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Waffen, Sanktionen und die nackte Angst

Was ist zu tun, wenn sich in einem Spiel die Rahmenbedingungen ändern, wenn vorher angestellte Annahmen sich als falsch erwiesen, wenn der Verlauf ein anderer ist als prognostiziert? Strategisch gut positionierte Spieler hätten vielleicht den einen oder anderen Fehler nicht gemacht, aber manchmal passieren auch Dinge, die nicht vorhersehbar waren. Historiker nennen das Imponderabilien. Aber, was jeder ernst zu nehmende Spieler macht, wenn sich das eigene Kalkül als falsch herausstellt, er bewertet die Situation neu und nimmt Änderungen in Strategie und Taktik vor. 

Bei der Betrachtung der Situation in der Ukraine ist zum einen festzustellen, dass die Annahme, sie könne diesen Krieg militärisch gewinnen von vornherein eine falsche gewesen ist. Das wussten auch viele im eigenen Lager, und keinesfalls nur Russophile. Und dass es sich bei dem Projekt um die Verteidigung von Demokratie handelte, wird mit wachsender Fortdauer des Krieges und der damit einhergehenden Zeit der Analyse als eine bodenlose Beschönigung immer deutlicher. Zudem zeigen sich zunehmend deutliche Risse zwischen dem so verherrlichten Regime und der eigenen, nicht russischen Bevölkerung. Und dass die gegenwärtig Regierenden immer häufiger dabei ertappt werden, wie sie Milliardenbeträge ins Ausland transferieren, macht die Geschichte nicht appetitlicher.

Diese Erkenntnisse sind jedermann zugänglich. Sie zu haben, heißt noch lange nicht, sich und sein eigenes Selbstverständnis aufgeben zu müssen, um im Sinne der Schadenbegrenzung die eigene Vorgehensweise zu ändern. Was allerdings zu erleben ist, sowohl auf Seiten der EU-Administration als auch bei der hiesigen Bundesregierung, zumindest in den Ressorts, die in diesen Krieg involviert sind, ist ein irrsinniges Festhalten an den Wunschvorstellungen, die zu Beginn des Krieges die Runde machten. 

Obwohl die Sache militärisch entschieden ist, obwohl sich das ganze Bündel der Sanktionen gegen Russland auch als ein messerscharfer Boomerang herausgestellt hat dessen Auswirkungen existenzielle Gefahren mit sich bringen, obwohl von dem Luftschloss der blütenweißen Demokratie nichts mehr übrig ist – die Rhetorik wie die Maßnahmen sind die gleichen geblieben. An der elendig ermüdenden Debatte über Waffenlieferungen hat sich ebensowenig geändert wie an der Illusion, mit einer Sanktionssalve nach der anderen den Ausgang des Krieges beeinflussen zu können. 

Die Zeichen stehen nicht nur auf Sturm, sondern man provoziert sogar den Orkan. Mit der Unterbrechung des Schienenverkehrs in die russische Enklave Kaliningrad durch Litauen wurde rasant an der Eskalationsschraube gedreht. Sollte der Konflikt eine Russland-NATO-Sache werden, dann hätten sich diejenigen durchgesetzt, die bereits seit einiger Zeit von der möglichen Begrenztheit eines Atomkrieges schwafeln. Dass sich ausgerechnet in diesem brisanten, hoch aktuellen Kontext der neue Parteivorsitzende der SPD mit einem militärischen Großmachtanspruch Deutschlands aus dem Fenster hängt, dokumentiert nicht nur dessen Unsägliche Naivität, sondern auch einen anscheinend beim jetzigen handelnden politischen Personal zunehmend verbreiteten, aber gar nicht bewussten Todestrieb.

Der einzige Protagonist, der noch so richtig am Leben zu hängen scheint, ist der zuständige Minister für Wirtschaft und Energie. Nachdem ihm bewusst geworden ist, dass ein Land wie Russland, das mit einer Sanktion nach der anderen belästigt wird, dessen Vermögen auf ausländischen Konten einfach konfisziert und an andere weitergeleitet wird, seinerseits auf die Idee kommen könnte, mit Gegenmaßnahmen wie der Reduktion von Gaslieferungen zu reagieren, fuhr es ihm gehörig in die Knochen. Händeringend und nach Worten suchend, beschwor er eine Volksgemeinschaft, die sich frierend und hungernd ihrem Schicksal ergibt und nicht nach Gründen sucht, die außerhalb des Spektrums vom bösen Putin liegen. Denn wäre das der Fall, so ist zu schließen, stellte er sich vor, was wohl passieren würde. Das, was man sah, war die nackte Angst!  

