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Kulturkämpfe

Nein, ich schreibe nicht über “Die Guten” (linksliberale Demokraten) vs “Die Bösen” (AfD). Solche Texte habt ihr schon genug gelesen, es gibt davon sehr viele. Ich frage mich, warum ist Identität, Kultur, auf einmal so wichtig. Warum brauchen so viele Leute die Auseinandersetzung mit den anderen, um ihre eigene Identität zu finden oder zu festigen? […]

über Kulturkämpfe — sunflower22a

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Der kulturelle Transfer und die Barbaren

Sehr viel wird geredet und spekuliert. Vor allem über die Frage, wie ein kultureller Transfer zwischen denjenigen, die hier schon immer gelebt haben und denjenigen, die momentan in großer Zahl in dieses Land kommen, zustande gebracht werden kann. Dabei klingt immer wieder durch, dass das große Problem darin zu sehen sei, wie Muslimen beigebracht werden könne, nach welchen Werten sich die Menschen in der Republik orientierten und dass das in den Ländern muslimischer Prägung nicht so sei. Wenn etwas von der Annahme her falsch ist, dann diese Interpretation. Sie lässt einen Sachverhalt außer acht und ignoriert einen anderen.

Weder in Bildungseinrichtungen, wo sich außer den Lehrkräften mehrheitlich junge Leute aufhalten, noch im öffentlichen Raum entsteht der Eindruck, dass es einen Konsens über das gäbe, was als der sittliche Konsens bezeichnet werden könnte. Weder Werte noch die dazu gehörende Ordnung scheinen in einem überzeugenden Ausmaß sozialisiert zu sein. Vielmehr wird die Misere, mit der die Bildung hierzulande beschrieben wird, gerade an diesem Mangel festgemacht. Die Diversität von Wertvorstellungen bzw. die Nicht-Existenz solcher macht das Zusammenleben dort schwer und treibt das Lehrpersonal an seine Grenzen. Und der Begriff von Ordnung, der in der Lage wäre, das Leben bestimmter Werte zu unterstützen, wird ebenfalls nicht mehr identifiziert. Der Schluß liegt nahe, das, was gerne auch als Leitkultur bezeichnet wird, erst neu erfinden zu müssen, um qualifiziert darüber urteilen zu können, was andere erlernen müssen, um sich in dem neuen Gefüge orientieren zu können.

Andererseits ist es eine Schimäre und eine an Ignoranz kaum zu überbietende Impertinenz, alles, was zum Beispiel mit hiesigen Gesetzen kollidiert, als den Normalzustand einer muslimischen Kultur zu identifizieren. Aus welchen Quellen diese scharlatanesken Weisheiten auch immer gespeist werden, mit der Realität haben sie nichts zu tun. In der islamischen Welt existieren zum Teil diktatorische Regime, die die guten Sitten der eigenen Kultur mit Füßen treten. Das ist schlimm, kann aber überall auf der Welt beobachtet werden und es führt zur sittlichen Verrohung. Der Weg dorthin wird hierzulande auch in politischen Strömungen vorgezeichnet, die die totale Barbarisierung der Umgangsformen auf ihr Banner geschrieben haben. Dass sie es sind, die in der muslimischen Mentalität das Elend dieser Welt erblicken, ist einfallslose Demagogie, dass sie hier zum Teil auf Resonanz stößt, dokumentiert das hiesige Defizit an ethischem Konsens.

Es ist ein Thema, von dessen Bearbeitung sehr viel abhängen wird. Deshalb geht es auch an die Person. Ich selbst habe einige Jahre in einem muslimischen Land gelebt und und immer wieder muslimisch dominierte Länder bereist und dort einen starken Konsens darüber erlebt, was gesellschaftlich akzeptabel ist und was nicht. Das wichtigste, vor allem in meinem damaligen Gastland Indonesien, übrigens dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt, war der Respekt. Der Respekt vor anderen Kulturen, der Respekt vor den anderen Menschen im eigenen Land und der Respekt vor sich selbst. Und dieses Prinzip haben die meisten Menschen dort durchgehalten, trotz politischer Turbulenzen und Naturkatastrophen und das, was ich dort an interkultureller Kompetenz erlebt habe, stand weit über dem, was man sich hier vorzustellen in der Lage ist.

Es bleibt nichts, als zu empfehlen, sich nicht an der eigenen Unzulänglichkeit zu ergötzen und die Ursache für das Unwohlsein in anderen Kulturen zu suchen. In jeder Kultur existiert ein Verständnis darüber, was gut ist und was schlecht. Eigenartigerweise deckt ich das mit dem, was andere Kulturen ebenfalls an Verständnis hervorgebracht haben. Wenn das nicht mehr funktioniert, ist der Grund nicht selten in der eigenen Ignoranz zu suchen.

