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Entscheidung als Indiz

Oft wird thematisiert, dass Entscheidungen nicht oder zu spät getroffen werden. Es handele sich dabei, so die These, um ein Indiz für den schlechten Zustand der Organisation. Und tatsächlich fand man in den nachgelassenen Werken des Soziologen und Systemtheoretikers Niklas Luhmann zahlreiche Hinweise auf eine derartige Betrachtungsweise. In der postum veröffentlichten Schrift „Organisation und Entscheidung“ kann man das nachlesen und wer gewillt ist, kann zu der Auffassung gelangen, dass die Dauer wie die Güte getroffener Entscheidungen etwas aussagt über den Zustand der Organisation, in der das Phänomen beobachtet wurde. 

Nähme man den Maßstab und übertrüge ihn auf die Politik, dann käme zumindest das Gefühl auf, es handele sich hier um den beschriebenen Kontext. Das stimmt nicht in toto, denn manche Sachen gehen gewöhnlich sehr schnell über die Bühne, oft ohne großartig angelegten Diskurs. Dann handelt es sich zum Beispiel um Stellschrauben hinsichtlich der wirtschaftspolitischen Ausrichtung wie zum Beispiel die Niedrigzinspolitik. Eigenartigerweise wurde die nicht im öffentlichen Diskurs betrachtet, ihre Folge war im Hinblick auf Investitionen und Export genauso gewaltig wie in Bezug auf die Verbrennung der kleinen Rücklagen unzählig abhängig Beschäftigter und Rentner. 

Andere Zusammenhänge, wie der der Verwendung bestimmter, ökologisch schädlicher Stoffe in der Massenproduktion, werden breit diskutiert, führen aber seitens der Politik zu keiner klaren Haltung. In solchen Fällen bleibt es bei Appellen an die Konsumentinnen und Konsumenten, ohne dass ein Gesetz entstünde, das die Produktion regeln würde. Übrigens eine besonders in Deutschland beliebte und immer wieder probate falsche Fährte. Da wird eifrig diskutiert, was jeder Einzelne tun kann und die Massenproduktion geht weiter, als wäre nichts geschehen.

Die zu treffende Schlussfolgerung legt nahe, genau hinzuschauen, bevor es zu der Diagnose kommt, Entscheidungen würden nicht oder zu langsam getroffen. Manches geht schnell, anderes soll nicht zum Ende kommen. Dass dennoch ein Gefühl vorherrscht, vieles würde nicht finalisiert, ist dennoch nicht von Ungefähr. Die Entscheidungen, die für die breite Mehrheit der Bevölkerung von essenzieller Bedeutung und Brisanz sind, kommen nicht zustande. Womit die Indizien für die These steigen, dass wir es mit politischen Entscheidern zu tun haben, die ihrerseits zwar das Mandat aus Wahlen haben, jedoch tatsächlich im Auftrag derer handeln, deren Mandate im Verborgenen liegen. Die Fährte führt dabei zu den Nutznießern der Beschlüsse, die schnell getroffen werden und die den Interessen derer dienen, die da im Verborgenen operieren. Der große Besitz lässt grüßen.

Das beschriebene Phänomen der Entscheidung und ihres Zustandekommens ist zwar nicht einfach zu beantworten, aber es führt zu erhellenden Rückschlüssen. Das kann in der hier beschriebenen Weise geschehen, indem zwischen schnell getroffenen und ewig herausgehörten Entscheidungen unterschieden und ihre jeweilige Interessenzugehörigkeit beschrieben wird. Es kann aber auch in einer unverfänglicheren Analyse in anderen Kontexten geschehen. Oft landet die Analyse dann bei einzelnen Psychogrammen, die etwas aussagen über die Befindlichkeit und die Sozialisation der handelnden Personen. Warum tun sich manche Menschen mit dieser oder jener Entscheidung schwer, und bei anderen wiederum ganz leicht?  Was hat sich getan im Leben der handelnden Personen, dass sie im einen Fall von großen Ängsten beeinflusst sind und im anderen mit der unerträglichen Leichtigkeit des Seins zu einem Ergebnis kommen? 

Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen lohnt sich in vieler Hinsicht: Die Art und Weise, wie, wann und zu welchen Anlässen Entscheidungen getroffen werden, sagt viel aus über Verhältnisse wie Menschen.

Schlittern in die Agonie?

Immer öfter werde ich mit einem Phänomen konfrontiert, das, so bilde ich mir ein, vor 20, 30 Jahren eher eine Seltenheit darstellte, heute aber nahezu zu einem Standard avanciert ist. Es geht darum, dass sich Menschen, bevor sie einem Vorschlag oder einer Idee zustimmen, genau nach allem erkundigen, was in diesem Kontext an Klärungsmöglichkeit in Frage kommen könnte. Um es konkret zu machen: Neulich kam eine Mitarbeiterin zu mir, die mir mitteilte, sie wolle sich woandershin bewerben, weil sie glaube, es sei jetzt die Zeit für eine neue Herausforderung. Nach einem Gespräch sicherte ich ihr meine Unterstützung zu. Bei der Bekanntgabe dieser Entscheidung wurde ich nahezu mit Fragen der anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überfallen, wer denn dann den Job der Gehenden mache, wie das organisiert werde, wie die Fristen seien, wer wo sitze, ob die Teams sich änderten etc. etc. 

Es ist ein Beispiel, und ich könnte sehr viele aus dem alltäglichen Leben anführen. Selbstverständlich sind die Fragen, mit denen ich im Nachhinein konfrontiert wurde und die ich auch im Kopf hatte, alle relevant. Aber dennoch irritiert mich diese Denkweise, weil ich immer wieder erlebe, dass sie bei der Erörterung einer einfachen Frage zu einer Komplexität aufgeblasen werden, die verhindert, dass überhaupt Entscheidungen getroffen werden. Denn diese Konsequenz, das Erzeugen eines mulmigen Gefühls gegenüber einer immer komplexer werdenden Aufgabe, erlebe ich täglich. Sie führt, so meine These, zu Passivität und Stillstand.

Und in diesem Kontext mag ich gar nicht den Bogen spannen zu der aktuellen Politik, die eben diese Befindlichkeit zu einem politischen Argument formt, das als Antwort gedacht ist an viele Formen der Kritik. Wir kennen das: die Welt ist zu komplex geworden für einfache Antworten. Natürlich steckt auch immer ein Gran Wahrheit darin. Nur ist anzumahnen, dass Akteuere, die mitten im Geschehen stecken, in der Lage sein müssen, ihr Tun mit einfachen Worten und jedermann verständlich erklären zu können. Sind sie dazu nicht in der Lage, sind sie deplatziert, tun sie es nicht, auch wenn sie es können, verdienen sie kein Vertrauen. Die Phrase, dass die Welt zu komplex geworden ist, um einfache Antworten zu geben, ist in vielen Fällen eine Nebelkerze, um schlechte Politik zu kaschieren.

Das Erzeugen von Komplexität, bevor, sagen wir, eine einfache Kausalität dargestellt wird, entspringt jedoch in erster Linie, in der einfachen Lebenspraxis aller, der Furcht vor Entscheidung. Komplexität macht es schwer, einfache Entscheidungen zu treffen. Deshalb, so meine Beobachtung, gehen doch eine Reihe von Akteuren mit durchaus Zufriedenheit ausstrahlenden Gesichtern aus stundenlangen Sitzungen, in denen man sich gegenseitig klar gemacht hat, wie komplex und kompliziert das alles ist und folglich keine Entscheidung getroffen wurde. Da funktioniert die Reflexion des Komplexen bestens als Mittel, um den Stillstand zu wahren.

Da wir es, so meine These, mit einem in der Mentalität verwurzelten Massenphänomen zu tun haben, ist zu befürchten, dass die hiesige Gesellschaft momentan nicht dazu in der Lage ist, die Entscheidungen zu treffen, die aufgrund der rasanten machtpolitischen Veränderungen auf dem Planeten erforderlich wären. Und dann kommt noch der Hinweis, dass die Entscheidungen, die in anderen Ländern aufgrund der veränderten Lage getroffen wurden, die reine Katastrophe bedeuteten. Dann lieber keine Entscheidung? Schlittert da ein großes Kollektiv in die Agonie?