Schlagwort-Archive: Wahrheit

Denzel Washington bringt es auf den Punkt

In einem momentan kursierenden kurzen Video bringt der bekannte US-amerikanische Schauspieler Denzel Washington eine der Miseren unserer Tage ohne Schnörkel auf den Punkt. Von einer Journalistin nach der momentanen politischen Situation befragt, haut er den Satz heraus: Wenn du keine Zeitung liest, bist du nicht informiert. Und wenn du eine liest, dann bist du desinformiert. Es komme, so weiter, der Presseorganen nicht mehr darauf an, ob sie die Wahrheit publizierten, sondern nur, ob sie die ersten seien, die mit einer Meldung herauskämen. Das sei das einzige, was zähle. Und es sei völlig egal, was sie damit anrichteten oder wen sie damit zerstörten.

Das ist deutlich und starker Tobak. Aber es ist auch das, was die Gemüter nicht nur hier in Europa, sondern auch in den USA erhitzt. Die Rolle der Presse ist, nicht ausschließlich, aber in starker Weise, durch diesen Sachverhalt geprägt. Die Konkurrenz in Bezug auf die Aktualität. Sie verursacht einen mit einem Hunderennen vergleichbaren Zustand, in dem es nur noch darauf ankommt, den Vorteil des Aktuellen zu erwerben. Und die ganze Meute hechelt diesem Ziel hinterher, das sich, was die Qualität der Meldung betrifft, als das entpuppt, was beim Hunderennen die Meute stimuliert: eine Attrappe, die sich beim näheren Hinschauen als nicht echt erweist.

Das Mantra des US-amerikanischen Journalistik-Professors Dean Mott, bei dem eine ganze Generation auch der europäischen Nachkriegsjournalisten ihr Handwerk gelernt haben, das Check, Re-Check und Double-Check, es gehört der Vergangenheit an. Man könnte leicht darüber hinweg gehen, wenn es nicht eine derartige Dimension angenommen hätte, als dass dieser Zustand nicht mitverantwortlich wäre für eine immer mehr um sich greifende gesellschaftliche Krise.

Die Reaktion auf diesen Zustand ist vielfältig. Sie erstreckt sich einerseits auf die Bemühungen des kritisch lesen wollenden Publikums, den Unwahrheitsgehalt vieler Meldungen zu enthüllen und diesen tatsächlichen Falschmeldungen die Wahrheit entgegen setzen zu wollen. Diese Bemühungen finden zumeist im Internet statt. Andererseits führt die sinkende Seriosität zu dem, was allgemein mit der populistischen Chiffre der „Lügenpresse“ bezeichnet wird. Jene, die sich dieser Deutung anschließen, verfügen zumeist nicht über die erforderlichen Fähigkeiten, selbst zu recherchieren und sich ein Bild zu machen. Stattdessen folgen sie denen, die sich den Unmut über diese Misere zunutze machen und streifen dabei ihr Gefühl für den Wahrheitsgehalt von Meldungen völlig ab und folgen in einer als Rebellion verstandenen Gefühlsregung den Falschmeldungen entgegengesetzten völlig haltlosen Behauptungen, die propagandistischer nicht sein könnten.

Bei aller Ablehnung der beschriebenen irrationalen Reaktion ist dennoch anzumerken, dass die Wurzel dieses Irrationalismus in der qualitativen Entgleitung des etablierten Journalismus zu suchen ist. Nun, als Reaktion mancher Politiker, die sich dessen entweder nicht bewusst sind oder die schlechte Qualität des herrschenden Journalismus bewusst in Kauf nehmen, solange dieser ihre eigene Politik in einem guten Licht erscheinen lässt, deuten sich mit der ausgerufenen Jagd auf die so genannten Fake News die Einführung von zensorischen Maßnahmen an. Diese werden sich, das ist bereits ersichtlich, nicht auf die propagandistischen Reaktionen beschränken, sondern auch gegen jene richten, die sich um gesicherte Fakten bemühen, die den verbreiteten offiziellen Versionen widersprechen.

