Schlagwort-Archive: Semiotik

Umberto Eco

Nach eigenen Worten bekam er eine Ahnung davon, was es bedeutet, unglücklich zu sein, als 1980, quasi über Nacht, der ganz große Erfolg einsetzte. Mit seinem Debütroman Der Name der Rose verdiente der Professor für Semiotik von der Universität Bologna plötzlich soviel Geld, dass er immer mehr Zeit dafür opfern musste, den neuen Reichtum zu verwalten. Das schmeckte ihm nicht, die Zeit ging weg von seinen Büchern und den damit verbundenen Studien. Umberto Ecos Welterfolg basierte auf einer Koinzidenz. Die Gesellschaften Mitteleuropas befanden sich in einem radikalen Umbruch, die alten, fest gefügten Weltbilder, die auf Industrie und Wissenschaft basierten, stürzten ein und es begann die Suche nach einer neuen Orientierung.

Genau in diesem Augenblick schrieb Eco den Roman über das Mittelalter, in dem er mit Nachdruck auf den Kampf zwischen Verstand und Mystik verwies. Der Dialog in der Bibliothek des Klosters zwischen dem Dogmatiker Jorge von Burgos und dem Franziskaner William von Baskerville gehört zu den großen Sequenzen der Aufklärungsliteratur des 20. Jahrhunderts, auch wenn er in einem anderen Zeitraum spielte. Dort lieferte sich das Dogma einen tödlichen Kampf mit dem Zweifel, der Quelle der Erkenntnis.

Im Foucaultschen Pendel, dem Roman, der folgte, hielt Eco gerade denen einen Spielgel vor, die aus dem Zusammenbruch der alten Weltbilder den falschen Schluss zogen und sich von der Vernunft abwandten. Danach gefragt, wie er auf das Thema gekommen sei, führte er lakonisch aus, dass diejenigen, bei denen gestern in den Regalen noch die Gesamtausgaben der Marx Engels Werke gestanden hätten, plötzlich die Literatur über Esoterik und Mystik aufgetaucht sei. Auch für dieses Werk erhielt er großen Applaus, aber nicht mehr so enthusiastischen, weil die europäischen Intellektuellen längst auf dem Weg waren, den er als den falschen, verhängnisvollen beschrieben hatte.

Umberto Eco war ein Maniak, der es nicht lassen könnte, nach der Wahrheit zu suchen, immer geleitet von dem scharfen Messer der Vernunft und immer kampfbereit gegen jede Form der Mystifikation. Er war mit seinen Mahnungen aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit immer mehr an den Rand gedrängt worden. Das lag auch daran, dass mit dem Niedergang der analytischen Schärfe die Fähigkeit schwand, seine Romane, die zunehmend aus der Perspektive einer höheren Ordnung verfasst worden waren, entsprechend lesen zu können. Seine Qualität blieb, die des Publikums war im Niedergang begriffen.

Umberto Ecos Themen waren immer aktuell, er befasste sich mit Zeiterscheinungen, die noch gar nicht im Fokus standen und verwies auf ihre Bedeutung und erst später wurde vielen deutlich, wie weitsichtig er war. Er befasste sich mit den kulturellen Wurzeln Europas, mit dem immer noch schlummernden und wieder ausbrechenden Antisemitismus, mit den verhängnisvollen Mechanismen des Kulturbetriebs und, wie in einem seiner letzten Essays, mit der Fabrikation des Feindes. Keines seiner Bücher war obsolet, er schrieb nichts, was nur den Markt bedient und keine gesellschaftliche Relevanz gehabt hätte.

Die analytische Tiefe seiner Bücher und die sprachliche Brillanz waren das Resultat einer umfassenden Bildung. Umberto Eco war eine Ikone für die Idee, in einer komplexer werdenden Welt handelndes Subjekt bleiben zu können, wenn man sich der Mühsal stellte, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen. Und trotz seines immensen Erfolgs blieb er ein Menschenfreund und großer Humanist. Der große, menschliche Intellektuelle aus dem roten Bologna starb gestern Abend im Alter von 84 Jahren. Europa wird ihn missen! Sehr!

