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Die Arbeiterklasse, das Export-Bier und neue Allianzen

Es existiert eine alte Korrelation, die bei der Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht genug beachtet wurde. Es ist die Wechselwirkung der Verkaufszahlen von Export-Bier und der Zustimmung zur Politik der SPD. Das hört sich absurd an, spiegelt aber ein Verhältnis wider, das tatsächlich existiert. Export-Bier, die preiswerteste und die Urform des Bieres, ist das Getränk der klassischen Arbeiterklasse. Mit dem dramatischen Absinken der Verkaufszahlen des Export-Bieres hätte klar werden müssen, dass sich die Gesellschaft dramatisch verändert. Der Trend ist die Verbildlichung des Verschwindens der klassischen Arbeiterklasse. Und ohne klassische Arbeiterklasse keine erfolgreiche SPD. Das wiederum klingt plausibel und es ist auch anhand anderer Entwicklungen durchaus nachvollziehbar zu veranschaulichen.

Alle Versuche der Partei, ihr so genanntes klassisches Klientel zu bedienen, müssen verpuffen, wenn dieses Klientel in dieser Form nicht mehr existiert. Und selbst diese Versuche hatten oft den Charakter von betriebsrätlicher Arbeit. Nicht, dass dagegen etwas einzuwenden wäre, denn gewerkschaftliches Handeln hat immer dafür gesorgt, dass sich die Arbeiterklasse mit dem hat beschäftigen können, worum es eigentlich ging. Nämlich um die Vision von einer Gesellschaft, die anders aussieht, als die bestehende. So ist es folgerichtig den Schluss zu ziehen, dass es keinen Sinn ergibt, eine Politik für die Arbeiterklasse zu machen, wenn die in der Form nur noch rudimentär existiert. Und es erscheint noch weniger sinnvoll, nach politischen Mehrheiten zu streben, wenn man die Mittel für das einstige Klientel zum Programm, zur gesellschaftlichen Vision erklärt.

Nun kann die SPD die Hände in den Schoß legen und um den Verlust der eigenen Klientel trauern. Und die Teile der Gesellschaft, die immer von diesem starken Motor profitiert haben, können das ebenfalls tun. Helfen wird es nichts. Was die Gesellschaft braucht, ist eine neue Vision, um die Dinge, die Sache der Öffentlichkeit, in eine neue Richtung zu treiben. Und was bietet sich, vor allem aufgrund der erfolgreichen Geschichte und Bilanz, mehr an, als die Quelle für neue Inspiration und die daraus resultierende Programmatik dort zu suchen, wo alles anfing? Es muss der Ort sein, wo die Wertschöpfung stattfindet, es muss die Arbeit sein.

Die Arbeit in Zeiten des digitalisierten globalen Weltmarktes hat neue Akteure hervorgebracht, die sehr unterschiedlichen Charakter haben und die sich durch sehr unterschiedliche Tätigkeiten auszeichnen, die aber an der gleichen Prozessen beteiligt sind und eines gemein haben: Sie sind nicht die Nutznießer dessen, was sie herstellen. Insofern existieren durchaus Analogien zwischen den völlig entrechteten, mit den klassischen Mitteln der Ausbeutung konfrontierten Arbeitern an den Rändern der merkantilen Zentren, die ohne jeden Schutz die Rohstoffe bergen und die basalen Industriearbeiten entrichten und denjenigen, die in den hochentwickelten Zentren die Produkte designen, die auf Veräußerung und Revenue warten. Hier existiert noch die Arbeitsteilung zwischen denen, die die Grundlagenarbeit machen und denen, denen die kreative Kür vorbehalten ist. Auch sie werden nicht entsprechend ihrer Wertschöpfung entlohnt und überleben in starkem Maße durch Selbstausbeutung.

Von einer neuen Arbeiterklasse zu sprechen, wäre nicht zutreffend, denn die einen befinden sich auf einem relativ erträglichen Wohlstandsniveau, während die anderen durchaus ihr Dasein so fristen müssen, wie Friedrich Engels sie in der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ beschrieben hat. Aber es existieren neue, mögliche Allianzen. Ihr Band ist die Wertschöpfung. Und das sollte Anlass genug sein, hinsichtlich neuer politischer Ausrichtungen genauer hinzuschauen.