Letzteres ist genau die Reaktion, die den größten Schaden anrichtet. Sie trägt dazu bei, die Gesellschaft weiter zu spalten und Verwerfungen zu produzieren. Die Alternative wäre eine eine nach Qualität strebende Presse. Die ist furchtbar unbequem, aber sie wäre in der Lage, das Abdriften großer Teile der Bevölkerung in die Einflusssphäre von Rattenfängern zu verhindern. Und Personen des öffentlichen Lebens, wie Denzel Washington eine ist, die darauf hinwiesen, scheint es hier nicht zu geben. Weiterlesen

Werbeanzeigen

Wahrheit macht nur schlechte Träume

Wo bleiben die Szenarien? Ist es ratsam, immer nur in Vierjahreszyklen zu denken? Wie wird es wohl weiter gehen mit dem europäischen Gebilde? Ist das rasende Tempo der Erweiterung, getrieben von Kapitalverwertung und vermeintlichen Sicherheitsinteressen auch in nur einem kleinen Punkt krisenfest? Oder treibt bereits alles auseinander? Wie geht es weiter mit einem West- und Mitteleuropa, in dem Formen der Assimilation und Integration längst eingeübt sind und einem Osten, der sich noch gar nicht von einer gnadenlosen Wirtschaftsreform erholt hat, aus dem viele der Jungen in den vergleichsweise prosperierenden Westen gezogen sind und in dem die Geriatrie die Infrastruktur von Morgen bestimmt? Und wie sieht das der Rest der Welt? Orientieren die USA sich nicht längst Richtung Pazifik, wo ein gewaltiges China wartet, das nich schwächer wird, wenn sich ein großes Russland mit ihm wieder verbündet? Wo wird das Konstrukt Europa bleiben, das seine Stärke, die Wertschöpfung, dem schönen Schein der Finanzspekulation zunehmend opfert, dessen Staaten den Raum der politischen Gestaltung verlieren und von dem bald nur noch eine ineffektive Bürokratie als eine scheppernde Normierungsbehörde übrig bleibt? Kann es da noch Visionen geben, die einen Neuanfang beflügeln?

Zugegeben, es ist Vollmond. Und bei Vollmond dominieren, zumindest bei den Fühligen, die skeptischen Gedanken. Irgendwie herrscht der Blues, und alles, was da kommt und auf der Bildfläche erscheint, hat das Gesicht einer Gefahr oder eines schlechten Omens. Aber, und das ist das Schmerzhafte, so ganz beschwingt wird niemand, auch die nicht, die sich als flammende Europäer bezeichnen, diese Fragen beantworten und ihr einen positiven Teint verleihen können. Die Lage ist kritisch. Und wenn die Lage kritisch ist, dann ist es hilfreich, über den Tellerrand hinauszuschauen. Wie sagen die alten Weisen, um Trost zu spenden, doch so gerne: Es mag jetzt weh tun, aber in ein paar Jahren wirst du über das Missgeschick, dass dir jetzt widerfährt, vielleicht sogar lachen.

Nun, nochmal, bei Betrachtung der Fragen wird sich einiges auftürmen, das nicht in einigen Jahren als eine kleine Episode vom Tisch sein wird. Denn von selbst wird sich nichts zum Guten wenden. Damit das geschieht, müssen beherzte Kräfte ohne falsche Rücksichtnahme die Fehler kritisieren und die Lage analysieren. Und eines steht fest: Wenn sich die Dinge zum Besseren entwickeln sollen, dann muss sich vieles, sehr vieles ändern. Russen und Amerikaner, die die Macht haben, denken in größeren Zeiträumen, von den Chinesen ganz zu schweigen, die sind es gewohnt, in wahrlich geschichtlichen Dimensionen zu agieren. Allein die Frage, wo Deutschland und Europa wohl in dreißig Jahren stehen wird, würde dem politischen Personal hierzulande wohl die Verlegenheit ins Gesicht treiben. Von hundert oder fünfhundert Jahren ganz zu schweigen. Der anfängliche Fragenkatalog, der längst nicht komplett ist, bei dem veränderte Bündnisse und wechselnde Partnerschaften nur der Rand sind, bei dem aber ökologische Verschiebungen und neue Ressourcen noch gar keine Rolle spielen, zeigt, dass zunächst die richtigen Fragen gefunden werden müssen. Dieser Fragenkatalog zeigt aber auch, dass die amöbenhafte Geschichtsbetrachtung dafür sorgen wird, dass im Spiel der Mächte längst andere am Ruder sind, die am Konstrukt der Zukunft arbeiten.

Die Wahrheit, so sagen die Russen, die immerhin über siebzig Jahre ein Parteiorgan ertrugen, das diesen Namen trug, die Wahrheit macht nur schlechte Träume. Das mag so sein, aber wer sie nicht aushält, diese schlechten Träume, der ist raus aus dem Spiel.

