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Una tua erit!

In einer Stadt der Gegend, in der ich aufwuchs, standen oben am Kirchturm, direkt unter der Uhr, die damals für mich noch nicht entschlüsselbaren Worte: Una tua erit. Gemeint waren die Stunden und es hieß, eine wird deine sein. Das ist ein herber Schlag ins Gesicht all derer, die die Vergänglichkeit des eigenen Daseins aus ihrem Bewusstsein gestrichen haben. Der Plan derer, die diese Erinnerung oben an den Kirchturm gemeißelt hatten, war, zumindest für mich, genial. Una tua erit hat dazu beigetragen, nie zu vergessen, dass wir alle nur Gast auf dieser Erde sind. Das große Tabu, das viele Menschen treibt, nämlich diese Gewissheit auszublenden, führt in vielerlei Hinsicht zu sehr skurrilem Verhalten.

Das eine, immer wiederkehrende Phänomen, die Diskussion um die Verantwortung derer, die heute leben in Bezug auf diejenigen, die noch nicht geboren sind, aber auf unsere Generationen folgen werden, hat sich zumindest in die gesellschaftliche Debatte eingeschlichen. Vor einer Generation noch hatten zumindest die Altersklassen der Moderne nie an so etwas wie Vermächtnis im Sinne von etwas Schützenswertem verschwendet. Der Fortschritt, jene ungestüme Metapher, war erhaben über jeden Zweifel und es musste immer darauf hinauslaufen, dass das Vorbrausen in eine immer größere, schnellere, technischere Zukunft automatisch die Generationen der Zukunft beglücken würde. An die Kollateralschäden dachte niemand, bis sie allzu auffällig und zu globalen Problemen wurden. Zumindest wird seit jener Zeit, dem ausgehenden 20. Jahrhundert, über das Phänomen geredet, allerdings zumeist unter falschen Vorzeichen. Da geht es um die Technik an sich und nicht um die Interessen derer, denen sie gehört und die sie beherrschen.

Der größte Affront gegen den Gedanken der Sorge um die Nachwelt kommt allerdings von einer Gruppe, die vorgibt, die Idee aus moralischen Gründen zu pflegen und genau das Gegenteil macht. Es sind jene, die die Staatsausgaben und die damit verbundenen notwendigen Investitionen über alle Maßen drosseln, um Geld zu scheffeln. Begründet wird dieses Vorgehen mit der Vermeidung von Schulden, die man nachkommenden Generationen nicht vererben wolle. Wäre es das alleine, so könnte das Manöver gelingen, nur hat das Argument eine schäbige, eine sehr schäbige Seite: Die Politik, mit der sie die Sanierung der öffentlichen Haushalte zu realisieren sucht, diese Politik nimmt für immer größere Bevölkerungsschichten Lebensverhältnisse hin, die kein Mensch den Nachkommen je wünschen würde. Wer die Würde aus dem Jetzt verjagt, dem kann kein Mensch glauben, dass es ihm um die Würde im Morgen geht.

Und es drängt sich wieder, immer wieder, die Frage auf, in wessen Händen die Zukunft am besten aufgehoben ist. Wenn in der Politik nicht unter dem Aspekt der Zukunft gesprochen wird, dann ist etwas faul. Es kann nicht nur um die Verteilung dessen gehen, was auf dem Tisch liegt und es kann nicht nur um Bedingungen gehen, die man sich jetzt wünscht. Es geht dabei immer um zweierlei, um die eigene Zukunft und um die Zukunft derer, die auf diesem Planeten, in der Gesellschaft leben dürfen und müssen, wenn wir nicht mehr da sind. Das wäre eine Dimension von Politik, die verantwortlich ist. Und es wäre eine Dimension, die neben der ökologischen vor allem von der sozialen Frage geprägt wäre. Denn wer die soziale Frage nicht stellt, macht sich über die Zukunft keine Gedanken.

Und plötzlich war die Dame nackt!

