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Lasst die USA nicht allein!

Es ist schwer, sich bei den gegenwärtigen Turbulenzen auf der Welt emotional zu verorten. Negativ nicht, das tun viele. Positiv aber doch. Wer oder welches Land bietet sich an als positive Orientierung? Nicht im Sinne eines Leithammels, sondern eher als kulturelles Konglomerat einer Historie, die als Referenz gilt für eine Kompetenz in Sachen Überleben gilt. Innovationskraft würde man das heute vielleicht nennen. Da kommt man schon ins Grübeln, denn so rosig sieht vieles, zumindest aus dem heutigen Blickwinkel, nicht aus. Da haben zu viele Länder ihre eigene Geschichte der Autokratie zu erzählen. Und das Idealbild, das in unseren missionarischen deutschen Köpfen allzu oft spukt, ist eine Schimäre, auf die man nur kommen kann, wenn die eigene demokratische Bilanz so ramponiert ist wie die unsere. Lachen über Italien und seine ständigen, aber geschäftsfähigen Aushandlungsprozesse, seit nunmehr 2000 Jahren? Da liegt der Hase im Pfeffer. Wir sollten uns auf unsere Zurechnungsfähigkeit therapieren lassen. Damit täten wir nicht nur uns, sondern auch allen anderen einen großen Gefallen.

Naheliegend sind natürlich auch die USA. Momentan stehen sie denkbar schlecht da. Und von hier aus, dem befriedeten winzigen Fleck in Europas Westen, ist ein ungetrübter Blick so schwer wie nie. Da gibt es immer noch ein tiefes Ressentiment, das aus dem Unvermögen resultiert, den Albtraum Hitler aus eigenen Kräften zu beenden. Dass da schwarze GIs aus Alabama kommen mussten, um die lange Nacht zu beenden. Viele haben das nie verwunden und ihnen tut alles gut, was ein finsteres Licht auf das letzte neue Imperium wirft.

Und da existieren die Stimmen, die berechtigt die Blutbilanz dieses Imperiums auflisten, um eine positive Orientierung daran auszuschließen. Richtig. Nur leider scheint es so zu sein, dass insgesamt das aus den Augen gerät, was einst zu der kulturellen Suprematie der Supermacht beigetragen hat. Die demokratische Tradition, die sozialen Kämpfe, die Kunst des Ausgleichs, die Kultivierung der Besonderheiten, das Recht auf die Jagd nach Glück. Zu der Gründungsmasse gehörten diejenigen, die hier, in unseren Gefilden, nie eine Chance hatten. Sie machten sich auf, um sich eine neue Welt zu erschließen. Und deshalb sind sie so, wie sie sind.

Historisches Bewusstsein heißt, sich dessen zu vergewissern, dass die französische Revolution ohne die amerikanische nie so stattgefunden hätte, wie sie es tat. Und es gäbe viele Errungenschaften der westlichen Zivilisation nicht, wenn sie nicht in Chicago erkämpft worden wären. Die Wut auf die gegenwärtigen Verhältnisse verursacht zumeist zu einem Blackout in Sachen Geschichte.

Ein Land mit seiner gegenwärtigen Regierung gleichzusetzen ist an Einfalt nicht zu überbieten. Hier ist es, zumindest im Falle der USA, leider gängig. Es gab immer Leute, die sich weigerten, dorthin zu reisen, solange der und der Präsident sei. Man stelle sich vor, Menschen aus anderen Ländern hätten es sich bei den Kohls, Schröders und Merkels ebenfalls überlegt, ob sie hierher kämen. Wie hätten diejenigen, die so argumentieren, in diesem Falle gedacht? Verständnisvoll?

Eine gute Botschaft: Donald Trump, der Unsägliche, wird es nicht vermögen, die USA gegen die Wand zu fahren. Überall im Land existiert Widerstand. Es entstehen neue Allianzen und Bündnisse. Sie werden sich durchsetzen und vieles in dem Land verändern. Wir lassen sie, bis auf wenige Ausnahmen, alleine. Ihnen muss unsere Solidarität gelten. Da spielt sich gerade etwas ab, das paradigmatisch sein wird. Und dann, wenn es sich unter hohem Preis durchgesetzt hat, wird es hier wieder kopiert. Mit hämischem Gehabe, wie es geschichtslose Wesen gerne tun. 

