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Platz nehmen auf der Bank!

Was machen, wenn die Geschichten erzählt sind? Eine Frage, die sich immer wieder stellt und die das Bild in Erinnerung ruft, wenn Menschen, die gemeinsam auf der Bank saßen, zum Horizont blickten und sich gegenseitig erzählten, was sie erlebt hatten, wie sie die Dinge sahen und welche Schlüsse sie aus dem Leben gezogen hatten. Was machten sie dann? Wenn alles gesagt war, wenn ihr Redefluss abbrach, dann blieb erstmal nur der Blick in die Ferne. Es war das Erwachen vor dem Ungewissen, dem noch nicht Geformten, vor dem Immateriellen, vor einer Zukunft, die sich noch nicht ahnen ließ und die vielleicht auch keine Relevanz mehr besaß.

Das Gesprochene stand noch im weiten Raum, auch ohne Erwartung auf eine Erwiderung. Man war mit sich im Reinen. Die Voraussetzung war gewesen, sich gegenseitig zuzuhören und die Erzählung der anderen nicht zu unterbrechen. Und der gegenseitige Respekt vor dem eigenen Urteil.  Entscheidend bei der Beurteilung solcher Augenblicke war das Auseinandergehen. Man verabschiedete sich ohne großes Zeremoniell, stand auf, blickte noch einmal zum Horizont und dann auf die eigenen Füße, die von den anderen weg führten. Nachdenklich und dennoch zufrieden hatte man mit sich und seinem Leben abgeschlossen, vorerst. Es war wie ein Gedankenstrich, der im Raum stand. Nach der Erzählung, nach der Reflexion.

Die Vergangenheitsform der Betrachtung verrät den Zweifel, ob derartige Rituale noch stattfinden, unabhängig von dem Vorhandensein von Bänken, an denen man sich trifft und die einen Blick auf den Horizont zulassen. Nicht nur viele Räume sind verstellt, auch das Bedürfnis, seine eigene Erlebnis- und Gefühlswelt real existierenden Menschen mitzuteilen, die neben einem sitzen, hat abgenommen. Natürlich existieren neue Plätze, deren Charakter allerdings darin besteht, nur mittelbar zu sein. Was fehlt, sind die Geräusche und Gerüche, das Räuspern, die Zwischentöne und die kleinen Gesten, die den Reichtum der humanen Kommunikation ausmachen.

Und die heutigen Bänke sehen so aus, als säßen nur noch Menschen darauf, die analoge Erfahrungen gemacht und dieselben Schlüsse daraus gezogen hätten. Da sitzt kein Querkopf mehr auf der Bank, kein Hasardeur, kein Outlaw, kein Romantiker und kein Desperado. Da sitzt die eigene Serie, Massenware, die den Eindruck erweckt, es gäbe nichts mehr zu erzählen, weil wir doch schon alles wissen. Über die neben uns und über uns selber. So funktioniert Atomisierung, so funktioniert soziale Segregation, so funktioniert die Zerstörung von Kommunikation.

Da gibt es nichts zu feiern, außer man begrüßt die soziale Spaltung und die Beherrschbarkeit von anonymen Kolonnen. Alles, was noch als politischer Wunsch durch den Äther flittert, ist gekennzeichnet von einer tiefen Sehnsucht, weil es längst nicht mehr existiert: der Respekt, die Augenhöhe, die Wertschätzung, das Zuhören. Verschwunden in der brachialen Egalisierung der Existenzbedingungen, in der Abschottung im Gleichen, in der Selbstbezogenheit.

Tom Wolfe, der Autor des großen New York Romans im späten 20. Jahrhundert, Fegefeuer der Eitelkeiten, wurde gefragt, woher er so viel wusste, über die Stadt und welchen Verlauf sie nehmen würde. Er antwortete, man müsse sich in den Dreck des Alltags begeben, um herausfinden zu können, was unter der glitzernden Oberfläche wirklich vor sich gehe. Und genau das scheint in die richtige Richtung zu weisen. Setzen wir uns wieder auf die Bänke, so dreckig sie auch sein mögen, und hören wir denen zu, deren Blick den Horizont sucht. Die Ergebnisse werden überraschen, und, da bin ich mir sicher, sie werden bereichernd sein.  