Menschen haben unterschiedliche politische Dispositionen. Das macht Gesellschaften aus und interessant. Uniformität ist ein Zeichen für den Tod des Wettstreits und des regen Austausches. Insofern ist zu begrüßen, wenn sich ein Meinungsbild ergibt, das disparat ist. Disparität alleine jedoch, als Alleinstellungsmerkmal ist ebenso tödlich wie die Uniformität. Gesellschaften, die keinen Konsens mehr haben und keine Kontur entwickeln, sind ebenso auf dem langen Weg nach unten. Daher ist, bei aller Abneigung gegen die eine Version der Verarmung, Vorsicht gegenüber der anderen geboten. Gute Zeiten, um sich den Zustand einer Gesellschaft unter diesem Aspekt anzusehen, sind die, in denen Wahlen bevorstehen. Dann gilt es. Dann zeigt sich, wie die Gesellschaft gestrickt ist. Und es zeigt sich nicht daran, wen die Menschen wählen, sondern für welche Positionen sie sich zu entscheiden glauben und aus welchen Gründen. Und plötzlich ist die Dame nackt!

Einmal abgesehen von der Tatsache, dass ungefähr eineinhalb Monate vor einer Bundestagswahl kaum etwas davon zeugt, dass so etwas wie eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über den zukünftigen Kurs geführt wird, ist ein Indiz an sich. Urlaubszeit hin oder her. Wäre emotionale Empörung oder rationale Verwerfung im Spiel, wären Konflikte sichtbarer. So plätschert alles vor sich hin und eine dramatische Botschaft für die Situation ist die, dass die Befürworter für die gegenwärtige Kanzlerin zunehmen, obwohl diese sich im Urlaub befindet und nicht zu sehen ist. Aber genau das trifft den Kern. Die Zufriedenheit mit dem Status quo, der nicht vergehen möge, ist eine Dominante in der Konstellation.

Wie insgesamt festzustellen ist, dass zwei wesentliche Aussagen den politischen Diskurs, wenn er diesen Namen überhaupt verdient, prägen: Eine Seite, wahrscheinlich die Mehrheit, ist mit den Zuständen, die im internationalen Vergleich von gediegenem Wohlstand geprägt sind, zufrieden. Dieser Zustand soll erhalten bleiben und es wird nicht hinterfragt, wie der Wohlstand zustande gekommen ist und wie die Perspektiven aussehen, ihn ohne dramatische Konflikte zu erhalten. Die andere Seite wird präsentiert durch diejenigen, die immer mehr ausgegrenzt werden, deren Perspektiven auf dem globalen Basar nach Indien oder Bangladesh verhökert wurden und die eine gerechtere Teilhabe an dem Wohlstand der anderen reklamieren. Rudimentär machen sich hier und da noch Stimmen breit, die für die eine oder andere Umsteuerung wie bei der Energieversorgung, dem Verkehr oder der Ernährung votieren, andere wiederum plädieren für eine Umsteuerung bei den Besitzverhältnissen, doch da hört der Spaß auf.

Im Wesentlichen ist festzuhalten, dass sich die Diskussion in der Republik um Besitzzustände und Besitzverhältnisse dreht. Es geht darum, das zu behalten, was man hat oder das zu bekommen, was die anderen haben. Es ist eine saturierte Diskussion, die, betrachtete man das Land isoliert, durchaus geführt werden könnte. Aber die isolierte Betrachtung geht nun einmal nicht und die Abhängigkeit von internationalen Beziehungen, die Beteiligung an internationalen Konflikte etc. machen die Diskussion zu einer Geisterstunde, die ohne ihres gleichen ist. Denn beide Seiten, aus unterschiedlichen Motiven, wollen den Zustand so erhalten, wie er ist. Nur ist der fiktiv.

Politik ist das Metier, in dem der Zustand analysiert und über die Zukunft verhandelt wird. Politik ist kein Markt, auf dem Waren verteilt werden und danach gehen wieder alle nach Hause. Diesen Eindruck vermittelt jedoch die gegenwärtige Situation vor den Wahlen. Die Zukunft ist ausgeblendet, weil die Pläne, die da vorliegen, zu schweren Auseinandersetzungen führen würden. Deutsche Waffen auf arabischer Seite im Jemen, dem größten Drama derzeit? Wer will das hören? Dekadenz kommt immer bräsig daher.

