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Die Schule der Demagogen

Der Schein, mit dem die großen Herausforderungen unserer Zeit daher kommt, hat bei näherer Betrachtung nicht lange Bestand. Wer sich die Mühe macht, zum Beispiel nach den tatsächlichen Ursachen von Kriegen zu suchen, wird sich nicht lange aufhalten bei den Anlässen. Das, so können manche durchaus redlich beantworten, hatten gute Lehrerinnen und Lehrer in der Vergangenheit noch zu transportieren gewusst. Nicht eine dreiste diplomatische Note, kein einzelnes Attentat oder eine einzelne Schiffsversenkung hatten dazu geführt, Millionen von Soldaten gegeneinander kämpfen zu lassen. Das waren die Anlässe. Nein, die Ursachen lagen woanders, waren aber kein Mysterium. Da strebten neue Mächte nach oben und sie wollten den alten die Besitztümer streitig machen. Und es ging und geht immer nur um eines: Rohstoffe, Arbeitskräfte, Märkte und die Wege dorthin. Wer das nicht betrachtet, der muss sich etwas anderes ausdenken. Das Ergebnis ist stets skurril und verwirrt die Köpfe.

Ähnlich ist es mit den Ergebnissen des Wirtschaftens selbst. Wer erklären will, warum es in bestimmten Regionen viele Arbeitslose gibt, warum es in anderen viele Menschen gibt, die arbeiten bis zum Umfallen und doch nicht davon leben können, warum bestimmte Regionen systematisch ruiniert werden und andere im Müll ersticken, muss irgendwann auf den Trichter kommen, dass das alles etwas mit der Art und Weise zu tun hat, wie die Wirtschaft funktioniert. Wer auch dort bei den einzelnen Erscheinungen stehen bleibt, stösst nicht auf den Kern des Problems. Der verweilt bei allen möglichen Erklärungen, die keine sind. Das Ergebnis ist zumeist ein Szenario von Sündenböcken. Dann sind es die Menschen, die sich schlecht verhalten etc.

Die Methode, Ursachen zu verschleiern und Erscheinungen in den Status der Kausalität zu erheben, nennt sich Mystifikation. Letzteres ist eine besondere Erscheinung der Demagogie. Demagogie deshalb, weil die Anwendung der bewussten Täuschung dazu führt, von den tatsächlichen Problemen abzulenken und die Gedanken auf Irrwege zu leiten, die zu nichts führen.

Eine Erdzone, wo dieses Verfahren in den letzten Jahrzehnten zu bedenklicher Präzision entwickelt wurde und zu massenhafter Anwendung gefunden hat, ist die Bundesrepublik Deutschland. Durchkämmt man die unzähligen Ton- und Schriftdokumente zu den ebenfalls massenhaft stattfindenden lokalen Kriegen auf der Welt, so findet sich kaum etwas, das den Kern der Sache – nämlich Ressourcen, Arbeitskräfte, Märkte und Wege – trifft, sondern es geht zumeist um Gut gegen Böse, Werte gegen Macht, Moral gegen diabolische Kräfte. Allein die Wortwahl könnte dazu führen, den Schluss zu ziehen, die Aufklärung sei längst revidiert und wir befänden uns bereits wieder mitten in der mittelalterlichen Inquisition.

Ein besonderer Coup ist zudem bei der Erklärung negativer Folgen der Ökonomie gelungen. Dort sind die Arbeitskräfte, die keine Arbeit mehr finden, entweder über- oder unterqualifiziert, oder sie sind nicht motiviert. Und bei den Begleiterscheinungen der Produktion nimmt die Irrfahrt der argumentativen Mystifikation erst richtig Tempo auf. Da sind es die Konsumenten, sprich die Käufer von Waren, so wie sie auf den Markt kommen, verantwortlich für deren Charakter. Da wird der Konsument haftbar gemacht für das Vorgehen des Produzenten. 

Man könnte das alles abtun als eine Extravaganz aus einem entlegenen Zwergenland, jedoch liegt das Gebiet mitten im Weltgeschehen und es wird letzterem auch nicht entrinnen. Die Konsequenzen des weltweiten, globalisierten Wirtschaftens werden hier nicht haltmachen und es wird sich sehr schnell herausstellen, dass es einen Unterschied zwischen Schein und Sein gibt. Die Schule der Demagogen wird sich als die schmutzigste Variante aller Verschwörungstheorien erweisen. Ob den Betrogenen dann noch zu helfen sein wird, ist durchaus zu bezweifeln. 

