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Vom Schweine Janz zur Rauten Angie

Ein immer wiederkehrender Vorwurf an die Kälte der modernen Zeiten besteht in der Klage über den Verlust der Poesie. Poesie im Sinne der metaphorischen, stilistischen, onomatopoetischen und originellen Bereicherung des Alltagsgeschehens, einerseits in der Beschreibung des Geschehenen, andererseits auch nur in der Charakterisierung der Akteure durch Namen. Kramen wir in unserem Gedächtnis, so fallen sogleich vor allem solche Namen ein, die eigentlich jeder von uns hatte, als die Menschen noch versuchten, den Charakter der sozialen Interakteure zu entschlüsseln und ihnen als Signet anzuheften.

Das gab es im Alltag genauso wie in der großen Geschichte. In letzterer gab es Iwan den Schrecklichen, es gab zahlreiche Große und einen Kleinen, es gab hässliche Herzoginnen, aber meistens, mit Verlaub, waren es Beschreibungen der Erscheinungsform. Im Alltag konnte das dann anders aussehen, und je weiter man in die einzelnen sozialen Milieus hinabstieg, desto poetischer wurde es. Mir selbst fallen zahlreiche Figuren ein, auf die ich in meiner Biographie traf, die nahezu nur unter der Charak und kaum mit ihrem bürgerlichen Namen bekannt waren.

Mir klingelt es bis heute in den Ohren, wenn ich an Dreschkasten Wüllm (Landmaschinenschlosser), Schweine Janz (Metzger), Mücken Theo (Finanzwart) den wilden Hecht (Wirt) oder den müden Pinsel (Maler und Wirt) denke. Der schärfste Lehrer wurde Chiang Kai-shek genannt, dann gab es einen Boche Frochte (ein Bergmann, der eine Französin liebte), eine Puschkin Erna (sie steckte sich nach dem Verzehr eines jeden Schnapses mit zugehöriger Kirsche den kleinen Spieß wie eine Trophäe ans Revers), die Rote Spind Lola (sie ging nachts aus gewerblichen Zwecken in die Kaserne), den roten Zar (es war meine Großmutter, die eisern und sozialdemokratisch über die Familie herrschte), etc..

Die Liste ließe sich, je nach Milieu, endlos fortsetzen. Erst gestern noch traf ich einen Bekannten aus früheren Zeiten, der an den Neunfinger Karl erinnerte. In diesem Zusammenhang kam die Sprache auf den Bootsmann, den es nach Florida verschlagen hatte, den Onkel Molotow, Willy ohne Noten und Mutter Birken.

Beschriebe man die erwähnten Menschen so nüchtern, wie es teilweise heute geschieht, so wäre ihnen viel genommen und schnell kehrte Langeweile ein. So aber, genährt durch Phantasie, Esprit und Witz, wird die unmittelbare Erfahrung noch einmal aktiviert und vieles im Urteil erhält eine menschlichere Note.

In diesem Kontext ist es interessant, dass der bayrische anarchistische Katholik Oskar Maria Graf einen Essay verfasst hatte, in dem er vom Goethe Wolferl und vom Heidegger Martl sprach, deren Werke bezüglich der Kernaussagen in Bayrische übersetzte und sie in dieser Profanisierung für das einfache Volk diskursfähig machte. Mir gefällt dieser Ansatz.

Bei all der Enttäuschung und Verbissenheit, die uns momentan begleitet, könnte es sehr hilfreich sein, aus so rohen und kalten Mächten wieder einmal Menschen zu machen, die in das komisch-absurde Epos des Homo sapiens passen. Stellen wir uns vor, wir sprächen von der Rauten Angie, vom blonden Wein-Karussell, vom bayrischen Dieselfilter, vom König der Gummigeschosse, von der europäischen Schnapsflasche, von der lettischen Eis-Ikone, vom amerikanischen Betonmischer, dem Muschik im Kreml oder dem Räuberhauptmann aus Rio. Schon wären wir mitten im Film. Schon nähmen wir Partei, und wie im Traum, alle Hemmungen wären verflogen. Aber vielleicht liegt es auch am Schneegestöber. Da ist es spannend, was die Wetter Walküre heute Abend für die nächsten Tage prognostizieren wird.

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