Die Herrschaft der totalitären Logik

Das Wesen des Diskurses ist die Gegenseitigkeit. Sein Ziel ist es, zu einem Ergebnis zu kommen, das die Beteiligten weiterbringt. Es setzt voraus, dass die verschiedenen Akteure davon ausgehen, dass alle, die sich beteiligen, eine Existenzberechtigung haben, auch wenn sie Interessen haben, die nicht mit allen kongruent sind. Der Diskurs setzt Respekt voraus. Respekt heißt, dass man nicht einer Meinung sein muss, aber die Motive und die Handlungslogik der Anderen zu verstehen sucht. Das klingt alles sehr banal, ist es aber in der Praxis nie. Die Voraussetzung, um in einer Gemengelage unterschiedlicher Interessen bestehen zu können, ist der Wille und die Fähigkeit, nicht nur die Anderen zu verstehen, sondern das eigene Denken und Tun für eine kritische Reflexion freizugeben. Wenn dieses nicht geschieht, kommt kein Diskurs zustande. Ein gelungener Diskurs wiederum ist das Resultat einer gemeinsamen Intentionalität. Alle Beteiligten müssen der Auffassung sein, dass sich die Investition in den Diskurs lohnt.

Bei der Betrachtung dessen, was oft als Diskurs deklariert wird, aber meistens nicht gelingt, fällt auf, dass keine Klarheit über das Ziel eines solchen besteht. Meistens gehen die Akteure davon aus, sich durchsetzen zu können und ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Dann muss das Unterfangen scheitern. Die Klage, die zumeist folgt, ist die über mangelnde Transparenz. Ja und Nein. Die Transparenz fehlt, wenn das Ziel nicht klar ist. Die einzelnen Argumente transparent zu machen hingegen ist trivial. Der Ruf nach absoluter Transparenz hingegen ist das Symptom für kolossales Misstrauen. Die beste Voraussetzung für einen gescheiterten Diskurs.

Eine Variante, die den Diskurs generell desavouiert, sind Eingangserklärungen, die verdeutlichen, dass eine oder mehrere Parteien von vorne herein diejenigen sind, die nach Ethik und Moral handeln, während den anderen Beteiligten unterstellt wird, sie seien rückständig, intolerant, nicht diskursfähig oder sonst irgendetwas. Das ist enthüllend für die, die glauben, sie seien überlegen. Sie haben den Respekt verloren und damit die Voraussetzung für einen gelungenen Diskurs.

Die Formen der politischen Argumentation, mit denen die Öffentlichkeit hierzulande konfrontiert ist und die fälschlicherweise als Diskurs ausgegeben wird, tragen alle den Keim einer totalitären Logik, die aus einem Subjektivismus resultiert, der es in sich hat. Ob es sich um Themen wie die Weltökologie, politische Autonomie, Geschlechteremanzipation, Demokratie oder Krieg und Frieden handelt, immer treten die Protagonisten so auf, als hätten sie die Weisheit mit dem berühmten Schaumlöffel gefressen und als wären alle anderen Völker und Kulturen Versatzstücke einer ahistorischen Primatenversammlung, die das einzig Wahre nicht begriffen. Das ist düster, autoritär und totalitär zugleich und es dokumentiert, dass noch etwas anderes fehlt als Empathie, analytische Fähigkeiten und ein Grundverständnis von Diplomatie.

Neben der notwendigen gemeinsamen Intentionalität setzen Diskurse bei allen Beteiligten nämlich noch eine Eigenschaft voraus, die, wie Heisenberg es so treffend formulierte, primordial, d.h. von erster Ordnung ist. Es handelt sich um Demut. Nur wenn jeder Einzelne sich darüber bewusst ist, dass er oder sie selbst sich in einem bestimmten Stadium der Erkenntnis und Entwicklung befindet und dass Irren nicht nur menschlich ist, sondern auch alle Menschen und Gesellschaften trifft, weil es notwendiger Bestandteil des Lernens ist, fällt der irrwitzige Glaube in sich zusammen, man selbst sei die Instanz, ohne die der Lauf der Geschichte stocke. Dieses einzusehen, fällt in Zeiten des psychopathologischen Massenphänomens der narzisstischen Verblendung nicht mehr leicht. Es herrscht die totalitäre Logik. Sie wiederum garantiert die Sezession vom gestalteten Verlauf der Geschichte.