Schlagwort-Archive: post-heroische Gesellschaft

Das Windmühlenparadigma

Seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts trat ein Phänomen auf, das zunächst nicht selten von der herrschenden Politik als das Sankt-Florians-Prinzip diskreditiert wurde: Der Protest gegen technische Großprojekte an einem bestimmten Standort. Richtig Schwung bekam die Bewegung, dass sich Bürgerinnen und Bürger gegen derartige Projekte äußerten, als nach der Ölkrise die damalige Bundesregierung auf Kernkraft setzte. Vor allem das badische Wyhl und das norddeutsche Brokdorf wurden nicht nur Fanale gegen die Kernkraft, sondern auch Beispiele eines massiven, entschlossenen Widerstands gegen Kernenergie und für einen breiten Bürgerprotest. Seitdem hat es nahezu Tradition in diesem Land, dass sich die Bevölkerung zusammenschließt und zu verhindern sucht, was durchaus auf formal-demokratischem Wege zustande kam. Der Vorwurf des Sankt-Florian-Prinzips greift jedoch kaum noch. Spätestens in Brokdorf begriff das der Widerstand und die Parole Kein Kernkraftwerk in Brokdorf! wurde relativ schnell um den Zusatz Und auch nicht anderswo! erweitert.

Die Bewegung und ihre Erfolge blieben nicht ohne Wirkung. Sie war ein Zusammenschluss unterschiedlicher sozialer und politischer Gruppen und sie entwickelte sich zum Sammelbecken der ökologisch orientierten Politik in Deutschland. Daraus entstanden zum einen die Grünen, zum anderen etablierte sich der Impetus, technischen Großprojekten den Kampf anzusagen, wenn Mensch und Natur bedroht zu sein schienen. Dass der Staat zunächst die Option der atomaren Energieversorgung mit brachialen Mitteln durchsetzte, ist genauso bekannt wie der jüngste Meinungsumschwung, der auf den Ausstieg aus derselben setzt.

Was von den Massenprotesten blieb und immer wieder aufkeimte war die Form des Widerstandes bei bestimmten Anliegen. Was sich nun abzeichnet, ist eine recht einseitige Reklamierung der Position der ökologischen Notwendigkeit bei gleichzeitig unterschiedlicher Wertschätzung der Protestmotive. Kritiker der ökologischen Argumentation führten nicht zu Unrecht immer wieder Beispiele an, von denen es tatsächlich zahlreiche in der Republik gibt und die einem industriellen Machtzentrum wie der Bundesrepublik das Leben schwer machten: Jahrelange Bauzeitverzögerungen von ökologisch unbedenklichen Großprojekten, die wirtschaftlich sinnvoll und infrastrukturell angebracht waren, weil zunächst Feldhamsterpopulationen umgesiedelt, Unkenmigrationen gesichert oder Fledermausrefugien verlagert werden mussten. Der Rechtsweg wurde durch den Widerstand immer wieder genutzt und die Argumentation blieb ökologisch.

Heute ist zu vernehmen, dass sich im intellektuellen Kernland dieses einstmaligen Widerstandes, der es allerdings bis in die Parlamente geschafft hat, gewaltiger Unmut breit macht, wenn eben diese ökologische Argumentation benutzt wird, um Projekte zu verhindern, die eigentlich als ökologisch sinnvoll erachtet werden. Ein markantes Beispiel ist der wachsende Widerstand gegen die breitflächig auftauchenden Windkrafträderparks. Die Kritiker berufen sich, nicht zu Unrecht, auf die Gefahr für bestimmte Vogelarten wie zum Beispiel den Roten Milan, einen heimischen Raubvogel. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: Die vom Land Baden-Württemberg getriebenen Versuche, mit geothermischer Energie zu arbeiten, verursachten bei den bisherigen Projekten bedenkliche Schäden. Eben der verantwortliche grüne Minister mahnte jüngst in den Medien doch Langmut walten zu lassen und Geduld zu haben, eine Argumentation, die unter anderen Umständen und an anderem Ort die Widerstandsbewegung zur Weißglut treiben würde.

