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In der Sphäre rauchender Colts

Ich erinnere mich an eine Situation, wo mich mein in der westlichen Hemisphäre geprägtes Weltbild nicht mehr weiterbrachte. Es war im Indonesien um die Jahrtausendwende. Das Land hatte sich von dem eisernen Griff des Diktators befreit, aber viele Kräfte des alten Regimes wirkten noch hinter und vor den Kulissen. Vieles war lebensgefährlich für diejenigen, die den Neuanfang gewagt hatten und niemand hätte vorhersagen können, wie der Machtkampf letztendlich ausgeht. Es ist erst Mitternacht, so sagten viele in der Metapher des Schattenspiels, und das bedeutete, dass noch bis zum Sonnenaufgang einiges geschehen konnte. 

In dieser Lage bot sich die Möglichkeit, durch schnelles Handeln einen taktischen Vorteil bei der neuen Regierungsbildung zu erhalten. Nur die Person, die hätte handeln müssen, tat es nicht. Sie blieb in dieser Phase zu lange passiv, sodass der Vorteil nicht mehr gegeben war. Ich war zugegen, als die Frage mit der Person von sehr enttäuschten Mitstreitern angesprochen wurde. Zum Teil wütend wurde der Mann konfrontiert, und es handelte sich um jemanden, der durchaus als ein Profi im Spiel der Macht bezeichnet werden konnte. 

Er begründete sein Nicht-Handeln mit den schlichten Worten, er habe Angst gehabt. Was in mir Verblüffung auslöste, widersprach es doch allem, was sich ein Mann, im Spiel der Macht, in unseren Breitengraden, leisten konnte, so war es für seine Mitstreiter die einzige Erklärung, die sie akzeptierten. Wenn das so ist, so die erleichterte Reaktion der anderen, dann hast du richtig gehandelt. Denn Angst, Angst haben wir alle, aber wenn sie zu stark im Spiel ist, dann wird es zu gefährlich. Dann können Dinge passieren, die man nicht mehr kontrollieren kann. Weder faktisch noch emotional.

Wie so oft in dieser Zeit unterzog ich mich der Übung, das Ereignis in meinen Kulturkreis zu übertragen. Ich stellte mir vor, ein erfahrener und versierter Politiker bliebe in einer Lage, in der er sich profilieren und seiner Sache dienen könnte, einfach passiv und er er erklärte hinterher den enttäuschten Beobachtern und der lauernden Presse, er habe schlichtweg Angst gehabt. Die Reaktion wäre eine andere gewesen als in Indonesien. Man hätte sich über diesen Menschen empört, man hätte an seiner Männlichkeit gezweifelt, man hätte ihm die Eignung für die Politik abgesprochen und die Witze, die über ihn gerissen worden wären, hätten kein Ende genommen.

Bei der Betrachtung dieses Ereignisses geht es nicht um die Konfrontation von Weltbildern. Das wäre vielleicht westlich, sondern es geht um die Reflexion von Menschen, Rollen und Zuständen, vielleicht eher östlich, wenn diese Kategorien nicht zu unscharf sind.

Denn der Mann, um den es ging, hatte ja nicht sein Recht auf Angst eingefordert und eine große Toleranz gegenüber seinem Verhalten, das durch Passivität gekennzeichnet gewesen war, verlangt, sondern er hatte eingestanden, dass sein persönlicher Zustand kein guter gewesen war, um in einer bestimmten historischen Situation einem Handlungsmuster zu folgen, das plausibel erschien. Das ist hohe Reflexion, scharfer Verstand und Empathie zugleich. 

Es geht darum, diese Form von Zivilisation besser kennenzulernen und von ihr zu lernen. Jeder Tag, der vergeht, ist ein Lehrstück, wie barbarisch und brachial die Umgangsformen sind, die aus dem Westen gegenüber anderen Kulturen, die reflektiert handeln, an den Tag gelegt werden. Da bewegt man sich in der Sphäre rauchender Colts und denkt nicht darüber nach, wie das auf die Zukunft wirkt. Dabei ist Angst natürlich Tabu. Aber sie existiert, überall.  