Die richtige Seite? Gegen den Krieg!

Einige kommen zur Besinnung, andere nicht. Seit dem Beginn dessen, was mittlerweile zunehmend als Ukraine-Krieg bezeichnet wird, sammeln sich die Lager. Die einen sind entsetzt über die russische Invasion, verurteilen diese scharf und fordern den sofortigen Rückzug der russischen Streitkräfte. Die anderen versuchen, das russische Handeln mit einem jahrzehntelangen diplomatischen Versagen und einer kontinuierlichen Aufrüstung des Westens an der russischen Grenze zu erklären. Wollte man bösartig sein – und was, bitte schön, wäre in diesen Zeiten nicht passender? – dann könnte man der einen Seite ihre Geschichtsvergessenheit vorwerfen und der anderen, dass sie das schreckliche Jetzt ausblendet. 

Beiden Seiten ist gemeinsam, dass sie das System der vorherrschenden Logik nicht durchbrechen. Die Eskalation hat Hochkonjunktur und es fällt auf, dass dort,  wo man von den Kampfhandlungen am weitesten entfernt ist, das Kriegsgeschrei am lautesten zu vernehmen ist. Betrachtet man das Ausmaß der Sanktionen gegen Russland, so muss man nur bis Drei zählen, um sich ausrechnen zu können, wann die nächste Eskalation von russischer Seite kommt. Wer meint, durch diese Spirale das gegenüberstehende System destabilisieren zu können, ist naiv, wer diese Schimäre öffentlich verbreitet, ist ein Verbrecher. Und wer auf den Tyrannenmord setzt, sollte vorher noch einmal genau in den Spiegel schauen.

So deprimierend die Ereignisse auch sind, die gegenseitige Kriegshetze hat auch dazu geführt, dass sich zunehmend mehr Menschen aus der täglich verbreiteten Lügenwelt, die ein Krieg hervorbringt, verabschieden und sich die Ereignisse aus einer Art mentalen Distanz noch einmal ansehen. Und da entsteht ein differenziertes Bild, dass dazu führt, die Loyalität zu den Denkstrukturen der beteiligten Kriegsparteien aufzugeben und den wahren Charakter des erneuten, immer wiederholten und durch keinerlei der reklamierten Werte zu rechtfertigenden Blutbades zu erkennen. Es geht um Macht, Einfluss, Zugriff auf Ressourcen und Geld. Und wenn man sich ansieht, wer letztendlich von diesem konkreten Fall, dem Ukraine-Krieg, profitiert, dann hat man das System erkannt. Es sind die Rüstungsindustrien, es sind die Militärstrategen, die mal in Echtzeit die Gelegenheit haben, die eigenen Kräfte auszurechnen und die feindlichen zu beobachten. Es sind die Dogs of War, denen das Schicksal der Bevölkerung in der Ukraine, seien es ethnische Ukrainer oder Russen, unter dem Strich egal ist. Man freut sich über gigantische Waffenverkaufszahlen, man kann die eigenen Militärbestände modernisieren und den Schrott in die Ukraine liefern und man freut sich auf frische, gut ausgebildete Arbeitskräfte, die helfen, den hiesigen Mangel beheben und das Gehaltsniveau weiter drücken zu können. Wie nannte es noch Bill Clinton? It´s the economy, stupid!

Es mehren sich die Kräfte, die dieses durchschauen und es ist an der Zeit, die wohlmeinenden, reinen Herzen dabei zu unterstützen, zu erkennen, vor welchen Karren sie sich spannen lassen und dass denen, die ihnen suggerieren, sie setzten sich für Werte ein, die ihnen heilig sind, genau diese Werte völlig egal sind. Dutzende Kriege, zu denen das jetzt so laute politische Personal geschwiegen hat wie ein Grab, Tausende Menschenrechtsverletzungen, bei denen es desinteressiert aus dem Fenster geschaut hat und Abertausende von Täuschungen, bei denen es präsent waren, zählt plötzlich nicht mehr, wenn dazu aufgerufen wird, sich zu erheben über den bösen russischen Bären im Osten? 

Und allen, die reinen Glaubens sind, sei noch ein Hinweis gegeben: der Krieg in der Ukraine beunruhigt mehr, weil die Kriegsgefahr geographisch näher rückt, wir reden nicht über Afghanistan, Libyen, Syrien, den Irak oder den Jemen. Und der Mut, auf der richtigen Seite zu stehen, kostet noch nichts. Aber je näher er rückt, desto besser erkennt man das Preisschild, auf dem das eigene Leben steht. Die richtige Seite? Gegen den Krieg! Egal, von welcher Seite!