Das sich hinter diesem Paradigmenwechsel verbergende Phänomen ist das Resultat einer wohl unwiederbringlichen Etablierung. Die Betreiber der heutigen Energiewende sind in das Lager derer übergewechselt, die das Recht exklusiv für ihre Interessen reklamieren. Das verwundert nicht, weil es immer so ist. Das Einzige, was aus dieser aktuellen Entwicklung positiv resultieren kann, ist die Frage, ob der Post-Heroismus, vor allem in den letzten Jahren als Non-Plus-Ultra der Bürgeremanzipation gepriesen, wirklich die Grundlage für ein Gemeinwesen sein kann. Oder ob es sich dabei nicht doch um eine hedonistische Infantilisierung handelt, die keine positiven Perspektiven zulässt.

Heroische und post-heroische Gesellschaften

Deutsche Feuerwehrleute, die mit internationalen Hilfstrupps nach Fukushima gefahren waren, berichteten von sehr merkwürdigen Geschehnissen. Ein wenig genant, aber dennoch um Wahrhaftigkeit bemüht, erzählten sie, dass sie nach nur wenigen Tagen mit ihren Kollegen aus anderen westlichen Ländern wieder unverrichteter Dinge abgereist waren. Ihre routinemäßigen Vorbereitungen für den Hilfseinsatz, die die Eigensicherung als wichtigsten Bestandteil der Prozedur in sich tragen, lösten bei den japanischen Counterparts große Verwunderung aus. Die Sorge um die eigene Unversehrtheit wurde schließlich zum Hinderungsgrund einer erfolgreichen Kooperation.

Wie die Feuerwehrleute weiter berichteten, waren die freiwilligen Hilfsangebote seitens der japanischen Zivilbevölkerung von den staatlichen Behörden kaum zu organisieren. Fast alle, die selbst ihr Dach über dem Kopf nicht verloren hatten, boten ihr Heim für die Obdachlosen an, andere organisierten Garküchen, wieder andere Kinderbetreuung und direkte Rettungsaktionen. Die japanische Bevölkerung der betroffenen Region hat sich zu einer gewaltigen demokratischen Bewegung des Desastermanagements zusammengefunden.

Heroische Gesellschaften werden als solche definiert, die über einen Konsens in der Frage des eigenen Opferbeitrages verfügen. Es existieren Werte, sei es religiös oder weltanschaulich, die einen Rang besitzen, der das Opfer der eigenen Person für das Ideal der Gesellschaft rechtfertigt. Die Geschehnisse in Fukushima und die Reaktion der japanischen Zivilbevölkerung dokumentieren in sehr starkem Maße, dass die japanische Gesellschaft durchaus noch als eine heroische bezeichnet werden kann.

Nicht nur die deutschen Feuerwehrleute, sondern auch das Verhalten der deutschen Zivilbevölkerung angesichts einer nicht direkten Betroffenheit in Bezug auf den japanischen Tsunami und die Havarie der dortigen Kernreaktoren deutet mitsamt ihren politischen Implikationen darauf hin, dass wir längst in dem Stadium einer post-heroischen Gesellschaft angekommen sind. Letzteres ist kein Makel, aber dennoch die Feststellung wert, weil aus dem Fehlen hinsichtlich eines Opferkonsenses durchaus Prognosen über die Zukunft der inneren gesellschaftlichen Entwicklungen gestellt werden können.

Post-heroische Gesellschaften leiden in starkem Maße über einen die Opferbereitschaft überlagernden Konsensverlust, der es zunehmend erschwert, politische Willensbildung mehrheitsfähig zu gestalten. Eine Interessen folgende Partikularisierung der Gesellschaft ist die Folge und selbst die privilegierten Eliten, die sich in früheren historischen Formationen für das Allgemeine verantwortlich fühlten, gleiten ab in den schnöden Vorteil der Stunde.

Und das, was in der Kommunikationstheorie als die vorhandene Psychostruktur einer gemeinsamen Intentionalität gehandelt wird, gehört ebenfalls der Vergangenheit an. Da wird so etwas wie gesellschaftliche Sinnstiftung wohl als die größte Herausforderung zu benennen sein, auf die wir treffen, in der post-heroischen Gesellschaft.