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Portugal: Der Mythos kehrt zurück

Ein Mosaik ist entstanden in Portugal. Es ist ein Mosaik, das sehr an eine Zeit erinnert, die für viele Jahre längst der Vergangenheit anzugehören schien. Es ist die Zeit, als der Diktator Salazar mit eiserner Hand das Land regierte und die Verhältnisse nicht rückständiger und ungerechter hätten sein können. Über Jahrzehnte hatte der Diktator das Land regiert und versucht, den wenigen reichen Familien das Land zu sichern, das nach dem Niedergang des Kolonialismus in die Knie gegangen war. Dann, 1974, wurde Portugal von dem Fluch der Diktatur erlöst. In Wahrheit handelte es sich um einen Putsch der niederen Ränge des Militärs. Eingegangen ist dieser friedliche Putsch jedoch unter der Bezeichnung der Nelkenrevolution. Bei diesem Putsch waren kaum Schüsse abgegeben worden und die Bevölkerung hatte den umjubelten Soldaten Nelken in die Gewehrläufe gesteckt. Es folgte ein Neuaufbau, den der Westen, auch die von Willy Brandt geleitete sozialistische Internationale, mit vereinten Kräften unterstützt hatte.

Dennoch hatte sich in der Folge der Nelkenrevolution Erstaunliches getan, wovon allerdings wenig über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde. Es entstanden einige Kooperativen auf den enteigneten Gütern der Großgrundbesitzer, die es bis in das 21. Jahrhundert wirtschaftlich geschafft haben, obwohl die Integration Portugals in die Europäische Union immer mehr die Verhältnisse hin zu einer neuen Art der Privatwirtschaft restauriert hatte. Das, was in diesem Zuge als ein gelungener Weg propagiert worden war, befreite das Land tatsächlich von der faschistischen Willkür, am System der ungleichen Verteilung der Güter hat sich nichts geändert.

Und die Verhältnisse, die erst so richtig nach der Weltfinanzkrise im Jahr 2008 zum Ausdruck kamen, hinterließen ein Bild, das sich als ein neues System der Unterdrückung herausgestellt hat, das keinen Anlass zur Hoffnung gab. Da fallen dann Mosaiksteine auf, die erschrecken. Das Land gehört nach wie vor einem Dutzend Familien, die immer schon da waren und die Portugal unter sich aufteilen. Und dann gab es da noch Kredite und Korruptionsskandale, die sich ausgerechnet um deutsche U-Bootkäufe drehten und einen Verteidigungsminister den Job kosteten. Da gab es im Zusammenhang mit der vermeintlichen Sanierung Erfolgsmeldungen für die Chef-Ideologen des Wirtschaftsliberalismus, wie die komplette Privatisierung der Trinkwasserversorgung und vieler anderer lebenswichtiger Dinge, von denen sich in anderen Teilen Europas niemand ein Bild machen kann und will.

Portugal, das Land mit den 10 Millionen Einwohnern, verlor wieder einmal eine halbe Millionen Menschen, die das Weite suchten, weil es im eigenen Land kein Auskommen mehr gab. Insgesamt leben heute ca. 50 Millionen Portugiesen, die Anspruch auf einen Pass hätten, über die Welt verstreut, allein in Paris leben mit über einer Millionen Menschen fast doppelt so viele Portugiesen wie in der Landeshauptstadt Lissabon. Nun, bei der letzten Wahl, wurde die Regierung des Bankrottverwalters Coelho, der hündisch alle Austeritätsvorgaben der Fraktion um Schäuble umgesetzt hatte, abgewählt und durch ein Linksbündnis, bestehend aus einem linken Sammelblock, Sozialisten und Kommunisten unter der Führung des neuen Präsidenten Costa ersetzt. Seitdem ist die Stimmung im Lande merklich besser geworden. Ob sich die Verhältnisse werden ändern lassen, steht noch in den Sternen. Zumindest sitzen auf portugiesischer Seite keine Befehlsempfänger mehr am Tisch.

Es sollte schon zu denken geben, wenn vor einigen Tagen, zum 1. Mai, im ganzen Land der Mythos der Nelkenrevolution wieder beschworen wurde. Die Besitzverhältnisse stehen am Pranger, wie damals, und immer mehr Portugiesen suchen den Weg in einer Volksfront gegen den Geist der totalen Ausplünderung. Gibt das irgendwem zu denken?

