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Ein Kartell des Schweigens

Zu Recht wird zuweilen beklagt, dass die neuen Medien und der extrem einfache Zugang zu ihnen zur Folge gehabt hat, dass sich alle zu allem äußern können. Was die einen als einen Sieg der Demokratie feiern, ist den anderen die Herrschaft des Mobs. Es ist zwecklos, sich in eine Bewertung einzumischen. Denn, so der Rat eines guten Freundes in solchen Momenten: Es ist, wie es ist. 

Was ohne jeden Zweifel festgestellt werden kann, ist der Umstand, dass alles, ob nun Bedeutendes oder Profanes, eine Kommentierung von überall her erfährt. Das war schon immer so, nur eben nicht sichtbar. Vor der digitalen Revolution waren die Orte, an denen die Kommentare auf alles Wichtige oder Unwichtige produziert wurden, die Stammtische, die Küchen und die Pissoirs. Heute ist alles im virtuellen, aber öffentlichen Raum. Das hat insofern eine andere Dimension und es hat tatsächlich viel verändert. Festzuhalten ist allerdings, dass auch die digitale Technologie, wie vorher andere, nicht an sich zu einer weiteren Demokratisierung der Gesellschaft beigetragen hat. Ganz im Gegenteil, auch wenn die Technologie dafür nicht verantwortlich gemacht werden kann, die Nutzungsbedingungen und die tatsächliche Nutzung haben zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft, die sich seit Jahrzehnten in einem neoliberalen Abnutzungsprozess befindet, zumindest in starkem Maße beigetragen. 

Es geht hier allerdings nicht um die berühmten Hinz und Kunz, die ihre Meinung im Netz publizieren. In diesem Fall geht es um diejenigen, die sich aufgrund der radikalen Öffentlichkeit zu bestimmten, wichtigen und tatsächlichen Fragen, die die Gesellschaft und ihre Entwicklung betreffen, gar nicht mehr äußern. Obwohl es sich um politisch aktive und gebildete Geister handelt, vermeiden sie es, bestimmte Ereignisse zu kommentieren. Wäre das eine durchgängige Haltung, so hätte das den Respekt verdient, den eine individuelle Entscheidung mit sich bringt. Da aber die gleichen Personen in vielen politischen Fragen sehr aktiv in unterschiedlichen Foren und Netzwerken unterwegs sind, scheint ein Nachhaken legitim zu sein.

In Bezug auf die sonstigen Äußerungen aus diesem Personenkreis wäre zu schließen, um einige Beispiele zu nennen, dass sie gar nicht einverstanden sind mit der Behandlung eines Julian Assange, dass sie es für grotesk halten, den Militarismus und seine Verwüstungen aus der Klimadebatte herauszuhalten, dass sie deutsche Waffenlieferungen in Krisengebiete für ein Verhängnis halten, dass sie die „Wahl“ von Frau von der leyen zur EU-Kommissionspräsidentin als Skandal ansehen, dass sie die Liquidierung bestimmter Branchen während der Lockdowns als eine gravierende Fehlleistung betrachten, dass sie das Gendern am grammatischen Genus für einen Angriff auf die Formgebung der Sprache ohne positiven politischen Aspekt ansehen, dass sie die Orchestrierung Chinas und Russlands zu Feindbildern für verfehlt halten, dass die Mission in Afghanistan alles andere war als ein Kreuzzug für die Demokratie etc. etc..

Und obwohl diese Menschen Besseres wissen, haben sie sich für Stillschweigen entschieden. Und so, wie sie dieses tun, erscheint es wie ein Kartell des Schweigens. Wie abgesprochen sparen sie genau diese Themen aus, die in ihrer praktischen Handhabung nach Dissens schreien, konsequent und diszipliniert. 

Was bleibt, ist die Frage, was die beschriebenen Menschen, die sich ansonsten durch Klugheit auszeichnen, dazu veranlasst, sich diesem Kartell des Schweigens zu verschreiben? Ist es die Angst davor, von den üblichen Meinungslöwen gemobbt zu werden? Oder ist es die Befürchtung, dass man zu wesentlich radikaleren Ansätzen kommen muss, wenn man diese Felder tatsächlich bearbeitet? Wahrscheinlich spielt beides eine Rolle. Zum Preis der Selbstaufgabe. 