Im Pantheon des Journalismus

Vielleicht zeichnet die Helden unserer Tage das Phänomen aus, nicht als solche sichtbar zu sein. Zumindest nicht der alten Glorie zu entsprechen, dass da jemand steht im Glanze seiner Persönlichkeit und im Glanze seiner Leistung und alle anderen Erdenmenschen überstrahlt. Die wahren Helden unserer Tage scheinen jene zu sein, die so sind wie wir, mit Fehlern und Macken, die aber trotzdem ein Selbstbewusstsein an den Tag legen, das seinesgleichen sucht.

Aus meiner Sicht War Tom Wolfe so ein Held. Ein ziemlich arroganter Allerweltsmensch, der es nötig hatte, sich wie ein Dandy zu kleiden und zu vermarkten, weil er sonst kaum Beachtung gefunden hätte. Wolfe war ein Repräsentant seines Jahrhunderts, weil er aus dem Journalismus kam und mit dem dort gereiften Stil zu einem Literat von Weltruhm wurde. Ja, er arbeitete sich auch als Journalist durch sein Leben, knallte der Bauhausarchitektur eins vor den Bug und berichtete von der LSD-Tournee im Magic Bus. Aber das, was für mich hängen bleiben wird als groß und großartig, das sind seine drei Großstadtromane.

New York City, Atlanta und Miami. Bonfire of Vanities, A Man in Full und Back to Blood. Der überzeugte New Yorker debütierte mit dem Roman über die Metropole New York, wo es reicht, sich nur einmal zu verfahren, um in einer Odyssee, einer Reise des Lernens durch Leiden, zu enden. Ganz in der Tradition des leibhaftigen Journalismus entstand das „Fegefeuer“ zunächst als Fortsetzungsroman in der New York Times und vieles, was dort thematisiert wurde, beunruhigte das Publikum, weil zeitgleich oder kurz darauf etwas in der Metropole geschah, das es so aussehen ließ, als verfüge der Autor über eine Art Geheimwissen. Wolfe reagierte mit einem Aufsatz unter dem Titel: Dichter in den Dreck! Er, der von der literarischen Nomenklatura als Journalist verhöhnte, schlug zurück und beschrieb das Profane als Quell der Erkenntnis.

A Man in Full zeigte weniger den Moloch Atlanta, als einen Ort der Deplatzierten, der quasi über Nacht mit der Gründung von CNN zur Fabrik der Weltmeinung gemacht wurde, aber ein provinzielles Hinterland bot, das frei von den politischen Virulenzen eines Washingtons war, aber reich an niederen Intrigen. Und dann Miami in Back to Blood, die sonnenbeschienene Fassade zwischen Age Belt, kulturellem Größenwahn, russischen Oligarchen und konservativen Latinos. Tom Wolfe wusste, wo der Rhythmus war, den das moderne Amerika bewegte und Tom Wolfe wusste, wo es richtig schmerzt.

Der kalt wirkende, immer in weiße Anzüge gehüllte Dandy, dessen Zeilen reich waren an Geist, Spott und manchmal auch Zynismus, dieser scheinbar kalte Mann war ein genialer Beobachter. Und ihm gab das, was er sah, auch zu denken und zu fühlen. Nur hatte er, der Journalist, einen Vorteil, den gerade seine Profession in guten Zeiten aufwies. Er machte sich mit keiner Sache gemein. Wolfe beobachtete, Wolfe beschrieb und Wolfe komponierte seine Texte. Was herauskam war genial, weil es ohne Belehrung auskam.

Seine Texte wirkten. Sie hatten gesellschaftliche Explosivität. Und sie trugen die Leserschaft durch eine klare, leuchtende, Erkenntnis fördernde Distanz. Tom Wolfe ist gegangen. Ins Pantheon des Journalismus. Kein schlechter Ort!

