Schlagwort-Archive: Walter Benjamin

Es ist, wie es ist!

Jedes Spiel hat seine Regeln. Und wenn diese gelten, dann heißt es in kritischen Momenten: Es ist, wie es ist. Doch was geschieht, wenn deutlich wird, dass weder das Spiel noch dessen Regeln an Bedeutung verlieren? Dann ist es anders, aber, und damit können sich viele nicht abfinden, es ist trotzdem, wie es ist. Auch wenn das Spiel nicht mehr gespielt wird. Ob das eine komplexe Situation ist, sei dahin gestellt. Weil die Erkenntnis bleibt, dass die Verhältnisse, so wie wir sie vorfinden, so sind, wie sie sind. Wem das zu profan ist, der hat sich bereits einen Vorsprung erarbeitet, weil sich das allgegenwärtige Lamento über den Verlust der Gewissheiten auf das Vergangene konzentriert. Das, werte Freundinnen und Freunde, ist verlorene Zeit.

Was bleibt, ist die Frage, ob, angesichts der veränderten Situation, alles, was bisher galt, über Bord geworfen werden muss, weil jetzt alles anders wird? Oder, ob es nicht ratsam ist, das, was sich bewährt hat, zu erhalten und mit in die neue Zeit zu nehmen? Und das, was nicht mehr in die erwünschte Zukunft passt, stattdessen in die historischen Archive zu verfrachten? Darum nämlich geht es zumeist. Es bleibt niemandem erspart, die Welt, die sich vor uns ausbreitet, selbst mit gestalten zu wollen oder sich dem zu ergeben, was anscheinend nicht mehr zu ändern ist.

Da existiert seit der Moderne die Vorstellung, dass Fortschritt immer das Allheilmittel ist und das Bewahren eine einfältige Nostalgie. Oder anders herum. Alles, was da kommt und unbekannt ist, sei des Teufels und alles, was auf dem großen Müllhaufen der menschlichen Existenz liegt, müsse gerettet werden. Beide Positionen, exklusiv für sich, sind wenig hilfreich. Sie führen ins Verderben. Wichtig ist und bleibt, sich dessen bewusst zu sein, dass Menschen zumindest die menschliche Geschichte machen. Also müssen Menschen auch die Entscheidung darüber treffen, wie sie das, was vor ihnen liegt, gestalten wollen. Subjekt – Objekt, dieses Begriffspaar, ist der Kompass, an dem wir uns orientieren sollten. Und wenn wir Subjekte bleiben und nicht zu verdinglichten Monstren werden wollen, müssen wir selbst bestimmen, wohin die Reise gehen soll.

Was wollen wir mitnehmen, und was wollen wir verlieren? Das ist die Aufgabe, der wir uns stellen müssen, wenn wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir uns die Muße erlauben, das Dasein noch einmal von einem bestimmten Punkt aus zu reflektieren. Der ist jetzt, heute wie morgen, gegeben. Wir sollten den Zeitpunkt nutzen, zu entscheiden, ob die zukünftige Geschichtsschreibung von uns als Objekten oder Subjekten berichten wird. Wer sich nicht entscheidet, und alles so weiter laufen lässt, wie es sich momentan entwickelt, hat sich für die Kategorie Objekt entschieden und damit – sein letztes Kapitel selbst geschrieben.

Und für alle, die das mit dem Subjekt ernst meinen, bricht eine spannende Zeit an, die vieles von ihnen verlangt: die Reflexion des Geschehenen, die Entwicklung einer Vorstellung davon, wie das Zukünftige aussehen soll und ein Plan davon, wie das Erstrebte erreicht werden kann. Nicht einfach, aber fordernd, nicht bequem, aber inspirierend. 

Insofern ist der Angelpunkt, an dem wir uns befinden, ein aufregender Standort. Wer standhalten will, schrieb Adorno, darf nicht verharren in leerem Entsetzen. Und manchmal, schrieb Walter Benjamin, kann Revolution auch bedeuten, die Notbremse zu ziehen. Und wer sich fragt, wie das alles zusammenpassen mag, der hat die Schwelle zu Zukunft bereits überschritten. Und, so schrieb uns Bertolt Brecht ins Pflichtheft, Wut alleine hilft nicht. So etwas muss praktische Folgen haben! 

Bewahren Sie die Ruhe, besinnen Sie sich Ihrer Kraft, und nähren Sie Ihre Zuversicht!  