Lassen wir die, die sich dort, auf der anderen Seite des Atlantiks, gerade unter hohen Risiken aufreiben, nicht allein. Besiegen wir unsere eigene Dummheit. Das wäre schon einmal ein Beitrag.

Google Earth, mit politischem Blick

Was sich für viele Menschen anfühlt wie eine Katastrophe, ist entwicklungsgeschichtlich eine ganz normale Angelegenheit. Eine Weltordnung, die für einen, übrigens historisch relativ kurzen, Zeitraum Bestand hatte, ist im Prozess des Zerfalls. Wie die Zukunft aussehen wird, ist noch nicht abzusehen. Um das herauszufinden, bedarf es kluger Analysen und vor allem kalter Betrachtung. Die Hysterie, die als Begleiterscheinung des Ordnungszerfalls überall zu spüren ist, ist verständlich, hilfreich ist sie nicht. 

Ein Bild, das vielleicht hülfe bei der Beruhigung der Gemüter ist das von Google-Earth. Vor allem vom emotional hochgeladenen Standort Deutschland aus wäre es ratsam, weit nach oben zu zoomen, um zu sehen, wie klein sich der eigene Standort im Weltkonsortium ausmacht und zu entdecken, dass es nicht um die provinziellen Konflikte geht, sondern dass bereits richtig große Player auf der Bühne stehen, gegen die mit Luxuslimousinen und dem einen oder anderen Fußballspieler nicht viel auszurichten sein wird.

Während die USA seit der Weltfinanzkrise im Jahr 2008 den Tribut für ihre strategische Überdehnung bezahlen, haben andere ihren Anspruch an gravierende Mitsprache zunehmend angemeldet. Der taktische, nicht strategische, Rückzug der USA, denn der Anspruch auf Hegemonie ist auf keinen Fall erloschen, hat für die Staaten Europas, die in der EU organisiert sind, harte Konsequenzen. Lösten sie das ein, was die USA von Ihnen verlangten, nämlich die Übernahme von Aufgaben und Kosten vor allem im militärischen Bereich, dann würde das nicht nur teuer, denn es brächen alte Wunden auf. Wie reagierten denn die anderen europäischen Staaten, wenn Deutschland wieder zur größten Militärmacht auf dem Kontinent avancierte? Darüber direkt gesprochen wird nicht, aber die schnelle Zusage an die USA, den Forderungen Folge zu leisten, bedeutete genau das. Und wenn dem nicht nachgekommen wird, welche Rolle spielte dann das selbst ernannte Europa noch?

In Syrien zeigt sich gegenwärtig, was der taktische Rückzug der USA bedeutet. Zum einen eine Chance für die von einem Krieg Gebeutelten, zum anderen stoßen Mächte wie Russland aufs Feld und selbst die Restauration des osmanischen Reiches wittert ihre Chance. Die Lage ist komplex wie kompliziert, und den Charakter erhält sie aufgrund eines Sammelsuriums von Fragen nationaler, ethnischer, religiöser wie wirtschaftlicher Interessen, die alle miteinander verwoben sind und die nur gelöst werden könnten, wenn ein jahrelanger, international getragener Friedensprozess für den gesamten Nahen Osten begänne, der versuchte, das alles zu entflechten und zu einer neuen Ordnung zu formen. Gegenwärtig ist das Verlangen nach geostrategischen Vorteilen und nach Zugriff auf Rohstoff zu stark, als dass davon geträumt werden könnte.

Wie insgesamt, weltweit, die Messe noch längst nicht gelesen ist. Da schlingern die USA, Russland kehrt zurück auf die Bühne, China ist erstarkt, weiß aber um die Risiken eines globalen Showdowns und ist klug genug, um diesen nicht zu suchen. Indien wäre noch so ein Riese, der mitspielen könnte, wenn er nicht der eigenen Diversität zum Opfer fällt und sich selbst meuchelt. 

Die USA, China, Russland, Indien und Europa. Das hieße, Südamerika, Afrika und die islamische Welt blieben wieder einmal außen vor. Aber, dass sollte der Blick auf Google Earth vermitteln, kein Moralist im Büßerrock wird das entscheiden, sondern reale Interessen und Kräfteverhältnisse. Und vielleicht noch der Hinweis, dass es sich beim Verlauf von Geschichte um kein Wunschkonzert handelt. Vielleicht tragen solche Erkenntnisse dazu bei, dem hiesigen Hype um Bagatellen und dem Tanz um die Symbolpolitik ihren Reiz zu nehmen.