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Ice Cream, Chicken Wings & Soul

Seine Geschichte ist eine, von der es immer noch so viele gibt. Aufgewachsen im tiefen Süden, ohne Vater, mit einer todkranken Mutter, die die Kinder nicht ernähren kann. Nach deren Tod zieht er mit seinen Geschwistern zur Großmutter, wo es genug zu essen, aber strenge Ordnung und viele Kirchenbesuche gibt. Dort kommt der Kleine mit dem Gospel in Berührung und findet so etwas wie eine emotionale Heimat. Für ihn gibt es fortan nur noch einen Weg ins richtige Leben: die Musik. Sugarray Rayford, der Übergewichtige, geboren in Texas, bringt vieles mit, um zu einem Sänger zu werden, der in den Genres des Südens brillieren kann. Blues und Soul werden zu seinen Markenzeichen und es dauert nicht lange, da ist aus dem jungen Musiker, der äußerlich daher kommt wie ein Solomon Burke oder ein Lou Pride, mehr geworden als ein Geheimtipp. Seine Konzerte sind heute blitzschnell ausgebucht und das, was er dort bietet, ist mehr als nur Musik, sondern die ölige Hitze des Südens. 

Nach dem bereits 2013 erschienenen Album Dangerous erschien nun Southside, eine Hommage an den Süden. Dabei geht es um zweierlei. Zum einen um den geographischen Süden der USA, aber auch um die Südstädte, d.h. die Zonen in den Zentren, in denen die Underdogs wohnen und wo Soul und Blues bis heute beheimatet sind. Sugarray Rayford weiß nicht nur, woher er kommt, sondern er weiß auch, wo man ihn hört. So beginnt die CD auch mit der Präzision des Titels Southside of Town, einem souligen Stück mit einem schwülstigen Bläsersatz, der einen schwülen Teppich unter die wiederholte Drohung legt, dass dort, im Ghetto, die Perspektive auf gute Zeiten gegeben sei. In Live To Love Again ist die Analogie zu Lou Pride nahezu gespenstisch. Rayford streichelt seine Lebensmaxime ins Mikrophon, ein Bekenntnis zu den inneren Werten des Lebens, die alles überstehen, jede Armut, aber auch jeden Tand. Texas Bluesman wiederum ist ein ein komplett anderes Erlebnis, tatsächlicher, harter, von klirrenden Gitarren getriebener Blues, der mehr an die 6th Street in Austin erinnert als alles andere. Take It to The Bank, ein anderer Titel, zeigt, wie humorvoll der Junge sein kann. In der Manier eines Kneipengospels erzählt er die Geschichte der Hoffnungslosigkeit für die Vernunft, wenn es um Geld geht. Statt alles zur Bank zu tragen, haut es der verfressene und lebenslustige Zeitgenosse gnadenlos auf den Kopf. Slowmotion, das letzte der insgesamt neun Stücke, ist ein langsamer Blues im Herzschlagrhythmus, der dazu auffordert, der Eigendynamik der Welt eine Entschleunigung entgegenzusetzen und zu lauschen, worauf es tatsächlich ankommt.

Southside ist ein Album, das deutlich variantenreicher als das Vorgängeralbum Dangerous ist und in wunderbarer Weise deutlich macht, dass mit Sugarray Rayford die großen Blues- und Soulmusiker und die Verhältnisse des amerikanischen Südens eine Generation hervorgebracht haben, die diese Musik fortführen werden. Ist ja auch logisch: Wenn die Verhältnisse die gleichen bleiben, dann gibt es auch Leute, die sie zum Ausdruck bringen. Sugarray Rayford ist so einer. 

Avantgarde und Mainstream

Thelonious Monk, einer der prägenden Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts, brachte es auf den Punkt. Nach seinem Prinzip gefragt, wie er spiele und was er komponiere, antwortete er: Spiele deine Musik und nicht das, was die Leute hören wollen. Vielleicht brauchen sie zehn, fünfzehn Jahre, bis sie es mögen. Das war schlicht und einfach das Bekenntnis eines Avantgardisten zu einem alten Prinzip des künstlerischen Schaffens, dem die eigene Idee und Kreativität innewohnt. Monk richtete sich nicht gegen etwas, sondern er sprach sich für eine Selbstverständlichkeit aus, die große Künstlerinnen und Künstler immer wieder ausgezeichnet hat. Um sie zu leben, nahmen sie Armut und Exil in Kauf, um sie zu vollenden, verzichteten sie teilweise sogar auf ihr soziales Leben. Das Streben nach Einzigartigkeit schuf das Große, mit dem wir sie bis heute in Verbindung bringen. Als Resümee könnte der Satz stehen, dass gute, ausdrucksvolle, forminteressante und inspirierende Kunst immer Avantgarde und nie Mainstream ist.

Die Avantgarde, historisch eine Entwicklung in der Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war die Antwort auf ein bürgerliches Zeitalter, das es sich bequem gemacht hatte und darauf hinstrebte, sich in Kriegen zu zerfleischen. Der Kunstbetrieb war es, gegen den sich die Avantgarde richtete, der so tat, als sei alles in Ordnung und der Standards entwickelt hatte, die Kunst als Konsumartikel auf den Warenmarkt warf. Die Avantgarde war sehr politisch und wollte mittels des Schocks das bürgerliche Publikum zum Nachdenken bringen. Die wohl spektakulärste Strömung der Avantgarde war Dada. Und gerade Dada ist das beste Dokument dafür, wie der Kunstmarkt funktioniert. Selbst die revolutionärsten Appelle gegen den Mainstream schockieren zunächst, aber ihr rebellischer Gehalt wird dadurch entleert, als auch für sie das Prinzip der Vermarktung gilt. Da unterscheidet sich Dada nicht vom Punk.

