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Unter dem totalitären Siegel

Gut, wenn alles seine Ordnung hat. Dann wissen alle, wie das Spiel gespielt wird und niemand muss sich der Mühe aussetzen, neue Phänomene zu identifizieren und einzuordnen. So, als wollten alle, die an der Sache der Öffentlichkeit beteiligt sind, der großen Mehrheit einen Gefallen tun, hat sich bislang niemand dazu durchgerungen, auch nur irgend etwas auf den Prüfstand zu legen, obwohl das zum Sinn von Wahlen gehört. Es wäre angebracht, sich die Grundpfeiler der Politik anzusehen, zu betrachten, was aus diesen Annahmen geworden ist und wohin das Ganze führt. Aber, so scheint es, dazu besteht kein Anlass.

Wahlkämpfe sind die Lebenszeichen einer Demokratie. In ihnen ist zu beobachten, ob es in der Gesellschaft einen Streit gibt über die Grundannahmen und ob es eine Auseinandersetzung zwischen den Interessen gibt. Denn, das sollte nicht vergessen werden, wenn so eine Erzählung durch die Medien geistert, dass etwas für alle so oder so besser oder schlechter sei, dann ist Ideologie im Spiel. Dann geht es bereits um Partikularinteressen und dann hat eine gesellschaftliche Klasse bereits die so genannte Lufthoheit erlangt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die Religion der Reichen, und sie kann momentan als Staatsreligion bezeichnet werden.

Da keine grundlegenden Positionen bezogen werden, die das System von Steuerentlastung, die damit verbundene Ent-Staatlichung, die Löhne auf einem niedrigen Niveau zu halten und somit Exportüberschüsse zu gewährleisten anprangern, ist wenig Land in Sicht. Und da der gegenwärtige Entwurf der SPD mit Gerechtigkeit und Bildung nicht prinzipiell den Wirtschaftsliberalismus zur Disposition stellt, ist damit zu rechnen, dass wir vor einem der langweiligsten Wahlkämpfe der Geschichte der Republik stehen, obwohl es um mehr geht als sonst. Der Kurs dieser Regierung steht auf Konfrontation, Expansion und Verwerfung, und wenn keine Alternative entsteht, wird die Zukunft düster sein.

Und es bedarf keiner tief greifenden Analysen, um zu sehen, wohin die Reise geht. Nach anfänglichem Geschrei folgt diese Regierung dem desaströsen Kurs der USA im Nahen Osten weiter. Waffengeschäfte mit Saudi Arabien werden nach wie vor getätigt, die Einmischung in Syrien hat militärischen Charakter und das Verhältnis zur Türkei ist undurchsichtig. Die jeden Tag aufs neue dokumentierbare Faschisierung des türkischen Staates hat keine konsequente Position zur Folge. Es kann ja sein, dass es noch möglich ist, mit der Türkei Geschäfte zu machen. Dagegen ist die Position gegenüber Griechenland felsenfest. Obwohl das dortige Gemeinwesen ausblutet und den Namen nicht mehr verdient, wird ein Schuldenerlass abgelehnt. Da werden Gesellschaften und Völker geopfert, um Banken zu retten.

Gut, wenn alles seine Ordnung hat. Die Befindlichkeit der Republik wird definiert über das Unausgesprochene. Alles, was dazu geführt hat, das Land in internationalem Kontext zu isolieren, alles, was zu einer weiteren Polarisierung zwischen Arm und Reich beitrug, steht unter einem Siegel des Totalitarismus. Ja, die Courage, Missstände und sozial fragliche Positionen anzugreifen, wird diskriminiert als eine populistische Entgleisung. Wer die Geldflüsse in Verbindung mit politischem Verhalten in Europa kritisiert, wer den Regelungswahn dieser Bürokratie anspricht, hat blitzschnell das Label des Europahassers am Revers. Wer das Junktim von NATO und EU im Falle der Ukraine hinterfragt, ist ein Putinversteher. Und wer für eine unabhängigere, aus eigenen Interessen geleitete Politik gegenüber den USA fordert, ist schnell ein so genannter Reichsbürger, obwohl er diese gar nicht kennt.

Die Logik ist totalitär. Und zu reformieren ist sie nicht.

