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Der steigende Bedarf an Identität

Je schneller das Rad sich dreht, desto wichtiger wird die Frage. Nicht sofort, denn im Augenblick dominieren die Notwendigkeiten, um sich in der neuen Situation zurecht zu finden und zu überleben. Aber irgendwann, aus dem Hintergrund, taucht sie dann mit aller Macht auf. Manchmal dauert es Jahre oder sogar eine Generation. Und es ist genau dann, wenn entweder die Veränderungen sich eine Pause gönnen oder die gewohnte Fertigkeit versagt, mit ihnen umgehen zu können. Es kann aber auch anders kommen. Diejenigen, die aus den Veränderungen immer wieder profitieren, sehen plötzlich keine Veranlassung mehr, mit denen etwas zutun haben zu wollen, zu denen sie eigentlich gehören, aber die sich aus welchen Gründen auch immer mit dem Gang der Geschichte schwerer taten als sie selber. Und es kann noch etwas anderes sein. Aber eigentlich hat das alles nicht zu interessieren. Bemerkenswert ist, dass weder die Digitalisierung noch die Globalisierung es vermocht haben, die Frage der Identität zu verdrängen. Ganz im Gegenteil: Sie wird eines der wichtigsten Momente sein, welches über die Zukunft und das Zusammenleben entscheidet. Ganz privat wie weltweit.

Soziologie, Ethnologie wie Sozialwissenschaften haben Grundüberlegungen und Antworten darauf gegeben, wie Menschen und Gesellschaften ihre Identität definieren. Der Mikrokosmos der Identitätsfindung ist, unabhängig von den verschiedenen Schulen, immer definiert über die enge soziale Beziehung, sprich Familie und die Sprache, weil sie als erste erkenntnisbefähigende Verkehrsform schon früh und dort einsetzt, und Nahrung, was oft zu profan klang, aber nicht zu leugnen ist und eine gewisse Topographie. Es ist kein Zufall, dass vor allem die Art und Weise der Ernährung wie die Topographie von den Globalisierungspropheten oft geleugnet werden.

Der Prozeß der Zivilisation bei der Sozialisation eines Menschen ist die Schnittstelle zwischen dem Mikrokosmos und dem Makrokosmos der Identität. Da geht es vor allem um soziale Verkehrsformen, die eine Sympathie mit oder Antipathie zu anderen gesellschaftlichen Gruppen herstellen, eine damit verbundene Identifikation mit diesen und ihren Institutionen. Das können staatliche Institutionen sein, aber auch andere. Dabei ist eine Tendenz festzustellen, dass in zunehmend individualisierten Gesellschaften die Identifikation mit den staatlichen Institutionen rapide ab- und die mit sub-kulturellen Kontexten zunimmt. Das ist allerdings nicht überall so. Diese Dissonanz führt übrigens zunehmend zu internationalen Kommunikationsproblemen. Die strukturelle Diversität von national stattfindender Identitätsfindung führt zu sehr unterschiedlichen Schlüssen in der Weltdeutung.

Digitalisierung wie Globalisierung, d.h. vermehrter Kontakt und verstärkte Symbiose unterschiedlicher Systeme haben zu einem Prozess geführt, der in seiner Beschleunigung immer neue Artefakte produziert, mit denen sich die Menschen auseinanderzusetzen haben. Das Ergebnis sind Veränderungen, die die Frage der Identität nahezu wie eine nostalgische Anwandlung erscheinen lassen. Aber wenn es eine Referenz für die Feststellung gibt, dass der Schein trügt, dann dieser Zusammenhang.

In Europa hieß das mal, vor gar nich so langer Zeit, dass neben der Unifizierung des Gebildes parallel ein Prozess laufen werde, den man am besten mit dem Europa der Regionen bezeichnen müsse. Allein in der danach zu beobachtenden Pervertierung von so genannten neuen oder auch alten Identitätsgeschichten lässt sich ablesen, wie die berechtigte Frage nach Identität von einigen Kräften aus ökonomischen Motiven instrumentalisiert wurde. Und auch die politische Instrumentalisierung der Identitätsfrage birgt Dynamit. Die zu beobachtende Migration wird das noch zeigen. Ein kleiner Rat für alle, die es wissen wollen: Wer mit dem Mikrokosmos beginnt, hat bessere Chancen, zu einem guten Ergebnis zu kommen.

