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Innovation und Konsolidierung

Die Frage ist  mindestens so alt wie das geschriebene Wort. Soziale Systeme verfügen über Statik wie Dynamik, Stabilität und Innovation, Konstruktion und Destruktion. Seit wir über eine Historiographie verfügen sind wir in der Lage, politische, soziale, wirtschaftliche oder Familiensysteme auf ihre Konsistenz hin zu analysieren. Das Interessante bei allem Erkenntniszuwachs ist das Handeln der Menschen, trotz dieses ungeheuren Studienmaterials immer wieder in die gleichen Fallen zu tappen: Die Überdehnung einer Komponente innerhalb eines Systems, das zumindest beides braucht. Auf längere Sicht, und wie der Inflationsbegriff es momentan so penetrant formuliert, nachhaltig existieren Systeme nur, wenn dem Wachstum die Erholung folgt, wenn der Sensualismus über ein Maß an Spiritualität verfügt, wenn der Revolution die Restauration wieder eine Phase der Regeneration verschafft.

Da das Problem eine antikes wie universelles ist und da die Unausgewogenheit in der profanen Praxis schnell erklärt ist, nämlich entweder durch kognitiv ungetrübtes Temperament oder durch partikulare Interessen, ist es auch kein Wunder, dass die Konzepte der philosophischen Welterklärung von den antiken Mustern der Autopoiesis über Sensualismus und Spiritualismus, Materialismus und Idealismus bis hin zu Objekt-Subjekt-Konstruktionen der Moderne reichen. Und ebenfalls kein Wunder, dass bis in die heutigen Managementtheorien nach der Stabilität von Systemen gesucht wird und dort mit Termini wie denen der Innovation und Resilienz gearbeitet wird.

Politische Parteien pflegen in der Regel, und das ist das Interessante, jeweils nur ein Wesensmerkmal der systemischen Interdependenz zu bedienen. Die einen schielen dabei auf das Votum der Innovatoren, die anderen eher auf das der Konsolidierer. Das politische System selbst allerdings kann nur funktionieren, wenn beide Systemelemente in ausreichendem Maße und wissentlich bedient werden. Auch das System Gesellschaft geht zugrunde, wenn das Bestehende immer weiter als politisches Ziel an sich stabilisiert wird oder auf der anderen Seite die Innovation exklusiv als ultima ratio über allem steht. Die Lösung, die dem politischen System für diesen Antagonismus vorschwebt, sind die Legislaturperioden, die in einem Intervall den Auftraggebern, d.h. dem Volk, die Chance geben, der Überdehnung des einen systemischen Aspekts durch einen Wechsel der politischen Mehrheit als Korrektiv entgegenzusetzen.

Historisch beanspruchten die beiden großen Volksparteien ein Sowohl-als-Auch zu sein, nicht im Sinne einer politischen Verwässerung, sondern im Sinne der Erfahrung im Umgang mit dem komplexen System der Politik. Das unterschied die beiden Volksparteien von dem Rest, der zumeist bestimmte, politisch durchaus relevante und notwendige, aber dennoch Teilaspekte zur Hauptprogrammatik erhob. In Zeiten der Dominanz jeweils einer Volkspartei herrschte auch der jeweilige Akzent vor, bei den Konservativen das Interesse des Unternehmertums und die Systemkonsolidierung, bei den Sozialdemokraten die Arbeitnehmerinteressen und die Systemveränderung.

Das Skurrile einer Großen Koalition liegt somit auf der Hand: Zwei Partner, die für sich reklamieren, den existenziellen Bedarf des gesamten Systems zu kennen und die sich lediglich in Bezug auf ihre jeweilige pressure group unterscheiden, sollen sich mit einem gemeinsamen Programm positionieren. Das kann funktionieren, wenn der Konsens über notwendige Prioritäten staatlichen Handelns groß ist. Und betrachtet man die jeweiligen Programme, so sind die Unterschiede nicht so groß. Bewegt eine derartige Koalition nichts, so kontaminiert sie den Begriff der Politik in einem ungeahnten Ausmaß. Setzt sie vieles um, dann muss sie sehr dirigistisch vorgehen, was nicht dem Zeitgeist entspräche. Es täte dem Land allerdings gut, und wer klagte dann noch, wenn der Konsolidierung um ihrer selbst willen endlich wieder einmal eine Phase der Innovation folgte?

