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Nun auch der kollektive Masochismus?

Angesichts der verschiedenen Formen der Einschränkung der Bewegungsfreiheit und angesichts der Maxime, die als social distancing bezeichnet wird, stellte sich sehr früh die Frage, ob wir uns auf dem Weg zu einer Art kollektivem Hospitalismus befinden. 

Wer an dieser These zweifelt, sollte sich das gesamte gesellschaftliche Spektrum anschauen und nicht bei der eigenen Blase verweilen. Ersteres bietet eine anschauliche Revue, die die These untermauert: zunehmende Verkümmerung der Fähigkeit, kontroverse Standpunkte, auch in Alltagssituationen in ziviler Form auszutragen; wachsende Vermutung, dass höhere, dunkle Kräfte am Werk sind; panische Angst vor Alternativen zum Gegebenen; psychotisches Verhalten, selbst in ansonsten gängigen Routinen; Selbstisolation; Antriebslosigkeit; Tendenzen zur Selbstverstümmelung; Depressionen und dystopische Stimmungen. Der kollektive Hospitalismus ist präsent, daran gibt es keinen Zweifel.

Was angesichts einer gefühlt sich immer weiter in die Ferne verschiebenden Beendigung der Drangsalierungen, Einschränkungen und Entrechtungen abzeichnet, ist die große Frage. Gehen die von dem gegenwärtig grassierenden Psychobefinden Infizierten in die Richtung der sukzessiven Selbstaufgabe, wie das bei dem Krankheitsbild des Hospitalismus üblich ist, oder wenden sie sich aus einem Motiv der Selbsterhaltung gegen die bestehende Ordnung und rebellieren? Genau diese Frage scheint sie noch Regierenden zu bewegen. Denn ganz nach bewährter Methode lassen die bestimmte Standpunkte, die in das Konzept der Befriedung passen, über die Auftragsmedien verbreiten. In der Hoffnung, dass die Bevölkerung die defätistischen Statements annimmt und glaubt.

Demzufolge ist ein Großteil der zur Frage der Maßnahmen gegen die Pandemie Befragten der Meinung, dass die existierenden Handlungsoptionen zu gering sind und sie sich eine härtere, regulierendere, rigorosere Hand des Staates wünschen. Die Präsentation dieser vermeintlichen Ergebnisse erscheint deshalb als grotesk, weil in den jüngst zurückliegenden Wahlen ausgerechnet die Positionen zu einer rechnerischen Mehrheit kamen, die sich gegen den vermeintlichen Wunsch nach der Zuchtrute wendeten. Aber darauf kommt es gar nicht an.

Entscheidend ist die Frage, ob, entgegen allen Statements, nicht außerhalb der als gekapert zu bezeichnenden Leitmedien genau das Gegenteil zu vernehmen ist. Dass, was nach der dringenden Bitte einer nachhaltigen Montage demokratischer Gepflogenheiten klingt, ist nichts anderes als der Wunsch der Profiteure der gegenwärtigen Verhältnisse, auf einen kollektiven Masochismus zu treffen, der ihnen alle Freiheiten ermöglicht. Man muss keine besonders anstößigen Vergehen aufdecken, um die Degeneration der Presse attestieren zu können. Sie geht, inklusive all derer, die nichts anderes mehr im Kopf haben als Regel und Sanktion, von der Unmöglichkeit demokratischer und autonomer Entscheidungsfindung aus. Tiefer kann man nicht sinken. Und alle haben es bemerkt, mit Ausnahme des eigenen, hermetisch abgeriegelten Subsystems. 

Die Therapie gegen den Hospitalismus ist klar umschrieben: physische Regeneration, Sport, soziale Interaktion, Reflexion der eigenen Geschichte, Erarbeitung von konstruktiven Perspektiven. Der von fingierten Umfragen vorgeschlagene Weg eines kollektiven Masochismus würde, folgt man den pathologischen Befunden des Hospitalismus, letztendlich zum Tod führen. 

Sollte noch so etwas wie ein Konsens herrschen, dass das gesellschaftliche Überleben oberstes Ziel ist, dann müssen die Ursachen für das schlechte Befinden dahingehend beseitigt werden, dass die Eigenverantwortung gestärkt wird und die defätistischen Injektionen, die vom medialen Kartell regelmäßig verabreicht werden, möglichst schnell vom Markt verschwinden. 

Soll der bereits fortschreitende Hospitalismus nicht weiter um sich greifen und in einen kollektiven Masochismus führen, muss die Entscheidungsautonomie zurück, der demokratische Diskurs ermöglicht und der organisierte Defätismus beseitigt werden.  

