehr vom großen Unmut profitieren, bereits nach einer einzige Nachfrage beträchtlich ramponieren: Kann Migration durch die Befürwortung von Kriegen, die auf Ressourcensicherung oder Bestrafung für das Verletzen der eigenen Sichtweise befürwortet werden, gestoppt werden? Und ist Migration per se überhaupt zu verhindern und auch zu wünschen? Ist der Status Quo einer unterstellten Immobilität das gesetzte Ziel? 

Es handelt sich lediglich um eine kleine Übung, um die Brüchigkeit der Logik derer zu illustrieren, die momentan im Land der allgemeinen Weltverbesserung den großen Raum beanspruchen. Sie werden weder die benannten Probleme lösen, noch die Ursachen, auf denen sie basieren, in Angriff nehmen. Wenn Kapitalverwertung und Ressourcenverfügbarkeit mit keinem Wort erwähnt werden, befindet man sich bereits im gesicherten Raum der Mystifikation. Nach der großen Erwartung folgt die Desillusion. Dann wird es heftig!