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Eine Rechnung ohne die russische Seele

Wenn es die Qualität kluger Strategen ist, die Dinge vom Ende her denken zu können, dann ist das Ergebnis des Krieges gegen die Ukraine eindeutig: Russland ist ad hoc und für Jahrzehnte als Teil des europäischen Kontinents politisch wie kulturell verschwunden. Die Weltordnung hat eine neue Kontur bekommen, die nichts Gutes vermuten lässt. Neben dem sich immer wieder selbst überschätzenden Westen, d.h. den USA und den mit ihnen sicherheitspolitisch wie systemisch assoziierten Staaten bildet sich eine gewaltige eurasische Allianz: China, Russland und Indien. Sowohl China als auch Indien haben mit ihren ersten Aussagen nach der russischen Invasion in der Ukraine Präsident Putin in seinem Handeln gestützt.

Wer sich, und diese harte Realität lässt sich kaum verbergen, wohl auf der ganzen Linie verzockt hat, sind die in der EU versammelten Staaten. Sie stehen, ohne eigenes Interessenprofil und ohne militärische Verteidigungsmacht, zwar mitten auf dem Schlachtfeld, aber ohne die USA sind sie kein Faktor. Und der Preis, der in der nun folgenden Eiszeit zu bezahlen ist, wird hier in Europa gezahlt werden müssen. Die mangelnde Courage, Uncle Sam zu widersprechen und die Unfähigkeit, sich auf einer gemeinsamen Interessenbasis zu verständigen, haben zu einem Desaster geführt. Der Eintritt für die erste heiße Phase im finalen Konkurrenzkampf einer multipolaren Welt wird in Europa zu entrichten sein. Well done!

Dass nun sich ausgerechnet die wieder lautstark zu Wort melden und betonen, sie hätten schon immer gewusst, dass man Russland keine Konzessionen machen dürfe, ist ein schlechtes Testat für die hiesige politische Öffentlichkeit. Welche Lektionen zu lernen sind, steht seit langem fest: Weg von der eigenen Arroganz, weg von einem desaströsen Verständnis, wie man Verhandlungen zu führen hat und weg von dem Weltbekehrungswahn. Zwar winken bereits einige kluge Politologen über den Zaun, dass man hätte Russland zuhören und Angebote machen müssen, und vielleicht hätte das andere, nicht kriegerische Optionen eröffnet, aber die zum Teil auf den Gehaltslisten des militärisch-industriellen Komplexes der USA stehenden „Experten“ finden mehr Gehör denn je. Lessons learned? Wieso?

Die Nichtbeachtung wie wachsende Konfrontation haben den großen Schachspieler im Kreml in die Paranoia getrieben, unter der nach der Oktoberrevolution übrigens alle russischen Herrscher litten, weil es wenigen Hundert Bolschewiki in Sankt Petersburg gelungen war, den Zaren zu stürzen. Putin, der seit mehr als zwei Jahren sprichwörtlich im Bunker verbracht hat, hat das Psychogramm entwickelt, das systematisch andere Perspektiven als die eigene ausblendet. Übrigens ein durchaus zunehmend im Westen zu beobachtendes Phänomen. 

Putin hat sich, was die politische Akzeptanz der jetzigen kriegerischen Handlung anbetrifft, verkalkuliert. Nicht, dass die russische Operation im rein militärischen Sinn nicht erfolgreich sein wird. Was aber seine Landsleute denken und fühlen, ist etwas anderes. Die wie auch immer zu bezeichnende Herauslösung von Donezk und Luhansk, wo russische Mehrheiten leben, die tatsächlich von der ukrainischen Zentralregierung schlecht behandelt und diskriminiert wurden, fand Unterstützung bei vielen Russinnen und Russen. Sie sahen die Notwendigkeit, ihnen zur Hilfe zu kommen. Bomben auf Kiew aber, das war die Rote Linie. Es liegen verifizierte Augenzeugenberichte vor, dass sich in der Kapitale Moskau wie auf dem Land Menschen weinend in die Arme fielen, als sie hörten, es würden Raketen auf Kiew geschossen. Es waren nicht die kosmopolitisch urbanen Eliten, die der Westen so glorifiziert, sondern die einfachen Leute, die ihren Gefühlen Ausdruck verliehen. Der Präsident hatte die Rechnung ohne die russische Seele gemacht. 

Wer sich die Sitzung des Sicherheitsrats angesehen hat, in der Putin den militärischen Angriff auf die Ukraine verkündete, konnte die Gesichter der dort versammelten Militärs und Mitglieder der Sicherheitsdienste genau betrachten und musste Bemerken, dass das, was dort verkündet wurde, nicht mehr ihrem Verständnis einer russischen Sicherheitspolitik entsprach. In Zeiten wie diesen soll man sich von Spekulationen mehr denn je fernhaften. Aber Risse im obersten Machtgefüge werden deutlich, und ein Machtwechsel sollte nicht ausgeschlossen werden.

Hierzulande, vor unseren eigenen Augen, stehen gewaltige Aufgaben. Wir wären gut beraten, nicht wieder einer kurzlebigen Selbstbeweihräucherung anheimzufallen und uns wie immer auf der richtigen Seite zu fühlen. Europa als Ganzes hat verloren, schrecklich verloren. Und die alten Wege wie die alten Akteure sind Geschichte.