„Über einem freien Menschen ist nur noch der Himmel!“

Es ist eigenartig. Es geht seit Jahrzehnten in der hiesigen Politik immer wieder um die Frage von einer Ausweitung der Kontrolle. Jede Krise, und davon gab es viele, wenn man nicht zu dem Urteil kommt, dass es sich um einen immer währenden Krisenzustand handelt, jede Krise wird versucht einzudämmen, indem neue Gesetze und Bestimmungen erlassen werden, die das Maß der Kontrollmöglichkeiten vergrößern. Das lenkt zum einen von der Frage ab, ob da vielleicht etwas systemisch nicht stimmen kann und wirft die Aufmerksamkeit auf bestimmte Individuen oder Gruppen, die scheinbar völlig erratisch agieren und den Zustand der Dysfunktion zu verantworten haben. Seltsamerweise handelt es sich dann aber um Zielgruppen, die selbst als Opfer der Krise zu bezeichnen sind und die sich aus ihrer Lage heraus einen Weg suchen, der sich nicht immer mit den normativen Vorgaben deckt. Sie werden dann als die Ursache der Krise ausgemacht und ihre Reglementierung wird als Lösung verkauft. Die Erzählung ist immer die gleiche. Wenn die Opfer sanktioniert werden, ist das Problem gelöst.

Abgesehen von der mit diesem Vorgehen einhergehenden Vorstellung, dass mit dem System von Regel und Sanktion ein Gemeinwesen regiert werden kann, was, gelinde gesagt, als ein Evergreen seit dem preußischen Obrigkeitsstaat in deutschen Landen zu bezeichnen ist, ist auch diese Therapie, wenn sie überhaupt wirkt, nur ein Erfolg von kurzer Dauer. Zumeist vergeht kaum Zeit, bis das nächste Thema kommt und neue Aufmerksamkeit erfordert. Der Handlungsrahmen ist bekannt. Der Eurokrise folgte die Bankenkrise, es kam die Ukraine-Krise, die Flüchtlingskrise und dann die pandemische Krise. Immer gab es vermeintlich Schuldige, die für eine Erklärung herhalten mussten. Nur die eigene Agenda und die eigene Handlungsweise kamen so nie in den Fokus der Kritik. Die logische Schlussfolgerung, auf die sich nahezu alle geeinigt haben, ist einfach wie eingehend: Schuld sind immer die anderen. Das ist schön gedacht, wirkt aber seit längerem nicht mehr so richtig und hat aufgrund unterschiedlicher Wahrnehmungen zu einer massiven gesellschaftlichen Spaltung geführt. Oder überwiegt tatsächlich der Eindruck, dass mit Griechenland und Italien, Lehman, Putin, Assad und den Chinesen alles gesagt ist? 

Was zudem verstört, ist die Entwicklung und Durchsetzung der jeweiligen Kontroll-Agenda. In Hinterzimmern, ohne die dazu zuständigen Parlamente einzubeziehen, in Akten der Kompetenzanmaßung, eskortiert von die Gesellschaft spaltenden Medienkampagnen und, wenn alle Stricke reißen, in Abstimmungen während großer Fußballturniere, wie es gerade wieder geschehen ist. Da wird dokumentiert, was man von den eigenen Auftraggebern hält und man suggeriert sich gegenseitig, versteht sich, wie verantwortungsvoll man doch handelt. Unterm Strich jedoch geht es um immer mehr Kontrolle.

Ein Staat, der sich zunehmend und mehrheitlich mit der Kontrolle der Bevölkerung beschäftigt, anstatt danach zu trachten, sich selbst dahingehend überflüssig zu machen, als dass er sich darum sorgt, den Bürgerinnen und Bürgern Bedingungen zu bieten, die es ihnen ermöglichen, ihre Potenziale zu entfalten, entpuppt sich am Ende des Tages als ein Unterdrückungsinstrument, das im Sinne derer funktioniert, die für die systemische Dauerkrise durch ihr Handeln verantwortlich sind. Da drängt sich der Eindruck auf, dass die vielen Regenbogenfahnen, Gendersternchen und Baumpflanzungen der Honig sind, mit dem die bittere Medizin der fortschreitenden Freiheitsberaubung verabreicht werden soll. 

In einem russischen Sprichwort heißt es, über einem freien Menschen sei nur noch der Himmel. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass viele diesem Zustand die Pest mit all ihren Einschränkungen und Verordnungen vorziehen. 