Detroit reloaded?

Das einstige Symbol für Boom und Prosperität ist in diesen Tagen endgültig zu einem konträren Bild mutiert: Detroit, der Stadt des amerikanischen Kapitalismus, der Sonne der Mobilitätsindustrie schlechthin, wurden förmlich die Lichter ausgeschossen. John Lee Hooker, der selbst einige Jahre seines Lebens an Detroits Produktionsbändern gestanden hatte, ahnte es vielleicht, als er dort sein Boom Boom Boom Boom einspielte. Für europäische und vor allem deutsche Städte undenkbar, im Land der losen Sicherheitsnetze aber gar nicht so abwegig, erklärte die Stadtverwaltung Detroits in der letzten Woche die Insolvenz.

Die Geschichte des Niedergangs ist in diesen Tagen überall nachzulesen. Hatte die Stadt in den fünfziger Jahren noch 1,8 Millionen Einwohner, so sind es heute noch gerade einmal 700.000. Mit der Krise der Automobilindustrie fing der Abstieg an, die architektonische wie ausgabenbezogene Megalomanie kam recht abrupt zum Ende, die Arbeitsplätze zerbarsten wie die Luftblasen, die Kreativen zogen ab, dann der weiße Mittelstand. Es wurde leer, die Immobilien verfielen und deren Preise gingen in den Keller. Der durchschnittliche Preis für ein Einfamilienhaus beträgt momentan 10.000 Dollar. Heute sind 80 Prozent der Bewohner Afro-Amerikaner, die durch Straßen flanieren, die das Diktum aktivieren, die Erde sei unbewohnbar wie der Mond.

Und obwohl das Deskriptive an vieles erinnert, was man vorher aus den Kohlegebieten um Pittsburgh gelesen hatte und auch so mancher Erfahrung aus Englands Black Country oder dem deutschen Ruhrgebiert ähnelt, ist die Feststellung der Insolvenz der Kommune noch einmal eine andere Sache. Eine Stadt, die es sich nicht einmal mehr leisten kann, die Batterien der Parkuhren zu wechseln und, schlimmer noch, die basalen Gesundheitsinstitutionen zu finanzieren, die braucht Hilfe, oder sie geht unter.

Die USA wären nicht die USA und der Kapitalismus wäre nicht der Kapitalismus, wenn es nicht eine Kraft gäbe, die sich über Ideologien hinwegsetzte und in rasendem Tempo Energien freisetzte, die Neues in sich bergen. Schon wird die Finanzierung der Gesundheitsversorgung durch ein Regierungsprogramm diskutiert und vorbereitet und schon hat eine Gentrifizierung eingesetzt, die alles, was es bisher gab, in den Schatten stellen könnte. Aufgrund der unglaublich niedrigen Preise und der ungeheuren Leerstände geht der Teil der kreativen Klasse nach Detroit, der selbst noch weit von der Verbürgerlichung entfernt ist und somit die produktiven Energien in sich birgt, um Revolutionäres gestalten zu können. Innerhalb der USA spricht man bereits von einem neuen Portland oder Brooklyn und vieles deutet darauf hin, dass es eher zu einer Rekonvaleszenz als zu einem Untergang kommt.

Natürlich kann man angesichts der desaströsen Situation in einer Stadt wie Detroit über die Destruktionspotenziale des Kapitalismus räsonieren. Und natürlich gibt es sie. Was beeindruckt, ist der Pragmatismus, mit dem der Innovation der Weg bereitet wird. Während das europäische Paradigma immer daraufhin deutet, als Prämisse für etwas Neues einen institutionellen Rahmen schaffen zu müssen, resultiert die amerikanische Innovationsgeschwindigkeit immer aus dem Spielraum, den individuelle Initiativen dort erhalten. Es spricht vieles dafür, dass aus dem typisch amerikanischen Desaster, wie es in Europa wieder einmal interpretiert wird, ein inspiratives Set für neue Denkansätze wird. Wie vormals in Pittsburgh, wie in San Antonio oder in Boston. Genaues Hinschauen und Lernen wäre ratsamer als die wiederholte, schale Entrüstung.