Kosmische Worte und zynische Formulierungen

Die Philosophie der Aufklärung, unabhängig davon, um welche Variante es sich handelt, setzte einen starken Akzent auf den Zusammenhang von Sprache und Denken. Kant ging dezidiert und wie immer mit einer Präzision darauf ein, dass sich bei der Lektüre bis heute der Eindruck aufdrängt, die gewählten Worte stammten aus einem kosmischen Regiebuch. Gerade Kant wählte eine Sprache, die der Logik verpflichtet war, die aus jeder sie auch zu betrachtenden Perspektive vor allem eine Qualität zum Vorschein bringen musste, nämlich die der Objektivität und Allgemeingültigkeit. Dem unbestechlichen Gelehrten aus Königsberg kam es darauf an, deutlich zu machen, dass Sprache und Denken einer höheren Ordnung entsprängen, die zwar das Werk von Menschen seien, aber nicht mit der Fehlbarkeit der Menschen behaftet werden dürften. Heinrich Heine, der deutsche Jude, der wohl der sensualiststischste Schriftsteller seiner Epoche werden sollte, griff in seiner lebensbejahenden Art die Worte des frugalen Königsberger Protestanten auf und übersetzte sie in den Jargon der bürgerlichen Revolution. Das Wort geht der Tat voraus, so sein immer wieder wiederholtes Diktum. So dezidiert spricht heute niemand mehr über den Zusammenhang von Denken und Tun, sieht man einmal von seminaristischen Veranstaltungen über Semantik und Semiotik ab.

Die Gesellschaft der Gegenwart hat sich daran gewöhnt, dass Sprache gebeugt wird, um Interessen durchzusetzen. Längst ist sich nicht mehr nur die Form des Denkens, sondern ein Medium des Marketing. Die Professionellen des Gewerbes operieren mit ihr als eine nach den Erkenntnissen der Psychologie gestaltete Litanei von Stimulanzen, die emotionale, nicht reflektierte Reaktionen hervorrufen sollen. Alles, was die Aufklärung an Appellen an den eigenen Verstand und die eigene Verantwortung je formuliert hat, ist der Apotheose des Bauches gewichen. Die vor allem von Freud als eine Ursache von Persönlichkeitserkrankungen ausgemachte Teilung des Individuums in verschiedene Instanzen, der rational, der moralisch und der von Trieben gesteuerten, wurde nolens volens systematisch ausgebaut und hat zu einer Verunstaltung des Menschen in seiner gesellschaftlichen Umgebung geführt. Die Trennlinien zwischen Kopf, Bauch und über allem schwebende Moral sind mit Stacheldraht gesichert wie in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges.

Die Besonderheit der Persönlichkeitsstruktur unserer Tage besteht vor allem darin, dass sich einerseits der emotional-triebhafte Komplex nahezu auf das gesamte Agieren im Bereich des Konsums bezieht, der rationale auf die Arbeit und das Andocken an die digitale Technologie und der moralische Komplex sich exklusiv auf emotionale Appelle fokussiert und die Ratio bewusst marginalisiert! Letzteres wundert nicht, denn das Terrain der Aufklärung wurde vor langer Zeit verlassen. Dazu reicht es, die Sprache der political correctness näher zu betrachten. Ausgehend von dem Wunsch, mit ihr anti-diskriminatorische Wege zu beschreiten, wurde, ohne dass es dagegen jemals einen größeren, vom Verstand geleiteten Widerspruch gegeben hätte, ein Instrument der Mystifikation, das von Diskriminierung und Zynismus nur so strotzt.

Oft drängt sich der Eindruck auf, als säßen in irgendwelchen Studios menschenverachtende Zyniker, die sich die neuesten Varianten sprachlicher Entgleisung ausdenken und sich nach deren Verkündung darüber bis zur Ekstase darüber amüsierten, wie unreflektiert die verblödete Meute ihren Unfug übernimmt. Wie von Bildungsfernen mit Migrationshintergrund gefaselt wird, als handele es sich um einen Haufen Dreck, der nahezu unaussprechlich ist und nicht um Menschen aus anderen Ländern, wo es keine und nur unzureichende Schulsysteme gibt und die es hier nicht geschafft haben, eine Bildung zu erlangen, die ihnen Möglichkeiten des Erfolges eröffneten. Das Wort geht der Tat voraus. Die Sprache wird von manipulativen Doktrinen manipuliert wie nie. Der Widerstand beginnt im eigenen Kopf!