Schreiben und Schweben

Jeder, der sich mit dem Verfassen von Texten beschäftigt, kennt das Phänomen. Es existiert eine Idee oder auch keine, aber irgend etwas hat dich dazu getrieben, dich an dein Schreibgerät zu setzen. Das ist, je nach Alter, Sozialisation oder Kultur, ganz unterschiedlich. Entweder es ist noch eine Schreibmaschine, am besten eine alte Triumph. Oder es ist ein Blatt Papier und ein Bleistift. Oder ein tablet, vielleicht mit einer externen Tastatur. Aber egal, was es ist, du sitzt dort alleine und hast ein Vorhaben. Das des Schreibens. Und los geht´s? Mitnichten.

Walter Benjamin hat es, ich glaube in seinem Buch Die Einbahnstraße, einmal so beschrieben, dass ich es nie vergessen habe. Wenn du am Schreibtisch sitzt, dann schreibe, auch wenn dir nichts einfällt. Das war klug, das war richtig klug. Denn natürlich wusste Benjamin, dass da etwas in unserer Unterstruktur ist, das arbeitet, auch wenn wir denken, der Kopf sei leer. Das mache ich auch gerade. Jetzt. Ich folge Benjamin und schreibe, ohne dass mir was einfiele. Es wird etwas werden, da bin ich mir sicher.

Andere kluge Köpfe machten es sich schwerer, sie sprachen vom Geheimnis des künstlerischen Schaffens. Aber keinem gelang der große Coup. Nur Walter Benjamin, der sich an den Pyrenäenausläufern, in Port Bou, ins Mittelmeer stürzte, weil er die Verfolgung durch die Gestapo nicht mehr aushielt, dieser großartige Intellektuelle, der Schöpfer der Figur des Flaneurs, des großen Assoziators in der Moderne, der durch die Pariser Passagen streunt und das Weltgeschehen anhand der vorgefundenen Versatzstücke neu komponiert, hat es erfasst. Und zwar mit der Klarheit und Unverfrorenheit einer Berliner Schnauze. Schreib einfach weiter, auch wenn dir nichts einfällt. Da staunste, wa? Auch die Schlauen saugen an einer Mutterbrust. Benjamins Sensorik stammte aus Berlin, dem jüdisch-bürgerlichen, dem unverwechselbaren, das es nicht mehr gibt.

Und dann bist du drin. Das Probieren ist der Beweis. Wenn die Sätze laufen, wunderst du dich, wie das geht. Ein perpetuum mobile der menschlichen Ideengebung. Bis der Sensenmann kommt und den Schalter umlegt. Doch das muss noch warten. Mach ihm einfach nicht auf. Du bist jetzt am Schreiben. Und wie. Schnell, immer schneller. Bis ein Schwebezustand erreicht ist, der alles mitbringt, was einen richtigen Rausch ausmacht. Die Schwebezustände des Schreibens sind unbändig. Sie vermitteln ein Gefühl, natürlich das des Schwebens, das alles beinhaltet, was das Außerkraftsetzen der Gravitation beinhaltet. Leichtigkeit, Grenzenlosigkeit, Sphäre. Tempo nicht unbedingt. Das ist eine Verwechslung. Wer meint, Tempo sei es, um das es ginge, der kann gleich Kokain nehmen. Das führt zur Beschleunigung, erzeugt aber nie das Erhabene des Schwebens. Und damit wäre auch schon die Lehre gezogen: Wer bereit ist, Risiken einzugehen, und das ist der Fall, wenn man einfach anfängt zu schreiben, der erreicht irgendwann einen Schwebezustand. Und der versetzt den Mutigen in den Zustand temporärer Erhabenheit. Die Rauschzustände, die das Schweben zuweilen mitbringt, entstammen der körpereigenen Chemie. Genial. Unbedingt versuchen. Wer die Angst überwunden hat, der muss sich nicht mehr fürchten!