Fußball-EM: Demagogisches Theater

Das Turnier ist vorüber und die Fronten scheinen klar zu sein. Betrachtet man die Kommentare auf Artikel aus den Sport- wie Massenjournalen, dann finden sich unzählige Einträge, die sich auf das Verhalten der englischen Fans beziehen. Da wird moniert, dass beim Abspielen der Nationalhymnen der jeweiligen Gegner Englands kräftig gebuht wurde, da wird unsportliches Verhalten auf dem Platz beklagt, da werden die martialischen Motivationsversuche des englischen Trainers attackiert, der vor dem Spiel gegen Deutschland vom II. Weltkrieg gefaselt hat, da herrscht Kopfschütteln wegen Hasstiraden gegen ein kleines Kind in deutschem Trikot, das weinend im Stadion saß, da hagelt es Vorwürfe, warum sich die britische Regierung in Zeiten von Corona nicht gegen das Ansinnen der UEFA gestellt hat, Sicherheitsabstände im Wembley-Stadion zu ignorieren und da existiert Entsetzen gegenüber der Reaktion von Teilen des Publikums, das in rassistischer Weise auf die Schützen misslungener Elfmeter reagiert hat. Summa summarum entsprechen alle beklagten Verhaltensweisen nicht dem Bild, das einst von englischem Sportsgeist und dem damit verbundenen Fairness-Begriff existierte. So, wie es aussieht, hat England nicht nur das Finale verloren, sondern auch seinen Ruf.

Der jeweilige Gegenstand der Empörung kann nicht geleugnet werden. Doch bei der Erklärung dafür wird es zumeist nebulös. Zum einen ist zu konstatieren, dass das Gemeinsamkeitsgefühl, das für den Gedanken eines vereinigten, gemeinsam agierenden Europas nicht mehr existiert. Der Verlust bezieht sich nicht nur auf England, sondern ebenso auf Ungarn, das ebenso in der Kritik stand und nicht einmal wegen des Auftretens seiner Fans oder seiner Mannschaft, sondern wegen eines Gesetzes, das die Regierung eingebracht hatte. Im Westflügel führte das Gefühl, dass eine administrative Zentralisierung der EU die nationale Souveränität gefährde zum Brexit, im Ostflügel ist diese Befürchtung ebenfalls vorhanden und sie wird weiterhin einen Konflikt eskalieren. 

Zum anderen ist das Bild, welches von den englischen Fans nun hierzulande vorherrscht, eine ziemliche genau Replik auf die Kontur, die durch die englische Presse mit ihren Massenorganen des Murdoch-Konzerns seit Jahren über Rest-Europa gezeichnet wurde. Es wurden Feindbilder auf beiden Seiten produziert, die in Zeiten von Dauerkrisen, die mit Existenzängsten prall gefüllt sind, auf fruchtbaren Boden fielen. Die Talfahrt des Journalismus, die durch die Monopolisierung der Presse und die Instrumentalisierung derselben durch Regierungen stattgefunden hat, ist verantwortlich für die tiefe, emotional aufgeladene Spaltung zwischen verschiedenen europäischen Nationen. Der gemeinsame Geist eines europäischen Projektes ist am Boden und es wird nach Fehlern gesucht, die selbstverständlich bei den jeweils anderen liegen. Genau das ist die Botschaft, die ein durch monopolistische Besitzverhältnisse und daraus resultierenden Produktionsverhältnissen demontierter Journalismus in die Welt setzt.

Man mag darüber spekulieren, wem das nützt. Auf jeden Fall jedoch dem Ressentiment und der Verschärfung der Konkurrenz. Die nächsten Maßnahmen, die bekanntlich nur noch aus Sanktionen bestehen, werden auf der jeweiligen Seite emotional auf fruchtbaren Boden fallen und die Spaltung beschleunigen. Wenn es eine Blaupause für die Art und Weise gibt, wie so etwas zu bewerkstelligen ist, dann war es diese Fußballeuropameisterschaft. Das zum Teil praktizierte Niederknien einzelner Mannschaften vor dem Spiel gegen Rassismus oder das Präsentieren von Regenbogensymbolen war der Sand, der in die Augen gestreut wurde. 

Wenn es, jenseits der sportlichen Ereignisse, ein Fazit dieses Turners gibt, dann sollte es die Weigerung sein, sich instrumentalisieren zu lassen: auch in England und Ungarn leben viele Menschen, denen es genauso geht wie uns hier. Zum Teil sind sie verzweifelt, zum Teil suchen sie nach Wegen, wie sie aus der Krise herauskommen. Das ist doch eine Gemeinsamkeit, die stärker ist als jedes demagogische Theater.