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Das große Rom und die Integration

Wie einst im sprichwörtlich Alten Rom ähneln sich die Zustände. Auch dort, nachdem das Imperium militärisch gesichert war, versicherte man sich der Stabilität durch Normierung. Egal,  wohin der Reisende kam, überall galten die gleichen Gesetze, überall war vorgeschrieben, unter welchen Bedingungen man Handel treiben durfte, es gab Normen, wie die Schulen auszusehen hatten, wie Besitz erworben und veräußert werden konnte etc. etc.. Was die römischen Herrscher nicht taten, das war eine Normierung des Glaubens. Jeder Mensch unter der römischen Sonne konnte sich bekennen, zu was er wollte, sofern es nicht mit der weltlichen Gesetzgebung kollidierte. 

Hatte die römische Vorherrschaft mit den alteingesessenen Patrizier-Familien begonnen, so erforderte die Expansion, die heutige Historiker auch als die erste ernst zunehmende Phase der Globalisierung nennen, mehr Personal, als aus dieser Quelle zu versorgen war. Ergo begannen die Pragmatiker, die ihrerseits immer die entscheidenden Weichen in diesem Weltreich gestellt hatten, mit der Rekrutierung von Menschen, die aus allen Regionen des Reiches kamen, unabhängig von ihrer Ethnie oder Religion. Wurden Talente entdeckt, so erfuhren sie Förderung. Und, glaubte man, dass sie dem Reich gegenüber loyal waren, dann standen ihnen die Tore offen für Karrieren in Politik, Verwaltung und Militär. Auch da gab es Irrungen, wie im Falle Cheruskers Arminius, der in Rom alles gelernt hatte, bevor er sich mit seinen Kenntnissen und den barbarischen Stämmen seiner Heimat gegen die Legionen des Varus stellte und sie vernichtend schlug. Der Vergleich seiner Biographie mit der des Osama Bin Laden ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich.

Die neuen, erfolgreichen Karrieren der Adaptierten aus den Provinzen galten dennoch nicht, wie manche aus dem Patrizier-Lager anfangs befürchtet hatten, als eine Erscheinung, die das System der Macht destabilisiert hätte. Ganz im Gegenteil: durch die Möglichkeit, unter dem Titel Rom zu Reichtum, Macht und Ansehen zu gelangen, führte bis auf wenige Ausnahmen dazu, auch in den befriedeten Provinzen, wie es damals so aufschlussreich formuliert wurde, die Identifikation mit dem Imperium zu fördern. Wenn, so dachten viele von den Jungen und Talentierten, man aus der provinziellen Enge herauskommen konnte und dabei noch ein auskömmliches Leben führen, so konnte die Idee des Imperiums so schlecht nicht sein.

Und nicht nur die Identifikation der Talente mit dm Reich wurde gesteigert, sondern auch die Autonomie der Provinzen, oder das, was von ihnen noch übrig bleib, wurde in Bezug auf die Zukunft noch mehr geschwächt. Die Kreativen zog es nach Rom, die Soliden bleiben zurück und hatten sich zu unterwerfen.

Einer Versuchung, die aus heutiger Sicht vielleicht naheliegend wäre, unterlag Rom allerdings nicht. Wenn weder Talent noch Leistung stimmte, gelangte niemand zu Amt und Würden. Zwar gab es Vetternwirtschaft bei den Alteingesessenen, da wusch eine Hand die andere, wer aber von außen, aus den Provinzen, sein Glück in Rom finden wollte, der musste Leistung vorweisen und erbringen. Der bloße Verweis auf Ethnie, Kultur oder Religion hätte die Meister der weltlichen Macht allenfalls amüsiert, jedoch nie dazu bewogen, jemanden zu rekrutieren. 

Und, und das ist ein weiteres Argument für den gelegentlichen Exkurs in die Geschichte, obwohl das große Rom so klug war bei der Erhaltung seiner Macht, und obwohl es bei der Integration nie den Gedanken der Leistung über Bord geworfen hatte, ging es irgendwann unter. Das große Reich. Im Zeitalter der Globalisierung. 

