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Tragödien aus kosmischer Sicht

Irving D. Yalom. Und Nietzsche weinte

Wohl dem, der in der Lage ist, komplexe theoretische Zusammenhänge in Erzählungen verständlich zu machen. Eine Fähigkeit, die zumeist deutschen Wissenschaftlern abgeht, ganz im Gegenteil, es gab Zeiten, in denen diese sogar im Ansehen stiegen, je esoterischer ihre Ausdrucksweise war. Anders in den USA, sie galten schon immer als die Vereinfacher, nicht selten dieses allerdings aus deutscher Sicht wiederum mit einem Stigma behaftet. Dass es auch anders geht, und zwar mit einer narrativen Qualität, die ihresgleichen sucht, hat Irvin D. Yalom vor allem mit seinem Roman Und Nietzsche weinte bewiesen. Der 1931 in Washington D.C. als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer geborene Yalom gilt heute als eine der Größen der USA als Weiterentwickler der Psychoanalyse zu einer adaptierbaren Form der Psychotherapie. Das hat er in zahlreichen Werken, die rein fachlich angelegt sind, unterlegt. Das Schöne an seinem Lebenswerk ist, dass er auch Romane schrieb, die nicht nur brillant erzählt sind, sondern auch die Leserschaft den Theorien näher bringt, die dort thematisiert werden.

Und Nietzsche weinte ist ein kurioses Buch, das tatsächliche Figuren der Zeitgeschichte, die sich teilweise nie trafen, in einen gemeinsamen Handlungsrahmen setzt und sie interagieren lässt. Vom Konstrukt her ist das alles sehr gut nachvollziehbar und so entwickelt sich eine Geschichte, die sich vor allem um den deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche und den jüdischen Wiener Arzt und Pionier dialogischer therapeutischer Ansätze Josef Breuer dreht. Durch verzwickte und kuriose Umstände herbeigeführt, lassen sich die beiden auf einen teuflischen Pakt ein, der darin besteht, dass sich beide gegenseitig therapieren wollen.

Wenn es eine Referenz an die jüdische Fähigkeit gibt, Geschichte, leidvolle, tragische Geschichte zu reflektieren, ohne dass es an die große Glocke gehängt würde, dann ist es dieses Buch. Das, was Yalom hier veranstaltet, ist in gutem Sinne revolutionär. Nicht nur, dass es ihm gelingt, den vor allem durch unglaubliche Nachlassschmuddeleien und Schändungserlaubnisse Richtung Nazis in Deutschland ramponierten Nietzsche zu reinstallieren als einen grandiosen radikalen Denker, sondern auch der Verweis auf die Nützlichkeit nietzscheanischer Betrachtung im Hinblick auf die Verkraftbarkeit des jüdischen Schicksals. In dialogischen Settings kommt die ganze Radikalität des kränkelnden, zweifelnden, vereinsamten deutschen Philosophen ebenso zum Tragen wie die üppige, bürgerliche, bildungsvolle, nonchalante und doch moralisch strenge Lebensweise der Wiener Juden des Fin de Siecle. Breuer lehrt Nietzsche, dass es der Freundschaft bedarf, um das eigene Leben zu heilen, und Nietzsche lehrt Breuer, dass es vor allem der konsequente Weg zu sich selbst ist, der der schwerste auf dem Weg zur Besserung sein wird.

Nietzsche heilt Breuer, der unter großen Selbstzweifeln leidet, obwohl er alles erreicht hat mit der Erzählung, dass sich das Leben immer wieder wiederhole und jede Entscheidung, die die falsche war und aus mangelndem Mut getroffen wurde, daher immer wiederkehrt. Daraus entwächst die Radikalität, die Nietzsche zumindest in seinen Werken gegen sich lebte. Nicht umsonst arbeitete er in dem Jahr der Handlung, 1882, an seinem Buch Also sprach Zarathustra, einem Werk, dass übrigens die damalige deutsche Jugend in eine anti-autoritäre Aufbruchstimmung versetzte. Breuer selbst wiederum vermag in der grandiosen Erzählung Nietzsche nicht zu heilen, aber zu rühren, zumindest ein Ansatz kathartischer Läuterung. Am Schluss steht der Satz Nietzsches, dass selbst die großen Tragödien der Menschheit aus kosmischer Ferne winzig erscheinen. Er geht einem durch Mark und Bein!