Stillstand

Objektiv existiert er nicht. Da muss ich immer an den schönen Satz von Friedrich Engels denken: Der Ursprung allen Daseins ist die Bewegung. Recht hat er. Was sich nicht bewegt, existiert nicht. Und genau das ist es, was mir den Stillstand so suspekt macht, der natürlich immer nur gefühlt sein kann, weil er objektiv ja gar nicht existiert. Der Stillstand ist das Ansinnen, die Spielregeln des Lebens nicht einhalten zu wollen. Auch das ist verständlich, weil die absurde Bewegungsrichtung des Lebens letztendlich immer der Tod ist. Insofern scheitern wir alle. Wenn wir das nicht reflektieren, so handelt es sich um ein intendiertes Tabu, um den Spaß an der Sache nicht zu verlieren. Wer hat schon Lust, immer zu wissen, dass man irgendwann sowieso dem Sensenmann in die Arme läuft.

Und diejenigen, die die Vorwärtsbewegung durch den inszenierten Stillstand aufhalten wollen, machen das aus dem Motiv der Todesangst. Sie wollen die eherne Gesetzmäßigkeit des Lebens außer Kraft setzen und nehmen dabei sogar in Kauf, die Zeit, die hier auf diesem Planeten bleibt, nicht etwas besser, schöner, sinnvoller machen zu wollen. Nein, es soll alles so bleiben, wie es ist, und wenn möglich, möglichst lange. Wenn man so will, der Tod im Leben. Die Apologeten des Stillstandes wollen den Tod im Leben, um den Tod am Ende möglichst lange hinauszuschieben. Absurd aber wahr. Deshalb gibt es auch zwanzigjährige Greise und Vierzigjährige, die über Erfahrungen von Achtzigjährigen verfügen.

Neben denen, die den Stillstand favorisieren, existieren nämlich auch noch die, die über eine, um zu zitieren, neurasthenische Angst vor dem Stillstand verfügen. Sie versuchen alles zu gestalten und zu beschleunigen. Ob sie sich, analog zu den Verfechtern des Stillstandes, wirklich immer bewusst machen, was sie treiben, sei dahin gestellt. Sicher ist jedoch, dass sie über die Qualität, die die Beschleunigung des Daseins mit sich bringt, die gefühlte Lebenszeit essenziell bereichern, weil sie sie mit Erfahrung verdichten. Auch sie werden scheitern, das ist die Regel, und wenn schon zu Lebzeiten, dann spätestens an der Erkenntnis, dass die Dauer des Aufenthaltes auf diesem Planeten immer zu kurz ist, um die Komplexität des hiesigen Daseins zu erfassen. Dennoch werden sie weitermachen, denn die Neurasthenie ist nicht zu unterschätzen. 

Über diesen Clash of Civilizations ist in der Moderne noch nicht sonderlich viel nachgedacht worden, sollten wir aber machen. Denn die unterschiedliche Position zum Sinn des Lebens einmal festzumachen an der gewissen Endlichkeit, ist gefährlich. Die Menschen in unaufgeklärten, tief religiösen Epochen waren da cooler. Sie wussten um die Endlichkeit und hatten ein Konzept für das Danach, was ja nicht unangenehm sein musste. Mit der Materialisierung der Betrachtung des Daseins, d.h. Aufklärung, Wissenschaft und Industrialisierung war dieser Spuk vorbei. Aber der große Wurf ist epistemologisch dennoch nicht gelungen. Anstatt einer famosen Begründung für die Liquidierung des Gottes zugunsten einer neuen Dimension, wurde ein recht antiquiertes Tabu errichtet. Wir denken einfach öffentlich nicht mehr über die Endlichkeit nach. 