Jerome Boateng und die drei großen Ts

Der nordamerikanische Ökonom und Politologe Richard Florida machte vor anderthalb Jahrzehnten zum ersten Mal mit seinen Thesen zur Stadtentwicklung Furore. Er hatte sich weltweit die Städte angesehen, die in vielerlei Hinsicht eine rasante Entwicklung genommen hatten und mit einer strukturalistischen Analyse bestimmte Gemeinsamkeiten freigelegt, die diese erfolgreichen Städte verbanden. Florida nannte die Faktoren letztendlich die drei großen Ts. Diese waren Toleranz, Talente und Technologien. Und tatsächlich: Im Wissen um diese Faktoren ist in vielen Fällen augenscheinlich, dass genau Investitionen in diesen Bereichen zu Entwicklungserfolgen führen. Städte, die sich um ein weltoffenes, tolerantes Klima verdient gemacht haben, die in Logistik und Infrastruktur investiert haben und die dafür arbeiten, dass junge und qualifizierte Menschen kommen und bleiben, haben die größten Chancen, erfolgreich zu sein. Der Erfolg misst sich nicht nur hart ökonomisch, sondern auch in Kreativ- und Zufriedenheitsindizes.

Soweit, so gut. Selbstverständlich können diese Faktoren nicht gestärkt werden, wenn ganz mechanisch, ohne soziale und kulturelle Intuition daran herum geschraubt wird. Aber das ist mit allen Konzepten so. Manchmal verifizieren sich derartige Konzepte aber auch auf ganz anderen Feldern, an die weder der Finder des Zusammenhangs, d.i. Richard Florida, noch diejenigen, die sie konzeptionell angewandt haben, jemals gedacht haben. Eines dieser Beispiele ist nämlich der deutsche Fußball.

Ungefähr zur gleichen Zeit, als Florida über die Städte forschte, musste der deutsche Fußball eine Krise konstatieren, die vor allem darin bestand, dass durch die Profi-Praktiken der Nachwuchs bzw. die Nachwuchsarbeit gelitten hatte. Es gab die Millionenstars und dann wurde es schwierig. Der deutsche Fußballbund zog daraus Konsequenzen, die in hohem Maße eine Konformität zu dem Florida-Konzept vermuten lassen.

Man begann, Talente zu scouten und zu fördern, Nachwuchszentren wurden geschaffen und in hohem Maße professionalisiert. Die Betreuung sowohl dieser Zentren als auch die der Nationalmannschaft wurden detailliert geplant und mit den neuesten Technologien ausgestattet. Von Motivationstrainern, Psychologen, Physiotherapeuten, Medizinern bis zu Ernährungswissenschaftlern wurde ein ganzes Ensemble, gerüstet mit den neuesten Erkenntnissen aus Wissenschaft und Technik in den Fußball geschickt. Und letztendlich wurden die Talente, derer man habhaft wurde und die Immigranten waren, mit der Perspektive konfrontiert, eingebürgert werden und für Deutschland spielen zu können. Dazu war eine andere Atmosphäre vonnöten, als sie vor 15, 20 Jahren in vielen Stadien herrschte. Mit Toleranz- und Respektkampagnen wurde ein Klima geschaffen, das eine neue Ära einläutete.

Der vorläufige Erfolg dieser drei großen Ts war ein Fundus von ca. 50 auf Weltniveau spielen könnenden Akteueren, über die vorher noch nie eine DFB-Auswahl verfügte. Nicht die notwendige, aber die logische Konsequenz war dann der Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, bei der das System der Toleranz, der Talente und der Technologien dermaßen Furore machte, dass mittlerweile alle renommierten Fußballverbände dieser Erde nach Deutschland kommen, um sich zwecks Kopie klug zu machen.

Es ist eine tatsächliche Erfolgsgeschichte, die etwas zu tun hat mit einem qualitativ politischen Denken. Die Namen, die vor allem mit dem Toleranzaspekt korrelieren, sind Özil, Khedira und Boateng. Andere sind gefolgt und haben das System bestätigt. Der Affront vor allem gegen Jerome Boateng, der durch seine eigene Vita, seinen Sportsgeist und sein soziales Engagement noch einmal eine besondere Qualität unter Beweis stellt, dokumentiert mit welch einem abgrundtiefen Unverständnis wegweisende, auch politisch zu reflektierende Erfolgskonzepte konfrontiert Und gefährdet sind.