Das Modell von Regel und Sanktion

Menschen, die sich gemeinsam in einer Gesellschaft arrangieren, haben Vereinbarungen zu treffen. Die beziehen sich auf Rechte, Freiheiten und Pflichten, die alle betreffen und ein Regelwerk, das eine Ordnung etabliert, die das Zusammenleben ermöglicht und das Existenzielle garantiert. Die Geschichte liefert in dieser Hinsicht unterschiedliche Entwicklungsphasen, von der Alleinherrschaft von Tyrannen und Autokraten, der Herrschaft von Klassen bis hin zu dem, was als die modernen Demokratie bezeichnet wird. Die Staatsform allein, das sei bemerkt, sagt jedoch nicht unbedingt alles aus über tatsächliche Rechte und Freiheiten. Aufgeklärte Monarchien haben ihren Bürgern in dieser Hinsicht so manches mal mehr gegeben als formale Demokratien, die nichts als ein Potemkinsches Dorf für eine Klassengesellschaft waren. Wie überall im Leben ist das Wesen einer Sache längst nicht durchschaut, wenn man lediglich auf das Etikett blickt. 

Aber, wie ist es denn wirklich? Wie können wir erkennen, ob es in einer Gesellschaft und deren Ordnung so zu geht, dass sich die einzelnen Glieder als voll akzeptierte Subjekte fühlen, unabhängig von der Klassen- oder Individualfrage? Gibt es etwas, wodurch aufgeschlüsselt werden kann, inwiefern sich die Gesellschaft als Herrschaft einer Gruppe über die anderen oder als Arrangement von Gleichen mit unterschiedlichen Rollen begreift? 

Unabhängig von der Staatsform scheint es so etwas zu geben. Es zu finden ist gar nicht so schwer und es lässt sich in wenigen Sätzen beschreiben. Demnach unterbreiten in den Gesellschaften, in denen sich die Regierenden als funktionale Auftragnehmer des Ganzen verstehen, diese der Gesellschaft Vorschläge, deren Vor- und Nachteile sie darlegen, und werben um die Zustimmung. Ihr Verhältnis zu ihren Auftraggebern ist weder devot noch diktatorisch, und der Gestus, mit dem sie regieren, kann am besten mit dem Funktionsmodell von Appell und Belohnung beschrieben werden. Sie appellieren, um für bestimmte Verhaltens- und Handlungsweisen zu werben und sie belohnen diejenigen Gruppen oder Individuen, die sich daran halten.

Im anderen, negativen Fall, betrachten sich die Regierenden als über der Bevölkerung stehende, sie fühlen sich dieser überlegen und sie handeln ihr gegenüber als hätte sie es mit Unmündigen zu tun, die nicht wüssten, was gut für sie ist. Das gedankliche Modell, das sich im Regierungsverständnis wie im Regierungsstil niederschlägt, ist das von Regel und Sanktion. Alle Aktivitäten werden darauf ausgerichtet, ein dichtes, alle Eventualitäten berücksichtigendes Regelwerk zu erstellen, in dem festgelegt ist, wer was in welchen Situationen zu tun oder zu lassen hat. Und es wird, quasi als logische Konsequenz zu jeder Abweichung von dem im Reglement festgelegten Verhalten eine Sanktion bestimmt, die dafür sorgt, dass der normativen Forderung von Verhalten bei Nichtbefolgung eine Sanktion folgt, die bestraft.

Nicht, dass, egal in welcher Gesellschaft, auch Fälle wie letztere ihre Existenzberechtigung hätten, quasi bei schweren Fällen der Schädigung des Gemeinwohls. Wenn sich allerdings im Lager der Regierenden die Betrachtung von Regel und Sanktion als die Ultima Ratio für alle Fälle etabliert, dann ist die Pforte zur Herrschaft in schlechtestem Sinne weit offen, der Obrigkeitsstaat, bleiben wir in unserer Zeit, der geführt wird von einer bürokratischen Nomenklatura, hat sich etabliert. Appelle mag es noch geben, Belohnungen sind nicht in Sicht, die Sprache ist die eines Zuchtmeisters, wohin man schaut, Regeln und Sanktionen. 

Es erscheint ein guter Rat zu sein, sich genau anzuschauen, wer mit dieser Denkweise, der von Regel und Sanktion, unterwegs ist. Auch und vor allem bei der Entscheidung, wohin in Zukunft die Reise gehen soll.