Eine bedrückende Quintessenz

Robert Harris. The Ghost

Neu ist sie nicht, die Erkenntnis, dass Literatur durchaus imstande ist, Geschichte zu antizipieren. Dazu gehören allerdings Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die etwas mitbringen von der Fähigkeit, die der extravagante Tom Wolfe einmal als going into the dirt beschrieben hat. Genau er hatte die Erfahrung gemacht, als er in die verschiedenen, abstrusen und skurrilen Milieus der Stadt New York abtauchte, um aufzusagen, was er in dem Fortsetzungsroman Jahrmarkt der Eitelkeiten spann. Das Projekt wurde ein Welterfolg und viele Leser wunderten sich, dass später Dinge eintrafen, die vorher schon in einer Folge thematisiert waren.

Robert Harris ist Brite und nicht so ein Freak wie Tom Wolfe, aber das going into the dirt ist ihm bei einem Roman tatsächlich ganz besonders gelungen. Es handelt sich dabei um den Roman The Ghost, der Harris persönliche Abrechnung mit dem einstigen Freund und britischen Premierminister Tony Blair wurde. Erst bei der Lektüre wird hier vom Kontinent aus deutlich, wie viele Menschen und Weggefährten über den späteren Kurs des Erfolgspolitikers Tony Blair gelitten haben müssen. Vor allem unter dem, was dieser für sie bedeutet hatte und dem, was er später tat.

Anhand einer gut überlegten Story, die den Auftrag an einen Ghost Writer beinhaltet, an der Autobiographie weiterzuarbeiten, die ein anderer, der unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen war, begonnen hat, wird das politische Leben des mittlerweile nicht mehr amtierenden Premiers noch einmal Gegenstand der Handlung. Vor allem die Kapitel seiner aktiven Laufbahn, die sich um die Kooperation mit den befreundeten USA und deren Kampf gegen den Terrorismus drehen, werden zu einem von Konspiration, Seichtigkeit und Wahnvorstellungen dominierten Szenario, aus dem der ganze Irrsinn dieses von George W. Bush deklarierten Krieges spricht. So ist es kein Wunder, dass der arme Ghost Writer bei seinen Recherchen über immer mehr Widersprüchliches und Eigenartiges stolpert, bis er selbst in die nicht unberechtigte Phobie abgleitet, er selbst sei mit Leib und Leben bedroht.

In überzeugender Weise beschreibt Harris die Vorgehensweise der amerikanischen wie britischen Geheimdienste, die aus der Traumatisierung der Anschläge von 9/11 einen politischen Blankoscheck erhielten und loszogen, wie sie es sich immer einmal gewünscht haben. Und siehe da, die ehe lakonischen, nebensächlichen Beschreibungen von Abhöraktivitäten, Überwachungen, Bespitzelungen bis hin zu martialischen Verhörmethoden sind nahezu präzise Beschreibungen dessen, was heute die Öffentlichkeit in manchem demokratischen Land in Rage versetzt. Harris Roman stammt aus dem Jahr 2007, das nur nebenbei, und vielleicht als Note in den Journalen der politischen Entrüstung.

Sicher ist, dass Robert Harris ein Schriftsteller ist, der sehr gründlich recherchiert und dessen Recherchen sich nicht beschränken lassen auf den Besuch von Bibliotheken. Daher verwundert es nicht, dass vieles so realistisch herüber kommt, was uns heute bewegt. Das Absurde und Beunruhigende an diesem Roman ist, dass ein Szenario, welches vor sieben Jahren noch als eine aus politischer Enttäuschung skizzierte übertriebene Handlung zu interpretieren versucht wurde, heute nahezu als eine Dokumentation durchgehen könnte.

Das ist eine Note – und damit sind wir bereits bei der Klassifizierung – guter Literatur. Die Fähigkeit nämlich, Tendenzen, die bereits existieren, so zu zeichnen, dass sie eine Materialisierung in der Zukunft vorwegnehmen. Wenn es dann noch, wie bei Robert Harris nahezu garantiert, hoch spannend und in einer exakten Sprache geschieht, umso besser. Ein sehr guter Roman, aber eine bedrückende Quintessenz.