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Mit der Aura tragischer Sektierer

Die Dramaturgie ist gesetzt. Ob das etwas bewirken wird, ist allerdings fraglich. Parallel zu dem von allen Beteiligten engagiert geführten Wahlkampf um Sitze im Europaparlament kommen in bestimmten Sequenzen Prognosen über die zu erwartende Wahlbeteiligung. Als sicher kann dabei nur gelten, dass eine geringe Wahlbeteiligung ein Desaster wäre.

Trotz eines noch nie da gewesenen Aufwandes wäre es ein weiteres deutliches Zeichen für die Abkehr der Wahlberechtigten von dem gegenwärtigen Konstrukt Europa. Die immer wieder eingeblendeten Umfrageergebnisse, die besagen, das Interesse sei gestiegen, könnten sich als ein Produkt der Self-fulfilling-prophecy erweisen. Sollte nämlich die Wahlbeteiligung signifikant von den Prognosen abweichen, dann würde sich der Verdacht erhärten, dass die Mainstreammedien sehr bewusst die Wünsche ihrer Auftraggeber auf die eigene Arbeit abstrahlen lassen. Sicher ist zumindest, dass es bald herauskommen wird.

Analoges gab es bereits, nämlich beim letzten Wahlkampf um die us-amerikanische Präsidentschaft. Dort lag laut den hiesigen Medien Hilary Clinton mit mehr als 70 prozentiger Zustimmung vorn und das Heulen und Zähneklappern war groß, als plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Donald Trump der neue Präsident wurde. Seitdem ist es geraten, bei den Prognosen aus dem beschriebenen Bereich genau hinzuschauen.

Und vielleicht hilft es sogar, die Prognostik mit der Interessenlage der Bundesregierung abzugleichen. Nicht, dass es Spaß machen würde, aber es ist reich an Erkenntnis: Unabhängiger, kritischer Journalismus findet in den großen Häusern nicht mehr statt. Stattdessen wird man in den Noch-Nischen fündig, und da ist es keine gewagte und auch keine interessengeleitete Prognose, ihnen eine größere Zukunft vorauszusagen, als die jetzt bereits beachtliche.

Was jedoch den Niedergang der öffentlich-rechtlichen Anstalten betrifft, so hat der sich in die Politik eingeschlichene Moralismus genauso dazu beigetragen wie die staatszentralistische Vorstellung von Kommunikation gegenüber einer unmündigen Bürgerschaft. Der Terminus der gelenkten, staatlich organisierten Kommunikation scheint zutreffend zu sein und das in Anwendung befindliche Modell sieht eher aus wie ein Derivat aus sowjetischen Zeiten als die Kontrollidee der Vierten Gewalt.

Sollte die Triade von Self-fulfilling-prophecy, moralischer Überlegenheit und vermeintlichem Erziehungsauftrag gegenüber dem nicht mündigen Volk nicht greifen und es dazu kommen, dass andere Ergebnisse als die gewünschten und beabsichtigten erzielt werden, dann kann es als sicher gelten, dass genau das inszeniert wird, was man den Kritikern in der Regel so gerne vorwirft: die Theorie der Verschwörung.

Sollte die Europawahl ein Debakel werden, kann als sicher gelten, dass irgendwelche russischen Trolle wieder ihre Finger im Spiel hatten, dass es Allianzen von rechten Schmutzfinken gab, die das alles inszeniert haben und dass in Ungarn oder Polen mit Fake News gearbeitet worden ist. Nicht, dass das alles nicht an der einen oder anderen Stelle tatsächlich sein könnte. Als exklusiver Grund für eine Absage durch die Wählerinnen und Wähler kann es jedoch auf keinen Fall gelten.

Moralisten sind wie Triebtäter. Und deshalb wird als Erklärung für nicht erzielte Ergebnisse alles bemüht werden, nur eines nicht. Und das ist das eigene Tun und Handeln. Denn wer erleuchtet ist, der kann nicht irren. Insofern haben die feurigsten Vertreter der bestehenden Zustände auch eine Aura wie tragische Sektierer.

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