Brennende Wälder, rauchende Colts

Es sind Hundstage. Normalerweise die Zeit im Sommer, in der sich alles, wenn möglich, in den Schatten legt und in einem Dämmerzustand darauf wartet, dass es weiter gehen kann. Dann regiert das so genannte Sommerloch und triviale Themen erobern die Aufmerksamkeit der medialen Informationsindustrie. Da kann schon mal ein aus einer Kölner Wohnung entlaufener Kaiman wochenlang die Gemüter erhitzen. Irgendwie ist es eine Zeit, in der vielleicht auch mal die Stunden zur Verfügung stehen, jenseits der Rationalität und Verwertbarkeit, das Dasein auf humorvolle Weise zu reflektieren. 

Ein Blick auf die immer laufenden Nachrichtenticker zeigt jedoch, dass selbst die Hundstage in diesem Jahr nicht den Freiraum schaffen, den wir von ihnen gewohnt sind. Es ist ein dramatischer Sommer, in dem wir uns befinden. Ja, es bietet sich die Formulierung an, die als abgegriffen gilt: die Welt ist aus den Fugen geraten. Zumindest die Welt, wie wir sie kennen. Es scheint, als stünden sich die Kräfte, die verantwortlich zeichnen für den Punkt, auf den sich alles so verhängnisvoll zubewegt, bereit für ein letztes Gefecht.

Die Wälder brennen. Jetzt die des Amazonas, die auf Kalimantan, besser bekannt unter dem kolonialen Titel Borneo, dem anderen Lungenflügel des Planeten, brennen seit Unzeiten, jedes Jahr, um Platz für das Palmöl zu schaffen. Worum geht es? Um Verwertung und Ressourcen. Wie immer. 

In vielen Ländern der Welt regt sich massiver Widerstand gegen die Auswirkungen eines als golden verkündeten Zeitalters. Das, was 1990 triumphal als Ende der Geschichte und Sieg des Kapitalismus propagiert wurde, mag, wenn die Boten der Idee der Gier weiter das Sagen haben, in einem finalen Brand enden. Deshalb sind die brennenden Wälder ein treffendes Symbol für den Zustand der Hinterlassenschaft der Siegermächte über die soziale Idee, egal wie fehlerhaft sie auch gewesen sein mag.

Ob das, was die imperiale Welt den Nahen Osten nennt, ob die Westgrenze Russlands, ob die unzähligen Versuche von Regime Changes, ob die Eskalation in Venezuela, überall werden Lunten gezündet, um neben der ökonomischen Karte auch die militärische spielen zu können. Zur Vorbereitung laufen Produktion und Verkauf von Waffen auf Hochtouren. Die Märkte werden bedient, sind sie gesättigt, geht es los. 

Die Illusion ist der Tod der Idee. Wer glaubt, die Teufel seien durch den bloßen Diskurs noch aufzuhalten, liegt bereits im Schoß der Illusion. Dass Menschen auf die Straßen gehen, in Ost oder West, im Süden oder im Norden, ist ein gutes Zeichen. Es dokumentiert, dass sie nicht einverstanden sind, mit dem, wie es sich entwickelt. Es zeigt aber auch, im einen wie im anderen Fall, dass sie geblendet und das Opfer von Propaganda sind. Um dem entgegentreten zu können, bedarf es einer Fortsetzung des kritischen Diskurses.

Allein wird das jedoch so wenig ausrichten wie der Protest von der Straße. Es geht darum, die Funktionsfähigkeit des sich mörderisch fortbewegenden Systems zu stören. Der Streik wird eine entscheidende Rolle einnehmen. Nur wenn die Räder stillstehen, rollen sie nicht ins Verderben. Es sind jedoch keine Räder mehr, um die es gehen wird, sondern um Strom. Aber das werden die wissen, die den qualitativ notwendigen Gedankengang gegangen sind. Und was nach der Lähmung der Maschinen kommen wird, wird sich im Prozess der Lähmung zeigen müssen. Da ist das Vertrauen auf den Prozess vonnöten. Ein Schritt folgt dem anderen. Kein Schritt jedoch bedeutet das Aus. Für alle!