Unabhängig davon ist der beständige Kampf zwischen Stillstand und Beschleunigung das wohl probateste Stilmittel der menschlichen Existenz. Der Stillstand fordert die Geister der Gestaltung heraus und bietet ihnen die Reibungsfläche. Daraus entsteht oft vieles, das nützlich ist und manchmal sogar etwas Großes. Und das wegen eines Phänomens, das im strengen Sinne gar nicht existieren kann.

Jeden Tag, und da, wo wir sind!

Wie entsteht Produktivität? Durch Verbote par excellence? Dadurch, dass bestimmte Dinge nicht gedacht werden dürfen? Durch den Skandal in der ersten Sekunde? Oder durch eine Idee, aus der manches wird folgen können, was im ersten Augenblick nicht als möglich gehalten wird? 

Was ist Inspiration? Die freie Assoziation der Gedanken, das Testen bestimmter Beziehungen von Ideen zueinander, das Ausschweifen in der Phantasie, die Tabuisierung des Tabus! 

Und was ist das Gegenteil? Die Ideenlosigkeit, die entsteht, wenn es einen immer größeren Kanon gibt, der vorschreibt, was gedacht werden darf und was nicht. Der Kodex der reinen Lehre, nach der zwar niemand lebt, mit dem man aber die große Masse im Zaum halten kann. Wie bei der Heiligen Inquisition, so geht es auch heute zu, im Endstadium einer mit Intoleranz durchdeklinierten Gesellschaft, in der Moralisten den Wertekanon bestimmen, der die Inspiration in Angst und Schrecken versetzt. Eine Gesellschaft, in der die das Tabu zur strahlenden Größe geworden ist und seit Jahrzehnten die Regierenden von der Alternativlosigkeit ihrer Taten reden.

Machen wir das, was uns das europäische Erbe gelehrt hat. Halten wir uns nicht an den Kanon der geistigen Starre und lassen den Gedanken freien Lauf! Es darf alles geben, nur kein Weiter so! Die Bilanz ist ein Desaster. Das Vertrauen ist dahin, die Texte, mit denen wir zugemüllt werden, ergeben keinen Sinn mehr. Es ist das Geschwafel einer Ära, die nichts mehr zu sagen hat. Was soll das alles? Jede Auseinandersetzung mit der sinnentleerten Botschaft, in der keine valide Information mehr enthalten ist, ist vergeudete Zeit. 

Es geht um alles, es geht um das Leben. Wie bekommen die Menschen ein Einkommen, von dem sie existieren können? Wie bekommen sie Wohnungen, in denen sie sich wohl fühlen und die sie bezahlen können? Wie können sie sich fortbewegen, ohne Chaos und Dreck zu erzeugen? Wie können sie miteinander kommunizieren, ohne das das Gesagte von wirtschaftlichen oder politischen Spionageagenturen abgehört und gegen sie verwendet wird? Wie kann Arbeit gestaltet werden, in denen nicht die Maschinen die Menschen, sondern die Menschen die Maschinen regieren? Und wie können Entfremdung wie Plackerei bekämpft werden, damit Körper wie Seele befreit atmen können? 

Eigenartigerweise haben diese, sehr einfachen und grundsätzliche Fragen, die die Basis jeglicher politischer Betrachtung sein sollten, nichts mit dem zu tun, womit wir täglich konfrontiert werden. Darum aber geht es. Und um nichts anderes! Lässt Euch nicht täuschen! 

Und es geht weiter. Wo wird darüber verhandelt, was zu tun ist? In Berlin? In Brüssel? In Washington? Das ist nicht der Ernst, der erwartet werden kann. Die Debatte gehört genau dahin, wo wir uns bewegen. Lasen wir uns nicht abspeisen mit dem Verweis auf andere Orte. Gehen wir in die Offensive! Das Leben ist da, wo wir sind. Also Hosen runter und Karten auf den Tisch! Die erwähnten sechs Fragen decken zwar nicht alles ab, aber das Wesentliche. Also setzen wir sie auf die Tagesordnung. Jeden Tag, und da, wo wir sind. 

Die Denktabus nehmen die Luft zum Atmen. Sie verhindern genau das, worum es geht. Lasst Euch nicht einschüchtern! Es gilt!