Die Kritik an den Funktionsmechanismen des Warenmarktes in Bezug auf die Kunst ist nicht neu. Neu ist allerdings die Dimension der Anstrengungen, die auf den Prozess der Waren-Werdung der Kunstwerke ausgerichtet sind. Immer mehr Institutionen fokussieren sich darauf, jungen Menschen, die sich künstlerisch betätigen wollen, die Techniken, Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln, derer es bedarf, um Erfolg zu haben, d.h. Waren zu produzieren, die auf dem Markt absetzbar sind. Das ist skurril, weil es einer Vorstellung entspricht, als könne man den Prozess des künstlerischen Schaffens erlernen, ohne eine Idee zu besitzen. So sieht dann vieles, was aus diesen Institutionen kommt, auch aus: Es ist technisch gut, es ist von der Vermarktungsstrategie pfiffig gemacht, aber es ist oft inhaltsleer und fade, geschweige denn inspirierend und weiterführend. Die leitende Idee der Produktion ist der Absatz und der Absatz wird dem etablierten Geschmack auf dem Markt zugesprochen.

Um bei der Musik zu bleiben: Viele Produkte aus der marktkonditionierten Retorte haben keine Seele. Soul, an dem sich nach den anfänglichen Erfolgen einer Amy Winehouse eine ganze Generation junger Frauen in Lehranstalten abarbeitete, ist ein Genre, das von den sozialen Erfahrungen eines Milieus lebt. Entweder sie werden mitgebracht oder nicht. Wer aus dem Mittelstand oder der Upper Class kommt, wird die Melancholie, die aus der Ausgrenzung und Verweigerung resultieren, immer nur artifiziell, aber nie authentisch zum Ausdruck bringen können, es sei denn, die eigene Biographie wiese diese Erfahrungen aus. Der Mainstream versucht es, aber er besitzt keine Spiritualität, die aus dem Streben resultiert, etwas Einzigartiges schaffen zu wollen, auch um den Preis, dass es sich nicht gleich vermarkten lässt. Der göttliche Mönch hat es gewusst.

Altes in besonders gelungener Form

The Robert Cray Band. In My Soul

Mit Nothin But Love meldete er sich nach langen Jahren der relativen Stille im Jahr 2012 zurück. Das Album war eine Referenz an die Wurzeln und eine Hommage an den Süden. Dort scheint Robert Cray nun wirklich angekommen zu sein. Der Mann aus Georgia, 2011 in die Hall of Fame des Blues aufgenommen, hat zur Sprache zurück gefunden und intoniert den Blues nicht wie in alten Zeiten, sondern er hat ihn angereichert mit den Silben des Soul, der Stimme des alten amerikanischen Südens schlechthin. In My Soul heißt das neue Album daher wohl nicht umsonst. Nach Nothin But Love eine zweite CD in kurzer Zeit. Und, um es gleich zu sagen, beide haben hohe Qualität und bilden keine Redundanz, wenn man sie besitzt.

You Move Me, der erste Song, kommt nah an das heran, was an Robert Crays Schaffenszeit in den achtziger und neunziger Jahren erinnert, eine melodiöse Form des Blues mit Gitarrenriffs, die bei jedem anderen markige Zäsuren wären, während sie bei Cray irgendwie sanft und hübsch anzuhören sind. Nobody´s Fault But Mine, der nachfolgende Titel, ist eingespielt mit einem Bläsersatz, der in nostalgischen Intonationsmustern an die gute alte Zeit auf dem Chitlin´ Circus erinnern, als die Bands noch mit warmem Bier und Soulfood bezahlt wurden. I Guess I´ll Never Know ist dann Soul pur, textlich wie musikalisch, eine Liebeserklärung an die Ungewissheit, eine Hommage an die melancholische Lebensweise, ein Flirren in den Mangrovenwäldern. What Would You Say erinnert mehr an Otis Redding als an die Jetzt-Zeit, wer Authentizität liebt und nicht alles dem Preis des Neuen zu opfern bereit ist, der wird dieses Stück lieben. Und der Titel Hip Tight Onions ist ebenso wenig ein Zufall, erinnert er doch an die schwerelose Profanität eines Booker T.. You´re Everything hingegen ist der von einer schwirrenden Gitarre getragene Blues, wie er nur im Süden zu hören ist. Und auch Deep in My Soul ist eher Retro, eine Reminiszenz an die Musik, die Cray wohl hörte, als er nach Norden aufbrach, um mit seiner Gitarre die urbanen Zentren zu erobern.

Robert Cray hat mit In My Soul ein Album aufgenommen, das in noch stärkerem Maße als Nothin But Love auf die Rückkehr zu den Wurzeln verweist. In My Soul ist eine Rückschau auf die Elemente des Blues und Soul, die Cray selbst mitnahm auf seine Reise in den Norden und die im Süden die Zeit überdauert haben. Lebensweise wie Seele kommen in diesen insgesamt 11 Songs zum Ausdruck und Robert Cray verleiht ihnen durch seine Stimme, die tropisch weich daher kommt, einen nahezu heimatlichen Ton. Dazu kommt seine nie herausgestellte Virtuosität auf der Gitarre, die elektrisch flirrt, Gewitter ahnen lässt, aber immer ohne Verzerrungen die Melodie zum Vorschein bringt. Das hört sich alles ganz leicht und spielerisch an, ist aber ohne Können, Seele und Empathie nicht machbar. In My Soul ist nichts Neues, aber Altes in besonders gelungener Form. Und was gut klingt und die Seele anspricht, das musst du nicht ändern. Es sei denn, du hast den Sinn des Lebens nicht verstanden.