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EM: Der Fußballkapitalismus und die alten Werte

Das Finale bestätigte die Eindrücke, die sich während des Turniersaufgedrängt hatten. Fußballerisch waren keine Innovationen zu verzeichnen. Vor allem bei den Auftritten Italiens und Portugals fiel die Rückbesinnung auf den Gemeinschaftsgeist auf. Von deutscher Seite her sich darüber zu mokieren, ist insofern absurd, als dass das Branding Die Mannschaft nun schon über Jahre läuft. Wie insgesamt die Polemik gegen Portugal unangebracht ist, weil sich das Team a) als eine Turniermannschaft und b) als ein sehr stabiles Team erwiesen hat. Der einzige Makel, den man ihm zuweisen muss ist die Tatsache, dass sie sich den Pokal geholt haben, obwohl im UEFA-Establishment entweder Frankreich oder Deutschland gesetzt waren. Gut, dass es nicht so gekommen ist, denn die Leistungen dieser beiden Teams waren bereits in einer lauen Vorrunde sehr durchwachsen.

Die Propaganda in der Gruppenphase hat einen Vorgeschmack dafür geliefert, was das Fußballvolk bei der nächsten WM in Russland erwartet. Während die Fokussierung auf russische Hooligans entlarvten, wie milde man mit den britischen Vandalen umging, wurde klar, der Kalte Krieg gegen Russland steht nach wie vor auf dem Programm und wird auch von der UEFA verfolgt und vor dem Brexit, als noch Hoffnung auf das Plebiszit bestand, durfte man gegen England nicht vorgehen. Da stellt sich die Frage, wodurch unterscheiden sich eigentlich die Initiatoren und Organisatoren dieser EM von den Hooligans? Eines ist sicher: an pechschwarzen Stunden hat es in diesem Turnier wahrlich nicht gefehlt.

Dem amtierenden Weltmeister ist es nicht gelungen, sein Erbe auch nur zu verwalten, geschweige denn mit Innovationen aufzuwarten. In zwei Jahren ist es nicht gelungen, Leistungsträger wie Philip Lahm oder Miroslav Klose zu ersetzen. Thomas Müller lag bei dieser EM auf dem Platz wie der Schatz im Silbersee, weil ein Lahm ihn nicht bediente und der Angriff war eine zahnlose Tiki-Taka-Gala. Über diese naheliegenden Fragen wurde nicht einmal diskutiert, weil alles, was auch nur den Anschein an Kritik erweckt, als Majestätsbeleidigung diffamiert wird. So wird aus Absolutismus schnell freier Fall. Nach dem Turnier ist die Frage berechtigt, wo sich der Bundestrainer in den letzten beiden Jahren mental aufgehalten hat. Gerade wegen des durch die Talentförderung existierenden Potenzials ist der Ruf nach neuen Impulsen nicht nur berechtigt, sondern logisch.

Die Teams, die positiv in Erinnerung bleiben werden, sind vor allem Island, Wales und Nordirland. Sie sind es nicht unbedingt wegen ihrer Spielweise, die zum Teil archaisch wirkte, aber dennoch erfolgreich war, weil die Favoriten überspielt und zum Teil unmotiviert wirkten. Aber sie überzeugten durch ihre Anhänger, die dem Spiel viel Freude abgewinnen konnten und das auch zeigten. So wird es auch dort nicht bleiben, aber es hat deutlich gemacht, woran es dem immer dramatischer werdenden Fußballkapitalismus zunehmend fehlt, nämlich an Herzblut. Dass damit die Marktgrundlage, die auf der Begeisterung der Massen beruht, zerstört wird, interessiert die Funktionäre der Verbände wenig, genauso wie das bei denen der EU in vielen Fällen zu beobachten ist.

Und damit wären wir wieder bei der Politik. Was hat die EM uns gezeigt? Frankreich und England wurden überschätzt. England massiv und Frankreich fatal. Deutschland hat das Geschehen dominiert, aber keinen Zugriff entwickeln können. Ein neuer Spirit, der auf alten Werten beruht, wurde in Italien und Portugal entwickelt. Noch Fragen?