Gesetzt den Fall

Man kann sich wundern, man kann sich aufregen, aber alles nützt nichts. Es ist deutlich geworden, dass wenig bis keine Anstrengungen unternommen werden, um zu erklären, warum die Wahl von Donald Trump hier in der Republik ein Entsetzen ausgelöst hat, wie es bei keiner Wahl eines US-amerikanischen Präsidenten vorher der Fall war. Die emotionalen Aufreger, oder genauer gesagt, die Äußerungen, die dazu geführt haben, sind zum Teil aus dem Kontext gerissen oder sie sind schlicht nicht zu vermitteln. Was auffällt, ist die Abstinenz gegenüber einer Recherche, was dieser neue Präsident eigentlich will. Selbst der nahezu gesamte mediale Apparat betont immer wieder, man wisse nicht, was eigentlich die Agenda sei. Das ist Unsinn. Einerseits hätte es genügend Möglichkeiten gegeben, dieses herauszufinden. Der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudy Guilani zum Beispiel, der ein sehr enger Vertrauter Trumps ist, gilt als ein auch der Presse gegenüber sehr mitteilsamer Mensch. Ihn zu fragen, wäre naheliegend gewesen. Aber wozu die ganze Mühe, wenn das Urteil bereits feststeht? Und es scheint festzustehen, dass die herrschenden Kreise auch hier, in der Bundesrepublik, den Kurs, den es bereits gibt, überhaupt nicht goutieren. Da ist es bequemer, gleich auf Skandale zu reduzieren und nach Pawlowscher Manier zu diskreditieren.

In seiner durch hiesige Berichterstattung auf neunzig Sekunden reduzierten Pressekonferenz hat Trump eigentlich einiges darüber gesagt und zum Teil wiederholt, wie er sich die Zukunft vorstellt. Interessant ist dabei vor allen Dingen das, was Europa und Deutschland betrifft. Trump selbst nannte z.B. die Zahl von 96 Millionen Amerikanern, die eine Arbeit suchten. Das ist eine andere Hausnummer als die offiziellen Statistiken verlauten lassen. Trumps Plan ist es, die USA als Produktionsstandort wieder zu etablieren. Wertschöpfung per se hat sich als das einzige Mittel erwiesen, das in der Lage ist, eine Gesellschaft gegen irrlichtende Finanzspekulationen einigermaßen zu immunisieren. Da ist ein Vergleich durchaus förderlich: Genau die Länder, in denen die eigenen Wertschöpfungsanteile sehr hoch sind, wie zum Beispiel die Bundesrepublik, haben die 2008 ausgelöste Krise noch am besten überstanden.

Die Mittel, mit denen Trump das erreichen will, sind alles andere als zimperlich und widersprechen der Ideologie des freien Welthandels. Da wird von Zöllen geredet, vor allem auch gegen jene, die im Ausland produzieren lassen, aber den Binnenmarkt bedienen wollen. Das trifft natürlich auch Länder wie die Bundesrepublik, die sich hauptsächlich über den Export definieren. Wenn dann noch die Ankündigung, wie geschehen, hinzu kommt, die militärische Präsenz seitens der USA in der Welt drastisch zu reduzieren, dann bedeutet das ein signifikantes Ansteigen der Kosten für die bisherigen Nutznießer. Es heißt, die militärischen und geostrategischen Vorteile, von denen der bundesrepublikanische Export in der Vergangenheit profitiert haben, wären mit einem Male dahin. Und selbiges heißt eine enorme Steigerung der Kosten, trotzdem der Verlust von Standortvorteilen und ein Absinken der Exportquoten, was wiederum zu größeren Verteilungskämpfen innerhalb des Landes führen wird. Das sind Perspektiven, die viele im politischen Lager mächtig schrecken.

Es handelt sich dabei nur um einen Aspekt, aber der wiegt bereits schwer. Und allein diese Position ist für Trump bereits lebensgefährlich, weil sie auch den Interessen des militärisch-industriellen Komplexes innerhalb der USA widerspricht. Gesetzt den Fall, Trump überlebt die nächsten Monate und vielleicht sogar Jahre und gesetzt den Fall, er hält allein an dieser Position fest, wird sich sehr vieles ändern, vor allem für die, die im Windschatten der USA gesegelt sind. Eine andere Frage ist die, ob die Re-Nationalisierung der Wirtschaft trotz eines international arbeitenden wissenschaftlich-technischen Fortschritts überhaupt möglich ist. Aber das sind die Fragen, die interessieren sollten. Sie sind wichtiger als ein Eliten-Knigge.

