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Philip Roth. Literat des weißen Mannes

Nun ist er gestorben. Ohne Nobelpreis. Er wird es verkraften auf seiner letzten Reise. Dort, wohin er jetzt geht, ist alles Schall und Rauch. Mit Philip Roth verlieren nicht nur die Vereinigten Staaten einen wichtigen Schriftsteller, der die letzten Jahrzehnte für viele Menschen prägend war, nein, auch in vielen anderen Ländern haben die Romane des jüdisch-amerikanischen Schreibers aus dem Kulturlabor Newark viele Leser geprägt. Seine Romane hatten Wucht, und sie waren zahlreich. Nicht wenige sahen in der Produktivität des Autors allein bereits eine Obsession.

Das Authentische an diesem Schriftsteller war ein Markenzeichen. Dass er aus Newark, New Jersey, stammte, diesem Vorland von New York City, wo sich ein Proletariat und eine Mittelschicht europäischer Provenienz am amerikanischen Traum abarbeitete, determinierte sein Schreiben. Die konkrete Biographie ließ ihn nie los. Immer wieder die Konflikte mit dem konservativen, strengen Vater, der patriarchalische Züge hatte, kombiniert mit dem Verständnis der liebenden Mutter, die an dem Disput von Vater und Sohn verzweifelte, aber nie an der Liebe zum Sohn. Diese disruptive Welt trug zu dem bei, was bei Philip Roth als sexuelle Obsession einerseits und als Rebellion gegen Autoritäten andererseits immer wieder aufschien.

Die Themen, die in den Erzählungen Roths zum Status des Paradigmatischen avancierten, drehten sich immer um die menschliche Tragödie missglückter Beziehungen, um die Inkongruenz der gegenseitigen Erwartungen und die unterschiedliche Bereitschaft der handelnden Personen, sich selbst zu offenbaren. Was sonst, so könnte man fragen, soll große Literatur denn noch leisten?

Seine großen Romane durchziehen sein Leben. Sabbaths Geheimnis, Portnoys Beschwerden, ein amerikanisches Idyll, der menschliche Makel, Jedermann, Empörung. Die Liste ist nahezu unendlich, manche Figuren, wie sein Alter Ego, der Schriftsteller Nathan Zuckermann, sind längst zu Figuren aus Fleisch und Blut geworden. Sie haben ganze Generationen geprägt.

Was viele nicht zugeben, aber in großem Maße beiträgt zum Verständnis dieses epischen Giganten, ist die Tatsache, dass er vor allem nicht nur über, sondern auch für den weißen Mann geschrieben hat. Erst der junge, dann der heranwachsende und letztendlich der reife weiße Mann der westlichen Zivilisation hatte in Philip Roth ein Medium gefunden, das die großen Widersprüche seiner Existenz und Rolle thematisierte. Das erklärt, warum jene weißen Männer seinen Werken so verbunden sind und Frauen oder Menschen aus anderen Kulturkreisen immer etwas irritiert aus der Lektüre hervorgingen.

Es spricht für Philip Roth, dass er aufhörte zu schreiben, als er merkte, dass ihn seine Spannkraft verließ. Das ist Größe, die nur wenigen beschert ist. Das, was er hinterlassen hat, ist mehr, als eine Menschenseele unter anderen Umständen hervorzubringen in der Lage ist. Die Literatur, die er schuf, wird eine lange Zeit noch das kollektive Gedächtnis mitprägen. Und die amerikanische Gesellschaft ist um eine Referenz ärmer.