Das Epos des Cervantes

Wie sähe es aus, gestünde man jeder Nation nur ein Buch zu, dessen Urheberschaft und Thematik genau das Naturell träfe, das den Charakter ausmacht? Mit der Odysee von Homer täte man Griechenland keine Gewalt an, ganz im Gegenteil, ein solches Epos hat, wie wir wissen, über viele Epochen Bestand. Schließlich ist das Leben ein allgemeines, von Imponderabilien durchkreuztes Abenteuer geblieben. Mit Shakespeares Hamlet und den traumatischen Folgen eines Königsmordes hat England ebenfalls einen großartigen Tribut an die Weltliteratur entrichtet genauso wie Deutschland mit Goethes Faust, in dem der Drang nach Wissen und Tabubruch an einen Deal mit dem Teufel erinnert. Und der Frage, wie logisch und folgerichtig ein Verbrechen sein kann und wie groß sich die Reue ausgestaltet, hat die russische Literatur mit Dostojewski bravourös beantwortet.

Die französische Literatur stellt da größere Rätsel auf, vielleicht, weil sie mit einer solchen Wucht in die Moderne drang und Balzacs Verlorene Illusionen, Hugos Elende oder Zolas Germinal quasi für die ganze Menschheit nach den Verdammten von Gestern und Herrschern von Morgen fragten. Irland hatte es wiederum leicht, ein Genius wie James Joyce machte mit Ulysses aus einem Kopf eine moderne Metropole und aus der Metropole wieder das Nervensystem eines Kopfes. Und die USA wiederum taten es, wie in vielem anderen, Frankreich gleich, und es stellt sich die Frage, sind es Steinbecks Früchte des Zorns, die Wirtschaftsflucht und Ausbeutung thematisieren, Ist es Thomas Wolfs You can ´t go home again, das die modernen, metropolitanen Nomaden beschreibt oder ist es John Dos Passos Manhattan Transfer, in welchem die Sinn- und Kulturbrüche des Molochs New York erzählt sind?

Wenn es ein Buch gibt, dass sowohl vom eigenen Land als auch von der übrigen Welt als das Buch dieses Landes bezeichnet wird, dann ist es das Epos des Don Quijote von Cervantes. Der erste Teil dieses erzählerischen Kolosses erschien 1605, der zweite 1615. Trotz der Jahrhunderte, die zwischen der Veröffentlichung und heute liegen, ist die Welt mit diesem Werk noch nicht fertig. Der Roman ist multi-dimensional, er ist eine Persiflage auf die damalige Ritter-Literatur, er ist eine Satire auf die Insignien der Macht, er ist eine Beschwerde gegen den Dünkel, er ist eine Warnung, die dünne Grenze zwischen Schein und Sein aus den Augen zu verlieren. Er ist aber auch eine Hommage an den praktischen Hausverstand des einfachen Volkes und die Heilkräfte wirtschaftlichen Denkens.

Mit dem Protagonisten Don Quijote schuf Cervantes jenen sich selbst überschätzenden Charakter, der es bis in unsere Tages als Phänomen geschafft hat und vermeintlich immer am großen Rad dreht. Und mit seinem Knappen Sancho Panza inthronisierte Cervantes die praktische Logik des arbeitenden Volkes, die sich immer blenden läßt von der Hierarchie, aber diese wieder zurecht stutzt, wenn sie mit dem Gift praktischer Fragen beschwert wird.

Wie alle Nationen, so ist auch Spanien stolz auf sein Buch, seine Erzählung am großen Erkenntnisprozess der Menschheit. So ist es kein Wunder, dass die Plaza de España, mitten in Madrid, eine große Säule zur Ehrung der Literatur an sich beherbergt, und zu ihren Füßen, als ginge es um einen jener Stürme auf die Windmühlen, die beiden berittenen Figuren des Cervantes unterwegs sind, mitten unter uns, als wüßten alle, dass Lug und Trug, der schöne Schein, aber auch das einfach Wahre unter uns weilt.