Leistung in der Politik, Loyalität bei der Arbeit

Im Allgemeinen wird politischen Organisationen zugeschrieben, dass ihr wesentlicher Referenzbegriff die Loyalität ist. Es bedeutet, dass das Fortkommen innerhalb der Organisation davon abhängt, wie loyal sich ein Mitglied gegenüber der Organisation in bestimmten Stresssituationen verhalten hat. Ist die Loyalität entsprechend groß, d.h. kann sich die Organisation und ihre Mitglieder an verantwortlichen Stellen auf die Loyalität des Einzelnen verlassen, so ist das gut für die Organisatin wie für den Einzelnen.

Bei Arbeitsorganisationen ist der Referenzwert ein anderer. Dort geht es um die Kategorie Leistung. Wer gute Leistungen erbringt, trägt zur Schaffung guter Resultate bei und empfiehlt sich für mehr Mitsprache über die Geschicke der Organisation. Wer Leistungen erbringt, weiß, wie der Laden funktioniert und das ist das Kriterium per se. Wertschöpfung ist messbar. Wer viel leistet, schafft große Werte und wer große Werte schafft, hat Gewicht.

Wer der hier vertretenen These kritisch gegenübersteht, möge sich einem Gedankenspiel widmen, das nahezu kuriose Resultate erzielt. Man stelle sich vor, in einer politischen Organisation zähle in erster Linie die Leistung. Es hätte zur Folge, dass das gesamte Spitzenpersonal ausgetauscht werden müsste und der Laden dennoch bei der ersten Krise auseinanderflöge, weil die mangelnde Loyalität die Fluchtbewegung der Leistungsträger zur Folge hätte.

Umgekehrt wäre es fatal, wenn in der Arbeitsorganisation die Loyalität die oberste Priorität genösse. Dann gäbe es zwar ein großes Gefühl des Zusammenhaltes, die Wertschöpfung ginge allerdings gegen Null, weil die Leistungsträger die Organisation verließen wie die Ratten das sinkende Schiff und die Organisation wäre sehr schnell dem Untergang geweiht.

Nicht, dass es nicht auch in der Realität diese kuriosen Gebilde gäbe, aber sie sind selten und zählbar. Das Entscheidende bei der Betrachtung ist jedoch etwas anderes: Wenn die beiden Referenzwerte jeweils für ein System sprechen, die Loyalität für die Politik und die Leistung für die Arbeit, so heißt das nicht, dass nicht beide auch im jeweils anderen System vorhanden sein müssten und sogar einen lebenswichtigen Part spielten. Sowenig wie politische Organisationen ohne Leistung auskommen, so wenig können Leistungsorganisationen ohne Loyalität existieren. Auch wenn der jeweilige Wert nicht das wesentliche Charakteristikum der Organisation ist, so ist er dennoch ein entscheidendes Kriterium.

Im Falle der politischen Organisation kann eine mangelnde Leistungsfähigkeit nicht durch exklusive Loyalität kompensiert werden und eine gänzlich loyalitätsfreie Arbeitsorganisation scheitert auf der ganzen Linie, wie hoch die Wertschöpfung auch sein mag. Dieser Zusammenhang führt zu dem Punkt, der die einzige Gemeinsamkeit der beiden Referenzsysteme beschreibt: Sie können sowohl durch den Entzug der Grundsubstanz wie durch den Entzug des Supplements empfindlich getroffen und gelähmt werden.

Politische Organisationen, denen von den eigenen Mitgliedern die Loyalität verweigert wird, befinden sich sofort auf der Alarmstufe Rot, während sie bei der Verweigerung der Leistung erst allmählich begreifen, dass eine substanzielle Krise bevorsteht. Analog verhält es sich bei der Arbeitsorganisation: Die Verweigerung der Leistung bewirkt den sofortigen Schockzustand, das Ausbleiben der Loyalität zehrt langsamer aus.

Inwieweit welches Mittel von den Mitgliedern gewählt wird, hängt von dem internen Dissens ab. Transparent und ehrlich wäre es, die eigene politische Organisation durch Loyalitätsentzug und die eigene Arbeitsorganisation durch Leistungsverweigerung zu warnen. Die jeweils andere Option wirkt eher wie ein schleichendes Gift. Letzteres wird momentan favorisiert. Die klaren Worte fehlen. In der Politik fehlt es an Leistung, und bei der Arbeit mangelt es an Loyalität.