Defizite im technokratischen Raumschiff

Die Protagonisten unserer Zeit, ob in Politik, Wirtschaft, im Kulturgewerbe oder im Sport werden aus der Perspektive der zuschauenden Masse nicht selten für ihr Fehlen an einem tiefen, sozialisierten Verständnis für die profanen Belange des Daseins kritisiert. Nicht zu Unrecht, denn wie oft fragen wir uns, wie es sein kann, dass Dinge in der Öffentlichkeit verhandelt werden, die mit den tatsächlichen Lebens- und Existenzbedingungen der großen Masse nichts zu tun haben? Die Ursachen dafür sind vielschichtig und nicht einfach damit zu erklären, dass Macht zu Zynismus verleitet.

Eine der Ursachen für die beklagte Weltfremdheit liegt sicherlich an den Existenzbedingungen der Mächtigen selbst. Egal wie sie dorthin gekommen sind, wo sie sich befinden, sie werden in der Regel sehr schnell in ein System integriert, das sie selbst abschirmt. Wie in einen Kokon eingehüllt werden sie gedämmt von den Gravitationskräften eines Alltags, der aus Widrigkeiten, Widerständen und Beschwerlichkeiten besteht. Wie viele derer, die wir beobachten, benötigen nicht einmal mehr ein Portemonnaie, um ihre Kosten zu bestreiten, wieviele von denen müssen sich nicht um ihre Mobilität kümmern, um sich fortzubewegen, Räume anmieten, in denen sie wirken können oder in einer Schlange stehen, um Karten für ein Konzert zu bekommen? Sie sind eingewoben in ein Netz der Gefälligkeiten, das ihnen das wahre Leben fern hält.

Ein anderes Phänomen der Entwirklichung resultiert aus den Formen der Sozialisation. Letztere führt in vielen Fällen nicht mehr über die Navigation durch ein beschwerliches Leben, sondern sie besteht aus Anforderungsprofilen für die Position der Macht, die diesen Weg nicht mehr vorsehen und geringschätzen. Eingebettet in institutionalisierte Karrierepfade, die aus den Zauberworten der modularen Qualifikation und der Netzwerkbildung bestehen, wird eine systematische Entfremdung aus dem profanen Dasein vorprogrammiert. Das, was bei charismatischen Persönlichkeiten in den noch wenigen zu beobachtenden Fällen vorliegt, ein Instinkt für Situationen, die weder vorhersehbar sind noch eingeübt werden können, resultiert aus einem zuweilen schmerzhaften Prozess von Irrtum und Niederlage. Nur, wenn derartige Erfahrungen gemacht werden und eine gewisse Lernfähigkeit aus diesen Erlebnissen entwickelt wird, entsteht ein Sinn für nicht deklarierte Umstände und non-verbal erahnte Empathie für Gefahr, Bedürfnis und Verständnis. Wird dieser epistemologische Dreck nicht gefressen, helfen auch keine Bücher oder Seminare über Empathie oder soziale Intelligenz. Die Anzahl dieser Publikationen und Veranstaltungen sind eher ein Indiz über fehlerhafte Sozialisationsprozesse, die das profane Leben nicht mehr vorsehen.

Die Frage, die sich in diesem Kontext stellt, ist die nach einer notwendigen Abkehr von den normativen, technokratischen Modellen folgenden Anforderungsprofilen und Auswahlprozessen. Solange Wert darauf gelegt wird, eine institutionalisierte Vorgabe im Sinne technischer Fertigkeiten und Befähigungen auszurichten, wird die Metapher des Zauberlehrlings weiterhin Gültigkeit besitzen. Menschen, die, um einen treffenden Begriff Jean Paul Sartres zu aktivieren, als Techniker des Geistes firmieren, ohne die soziale Tiefe ihrer Operationen zu erahnen, werden die Kluft zwischen der Ausübung von Gestaltungsmacht und denen, die ihre eigenen Daseinsformen ignoriert sehen, nur noch vergrößern. Die Bedingung, die demokratisch definierte Systeme in ihre Auswahl derer, die die Gestaltung des Gemeinwesens voran treiben sollen, muss streng gebunden sein an eine Sozialisation, die die Erfahrung vermittelt hat, dass der Kampf um die tägliche Existenz der eigentliche Konsens ist, der dynamischen Gesellschaften die notwendige Kohärenz verschafft. Dazu gehören soziale Traumata genauso wie eine sprachliche Kommunikationsfähigkeit, die weit über den restringierten Code des technokratischen Raumschiffes hinausgeht.