Von den Schlachthöfen Chicagos zum iPad auf dem Balkon

Der erste Mai als institutionalisierter Kampftag der Arbeiterklasse war bereits Ausdruck der Stärke derer, die sich für das Recht auf Arbeit und auf die Rechte derer, die arbeiten, gleichsam einsetzten. Vor allem die europäische Arbeiterklasse in den Industriehochburgen war eine Macht, an der sich nicht mehr vorbei agieren ließ. Zumindest nicht wirtschaftlich. In den entscheidenden historischen Momenten blieb die große politische Qualität aus, die Parteien, die eng mit den Arbeitergewerkschaften liiert waren, ließen sich im Kampf der Imperialismen gegeneinander ausspielen. Aber die wirtschaftliche Macht blieb bis zu den ersten massiven Krisen des Industrialismus erhalten.

Vor allem die letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts haben die Welt der Arbeit massiv verändert. Das, was unter den Begriffen von Digitalisierung und Globalisierung verstanden wird, hat die Grundform von Lohnarbeit und Kapital nicht abgeschafft. Immer noch existieren die Besitzer von Produktionsmitteln und immer noch gibt es die Armee derer, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft und dieses auch tun. Was sich in exponierter Form in der Welt der Arbeit verändert hat, ist ihr Wandel vom fassbaren kollektiver Charakter zum gefühlten Individualismus und in vielen Fällen hat sich die erfahrbare Gegenständlichkeit der Arbeit verabschiedet. Es müssen nicht mehr alle, die an ein und demselben Produktionsprozess beteiligt sind, dieses in ein und demselben Gebäude verrichten. Und es wird immer schwieriger, die Komplexität des Gesamtzusammenhangs auch der Perspektive der Interessen derer, die daran beteiligt sind, zu identifizieren.

Vor allem seit der Jahrtausendwende liegen gesicherte und massenhafte Erkenntnisse darüber vor, was die digitalisierte und globalisierte Arbeit ohne eine neue Form der Interessenvertretung derer, die sie vollziehen, bewirkt. Die Möglichkeit, den tatsächlichen Anteil des Individuums am Prozess der Wertschöpfung zu ermitteln, wird immer geringer und der Prozess der Entfremdung, d.h. der Sinn- und Identitätsverlust im Prozess der Arbeit wird signifikant größer, was sich an der Explosion psychosomatischer Erkrankungen zeigt. Zudem hat die Verteilung des Reichtums eine Dimension angenommen, die vor wenigen Jahrzehnten noch dem Genre des Science Fiction zugeschrieben worden wäre. Das stehen sich die diplomierten jungen Armen in der Kreativwirtschaft und die börsennotierten ehemaligen Startups von Facebook, Paypal und Google brutal gegenüber.

Die Notwendigkeit der Organisation von Arbeit aus der Perspektive ihrer klassischen Interessen ist größer denn je. Das, was als die große Stunde des Individualismus und der Unabhängigkeit verkauft wird, entpuppt sich ökonomisch noch jedesmal als ein ungleicher Kampf um die Durchsetzung der Interessen. Die Schimäre der individuellen Freiheit im Kontext der digitalisierten Wertschöpfung ist das erste, was in einem solchen Prozess der Neuorientierung zerstört werden muss. Jede Form der Wertschöpfung hat bis dato immer noch die Möglichkeit in sich getragen, den Anteil der Arbeit am Prozess der Wertschöpfung zu quantifizieren. Zwar existieren Zeiterfassungssysteme, aber es existieren keine synchronisierten Systeme hinsichtlich der Entstehungsgeschichte und der Wertanteile von extrem arbeitsteiligen Produkten.

Die entscheidende Frage ist nicht die mangelnde technische Möglichkeit, den modernen Formen der Arbeit zu ihrem Recht zu verhelfen. Die entscheidende Frage ist das Bewusstsein derer, die sich ihrerseits als Anbieter von Arbeit in dem Wertschöpfungsprozess befinden. Fühlen sie sich wie freie Unternehmerinnen oder Unternehmer, auch wenn sie 60 Stunden in der Woche arbeiten zu einem Entgelt, das jeder tatsächlichen Relation spottet oder begreifen sie sich als Mitglieder eines Kollektivs, dass der nahezu absoluten Dominanz entgegensteht? Wann beginnen diese Menschen Apps zu programmieren, die die Interessen der Arbeit vergegenständlichen? Es sei die These erlaubt: Alle Malaisen dieser unbefriedigenden Welt resultieren aus dem Rückgang der Interessenvertretung der tatsächlich Produktiven.