Der DFB und die Florida-Kriterien

Um die Jahrtausendwende wartete der US-amerikanische Ökonom, Politologe und Initiator neuartiger Studien zur urbanen Entwicklung, Richard Florida, mit einer Theorie auf, die weltweit Bürgermeister wie Stadtentwickler inspiriert hat. Er sprach von der Entstehung einer kreativen Klasse und ihrem massiven Einfluss auf florierende urbane Entwicklung. Florida identifizierte drei Voraussetzungen, die darüber entscheiden, ob heute, im Zeitalter der bisher umfassendsten Globalisierung, eine Stadt den Weg nach oben findet. Es waren Talente, Toleranz und Technologien. Dieser Mix von technischer Produktivkraft, der Bindung juveniler Eliten sowie einem Klima des Respekts und der Freiheit sind nachweislich überall dort zu finden, wo man heute Erfolgsgeschichten nachlesen kann. Auch die Florida-Thesen haben zu hitzigen politischen Diskussionen geführt, doch darum geht es an dieser Stelle nicht.

Als nach der Weltmeisterschaft 1998 zum zweiten Mal nach 1994 festgestellt werden musste, dass es um den deutschen Fußball nicht zum besten bestellt war, begann im DFB eine Diskussion, die für eine derartig große Organisation sehr schnell sehr praktische Konsequenzen haben sollte. Angesichts einer in der Bundesliga gängigen Praxis, statt Talente zu fördern lieber Profis aus dem Ausland zu kaufen, initiierte der DFB nun Programme, die diese Tendenz aufhalten bzw. umkehren sollten. Natürlich spielten die Vereine mit, sonst hätte sich nichts bewegt, aber die Initiative ging von dem von allen immer wieder als bürokratischem Moloch erlebten DFB aus.

Dieser setzte bei seinen eigenen Trainern neben der Talentförderung auf ein Klima der Toleranz, was dazu führte, dass unter den Talenten, die heute bereits weltweit durch ihre Leistungen auf sich aufmerksam machen, sehr viele Immigrantenkinder sind, deren integrative Wirkung hierzulande alle anderen Bemühungen übertrifft. Des Weiteren arbeiteten die Trainerstäbe mit Methoden, die gerade jetzt, bei der WM in Brasilien, international für großes Aufsehen sorgen und wohl dazu führen werden, dass die Nutzung von High-Tech, quantitativer wie qualitativer Datenauswertung, Bewegungsdiagrammen, Soziogrammen und sozialpsychologischer Gutachten wohl auch in dem einen oder anderen Verband vorgeschlagen werden wird. Will man sich ein Bild davon machen, auf welchem Niveau dagegen der deutsche Fußball vor eineinhalb Jahrzehnten war, sehe man sich den englischen heutzutage an.

Ohne es explizit reflektiert zu haben, was nebenbei gesagt auch Unsinn gewesen wäre, hat der DFB und haben die meisten Bundesliga-Clubs die Prinzipien des Richard Florida auf den Fußball angewendet und sie waren erfolgreich. Die Özils, Boatengs und Schürrles sind das Ergebnis einer Talentförderung, die mit den Stärken der Technologie und den Grundsätzen der Toleranz vorangetrieben wurde und die zu dem geführt hat, was momentan als Blaupause des Non-Plus-Ultra im Weltfußball diskutiert wird. Das ist insofern eine sehr positive Meldung, als dass es gelungen ist, in einem Milieu, dass traditionell mit dem Ressentiment arbeitet, eine andere Dimension des sozialen Verkehrs zu etablieren, die vielen Bereichen der Gesellschaft sogar überlegen ist. Es ist die Zeit, auf diese positiven Entwicklungen im Fußball zu schauen statt seinerseits die Ressentiments gegen dieses Gewerbe zu mobilisieren, wie es immer wieder versucht wird, um diese vermeintlich letzte Männerbastion – was bereits auch der Vergangenheit angehört – zu stürmen. Wer immer noch den Fußball in Deutschland exklusiv als Hort deutsch-nationaler Hooligans identifiziert, den kann man zur glücklichen Existenz im letzten Jahrtausend beglückwünschen.

Und was wäre, so könnte man sich fragen, wenn die Förderung der Talente, auf hoch wissenschaftlichem Niveau und unter Voraussetzung der Toleranz und der Betrachtung der Potenziale statt der Normen, Eingang fände in das Bildungssystem? Oder ist der hiesige Föderalismus träger als der DFB?