Die kulturelle Wüste und die neue Avantgarde

Gefühlt liegen die Zeiten leichter Orientierung Lichtjahre zurück. Die Erinnerung, die suggeriert, es hätte noch funkelnde Ideen und Helden gegeben, die diese umsetzten, ist im kollektiven Gedächtnis verblichen. Ob es sich tatsächlich um eine Illusion handelt, dass es so etwas einmal gab? Die Meinungsmacher dieser Tage behaupten es. Und sie treffen dort auf Zustimmung, wo man berechtigterweise die Verklärung des Alten anzweifelt. Damit ist der Kuchen aber nicht gegessen. Verklärt werden soll gar nichts, die Stupidität, der Zynismus und die Gefräßigkeit des Jetzt ist jedoch weder normal noch attraktiv. Zu allem, was die Geschichte der Menschheit beflügelt, gehört eine Avantgarde. Die bei allem Triumphalismus über den Status Quo zu finden, ist nicht möglich. Die These: sie ist dabei, sich zu formieren, allerdings jenseits der gepflegten Öffentlichkeit, da sie an einem gesellschaftlichen Gegenentwurf arbeitet.

Dabei wären wir bei dem Zustand, den Totalitarismen hinterlassen. Es handelt sich um eine soziale wie kulturelle Wüste. Wie beeindruckt waren die zeitgenössischen Leser, als ein Milan Kundera das Prag hinter dem Eisernen Vorhang beschrieb. Die Zeit ohne Humor und Kultur, die Kälte, und das Schwinden intellektueller Helden. In seinem 1984 veröffentlichten und kaum noch wahrgenommenen Aufsatz – Un occident kidnappé ou la tragédie de l’europe centrale – hatte Kundera diese Wüste beschrieben. Diesmal die im Reich der UdSSR.

Letztere existiert seit 1991 nicht mehr. Der Westen, die selbst gefühlte Freiheit, übernahm und mit ihr der neue Totalitarismus des Marktes. Was dieser bewirkt hat, ist momentan überall zu beobachten: Die Zerstörung der Gemeinwesen, desolate Mentalitäten, das Reüssieren von irren Typen in der Politik und der gefühlte Tod der Kultur. Es ist, als säßen wir in einer Zeitmaschine und liefen mit Milan Kundera und seinem Freund durch die leeren Straßen des nächtlichen Prags in den Zeiten des Kalten Krieges.

Der „Westen“ hat es fertiggebracht, ein Déjà-vu über einen Zustand herzustellen, der längst überwunden zu sein schien und für den kein böser Gegenspieler verantwortlich zeichnet. Die Zeit, als man glaubte, sich zusammenreißen zu müssen, weil sonst die Attraktivität des ideologischen Gegenübers zunehmen könnte, ist seit Jahrzehnten vorbei und es ist zu verzeichnen: Der Teufel wohnt auch im Westen und fühlt sich hier recht heimisch.

Walter Benjamin hatte in seinem berühmten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ unter anderem auf die Fähigkeit des Verwertungssystems hingewiesen, genuin rebellisches Gedankengut zu einer Ware zu machen und ihm durch die Vermarktung die soziale Brisanz zu nehmen. Hoppla, sind wir da nicht bei dem, was wir massenhaft erleben? Das vermarktete Abfeiern einer politisch wie künstlerisch agierenden  Avantgarde, die entstanden war gegen die imperialistischen Kriege in Vietnam und in verschiedenen Ländern Afrikas, und die den Kapitalismus auf die Anklagebank setzte und ihm den Spiegel vorhielt? Die Traditionen verfremdete und Neues schuf? Nostalgisch verklärt und geriatrisch verbrämt liegt das alles als Ramsch auf dem Warentisch zum Schlussverkauf des Wirtschaftsliberalismus.

Mit Avantgarde hat das wiederum nichts mehr zu tun. Die Avantgarde entsteht momentan in anderen Teilen der Wahrnehmung. Es sind die verbotenen Zonen, gegen die so gerne gewettert wird als die Foren des Mobs. Schön, dass sich die Vertreter der kulturellen Friedhofsruhe so outen. Aber außer der Nostalgie gegenüber einer Avantgarde, die sie, wäre sie noch voller Leben und präsent, tief verachtet hätte, haben sie nichts zu bieten. Was bleibt, ist abgedroschene Fahrstuhlmusik.

Die Anfangs zitierte Tragödie Zentraleuropas wirkt mittlerweile im ganzen Wirkungsgebiet des selbst ernannten freien Westens. Ohne Camouflage hat dieser seine Attraktivität längst eingebüßt. Durch die Vermarktung einer historischen Avantgarde wird er nicht gerettet. Und in den Katakomben der kontrollierten Öffentlichkeit formiert sich bereits ein neuer, konstruktiver und demokratisch verstandener Gegenentwurf.