„Und träumt im Bett vom Attentat…“

Zuerst tauchten sie nur sporadisch auf. Tastend, etwas schüchtern. Da kam dann mal eine Note, in der ein Zweifel angemeldet wurde an einer These oder einem benutzten Begriff. Das ist legitim und berechtigt und manchmal hat die Leserschaft auch ein Recht darauf zu erfahren, ob die Qualität des veröffentlichten Textes nicht tatsächlich anzuzweifeln wäre. Niemand ist perfekt. Dann wurde es zuweilen etwas mehr. Da klangen in den Fragen oder Andeutungen Vorstellungen an, die vermuten ließen, es mit Zeitgenossen zu tun zu haben, die irgendeine Sequenz in der Geschichte überhaupt nicht wahrgenommen hatten und so sprachen wie Archetypen deutscher Befindlichkeit vor den beiden großen Kriegen. Auch die wurden veröffentlicht, weil auch das eine Information ist, die die Leserinnen und Leser dieses Blogs verdienen, wenn sie sich die Mühe machen, die Artikel zu lesen und zu kommentieren. Letztendlich gesellten sich Nachrichten hinzu, die M 7 dann nicht mehr veröffentlichte, weil sie Vorboten von Gewalt waren und keine Atmosphäre der Angst entstehen soll bei einem Diskurs, der zum Ziel hat, Zustände zu kritisieren, die verbessert werden können. Das ist ein wichtiges Unterfangen, das langen Atem benötigt und so etwas wie ein dickes Fell.

Es ist durchaus verständlich, wenn Akteure in der Bloggerwelt mit Pseudonymen arbeiten. Es kann sogar die Welt von Produktion und Rezeption wunderbar inspirieren, wenn das geschieht. Was irritiert ist etwas anderes. Es ist vorgebrachte Kritik an den Werken anderer, die durchaus über das Gewohnte hinausgeht oder sogar die Person angreift. Auch das ist vollkommen in Ordnung. Es ist sogar anzumerken, dass wir in einer Zeit leben, in der die harte Polemik viel zu kurz kommt. Sowohl die Verfasser bissiger Polemiken scheinen auszusterben als auch Akteure und Institutionen, die dieses auszuhalten imstande sind, wirken wie eine Rarität. Was jedoch nicht geht, ist die Radikalattacke unter dem Schild der Anonymität. Das ist die Nutzung eines bürgerlichen Rechtes ohne bürgerliches Bewusstsein, das ist Hinterhalt, das ist das Wesen von Heckenschützen.

Es existieren genug psychologische Diagnosen über den Affront im Schutz der Anonymität, die alle auf Schwäche und die eigenen Minoritätskomplexe verweisen. Politisch, in seiner Wirkung, beschrieb allerdings der Polemiker und Barde Wolf Biermann, über den wiederum mit gutem Grund trefflich gestritten werden kann, dieses Phänomen nahezu exzellent:

„Der legendäre kleine Mann,
Der immer litt,
Doch nie gewann,
Der sich gewöhnt an letzten Dreck,
Kriegt er nur seinen Schweinespeck,
Und träumt im Bett vom Attentat,
Den hab ich satt.“

Auch wenn Biermanns Tirade sich gegen eine bestimmte soziale Spezies richtete, so traf er auch das Wesen derer, die hier im Netz das unsichtbare Maul weit aufreissen und damit versuchen, Unruhe zu stiften und Angst zu verbreiten. Es wäre unklug, mit der gleichen Methode zu antworten. Das ist leider allzuoft ein Fehler, der diejenigen, die die Verhältnisse besser machen wollen, an den Rost der alten Zeit kettet. Es kann nur die Nachricht geben, dass die Pfeile aus der Dunkelheit eher eine Bestätigung des eigenen Weges sind. Und es muss die Einladung bestehen bleiben, zu diskutieren, auch hart zu diskutieren, dann aber unter Wahrung der Identität. Wer sich dem in Zukunft verweigert, mag im Bett liegen bleiben und von Attentaten träumen, hat aber auch als Kommentator hier nichts mehr verloren. Direkte Kritik wird nur noch mit Namen genehmigt, sonst landet sie im Trash. Und der Streit auf der Suche nach Wahrheit geht weiter. Ich freue mich darauf!