Über den Totalitarismus der Arbeit

Carl Cederström, Peter Fleming, Dead Man Working. Die schöne neue Welt der toten Arbeit

Die Frage nach der Entfremdung in der Arbeit und durch die Arbeit wird gestellt, seitdem es Analysen der kapitalistischen Produktionsweise gibt. Marx war natürlich der erste, er bezog es vor allem aus dem Doppelcharakter von Gebrauchs- und Tauschwert und der damit verbundenen Anonymisierung der Wertschöpfung. Sohn-Rethel setze diese Gedanken im 20. Jahrhundert fort, ohne noch groß Beachtung dafür zu bekommen. Erst mit den weniger ökonomischen und mehr philosophischen Überlegungen Michel Foucaults gewann das Sujet an Hitze. Seine Überlegungen zur Etablierung einer internalisierten, d.h. eingespielten Gouvernementalität reflektierten den Prozess der Arbeit als ganzheitliches Prinzip, das zeitlich vom Restleben nicht mehr getrennt werden kann.

 Dass der Prozess der Arbeit mit der digitalen Revolution traditionellen Vorstellungen, die man nach Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps trennen konnte, ein Ende bereitete, bestreitet heute niemand mehr, der sich ihr in unselbständiger Arbeit unterwerfen muss. Und den Hochglanzkampagnen, wonach die Auflösung der Trennlinie als Akt der Befreiung gefeiert wird, stehen böse Visionen und wachsende Suizidraten gegenüber. Carl Cederström von der Cardiff Business School und Peter Fleming von der University of London haben nun unter dem Titel Dead Man Working. Die schöne neue Welt der toten Arbeit einen Essay vorgelegt, den man nicht in Gänze goutieren muss, der aber in vielerlei Hinsicht dazu geeignet ist, die notwendige Diskussion weiter zu führen.

 Ausgangsthese der beiden ist die Unmöglichkeit, dem Prozess der Arbeit überhaupt noch zu irgendeinem Zeitpunkt des Tages entgehen zu können. Die absolute Hegemonie der Arbeit hat aus den Menschen etwas anderes gemacht. Das Dialektische dabei ist die Stereotypisierung und damit geringer werdende Wertschöpfung. Nur wenn Arbeit noch in der Lage ist, das Originäre und Authentische aus den Menschen herauszupressen, gelingen ihr nennenswerte Wertschöpfungsschübe.

In insgesamt sechs Kapiteln nach Formulierung der Ausgangsthese gehen die Autoren auf verschiedene Erscheinungsphänomene ein, die ihre Thesen untermauern sollen. Dazu gehören die Teambildungs- und Authentizitätseskapaden, die aus der Beraterszene in die tote Arbeit „eingespritzt“ werden sollen ebenso wie die Beschreibung der Omnipräsenz des Unternehmens in der realen geographisch divergierenden Lebenswelt. Der aus Verwertungsgesichtspunkten lebenswichtige Versuch des Aufspürens individueller Kreativität führt zu Prozessen wie der Industrialisierung der Bohème genauso wie der zum Massenphänomen gewordenen Erscheinung einer Entfremdung der Individuen von sich selbst, sobald sie das ihnen Individuelle als Verwertungstreibstoff enttarnt haben. Das sind sehr interessante und durchaus zutreffende Beobachtungen, die bei der Fragestellung nach Emanzipationsmodellen helfen können.

 In den letzten drei Kapiteln, die zunächst mit der Betrachtung der Modelle der Flucht vor dem Imperialismus der Arbeit beginnen und dann bei dem einzigen Erfolgsmodell in diesem Unterfangen mit dem Suizid enden, kann nur eine Pointierung gemeint sein, um die Notwendigkeit realer Veränderungen zu unterstreichen. Ansonsten bürge das Traktat etwas zu sehr die Essenz des Sektierertums. Eine eindeutige Formulierung findet sich allerdings nicht. Und im Ausblick das Charakterologische des kleinen Mädchens als Modell der unangepassten Person zu zeichnen, die mit Infantilität und bestechender Logik den Affront kultiviert, kann man als gelungene Regieanweisung zu einem genialen Theaterstück werten, nicht aber als Ende einer theoretisch-philosophischen Reflexion über den Totalitarismus der Arbeit im digitalen Zeitalter.

Insgesamt bergen die Überlegungen jedoch zahlreiche schwergewichtige Ideen, mit denen man sich auseinandersetzen sollte.