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Weltschmerz, Nikotin und Psychoanalyse

Robert Seethaler. Der Trafikant

Vier Romane, drei Drehbücher, eine Anthologie und verschiedene Rollen als Schauspieler, Wohnsitze in Wien und Berlin. Der 1966 in Wien geborene Robert Seethaler bringt vieles mit, was unter dem neuzeitlichen Terminus eines Multitalents figurieren könnte. Letzterer steht allerdings nicht nur für die Fähigkeit, sich in verschiedenen Genres beweisen zu können, sondern auch für eine verlorene Gründlichkeit und Tiefe, die die Flexibilität einfordert. Das trifft allerdings nicht auf Robert Seethaler zu, den das deutsche Publikum auch als Gerichtspathologen in der Krimiserie Ein starkes Team bereits als Edelkomparse zur Kenntnis genommen hat. Sein neuer Roman Der Trafikant, seinerseits im Schweizer Edelverlag Kein & Aber veröffentlicht, hat ihm wahrscheinlich zum endgültigen Durchbruch als ernst zu nehmendem Schriftsteller verholfen.

Es kommt alles sehr leicht daher, in dem Roman, dessen Handlung im Jahre 1937 spielt und dessen Protagonist ein Junge vom Land ist, der aus Armut der Mutter vom Salzkammergut in die Trafik, d.h. das Tabak- und Zeitschriftengeschäft eines Bekannten nach Wien geschickt wird, um dort zu leben und zu lernen. Damit ist auch bereits das Motto des Romans genannt. Es geht um den Prozess der Großstadtsozialisation eines liebenswürdigen Landeis, das neben den Justierungsprozessen ins Erwachsenenleben Zeuge und Mitleidender wird bei der Faschisierung der österreichischen Gesellschaft, bei ihrem Abgleiten aus einer tradierten, vielleicht auch durch Nonchalance getriebenen Toleranz in eine Form der Verkommenheit und Barbarisierung, die aus dem heutigen öffentlichen Bewusstsein der rot-weiß-roten Rasse längst eliminiert wurde.

Seethalers narrative Konzeption ist bemerkenswert: Ein Strang führt vom Land in den Wiener Moloch mit seiner Zeitverwirrung, einer skizziert die Existenz des eigentlichen Trafikanten als den längst kleinbürgerlich etablierten Immigranten vom Balkan und einer den zum Bildungsbürgertum gehörenden Professor Sigmund Freud, der Kunde im Tabakladen ist und zwischen dem und dem Lehrling sich eine Beziehung entwickelt, die als Metapher gelten kann für die Tragik einer untergehenden Epoche.

Die Beziehung der beiden steht für die Dialogfähigkeit von Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Die soziale Permissivität des mit positiver Konnotation genannten Ancién Regime des Wiens der zwanziger Jahre tanzte in den Tagen der Schuschnigg-Regierung bereits den Makabré. Die Dialoge zwischen dem Lehrling Franz Huchel und Professor Sigmund Freud sind große Literatur. Da fragt der einfache Landmensch den Intellektuellen nach einer Welterklärung, die dieser nicht geben kann und will. Da wird versucht, das große Geheimnis der menschlichen Beziehungen zu lüften, indem der Gelehrte mit kubanischen Zigarren, entwendet aus dem Laden, bestochen werden soll. Letzterem gelingt es aber, mit der Magie des eigenen Zuhörens den Erkenntnisprozess des ersteren einzuleiten und zu fördern und somit die Theorie seiner therapeutischen Schule nicht zu erklären, sondern fühlbar zu machen.

Der Roman ist eine Referenz an die Qualität menschlicher Bindungen, eine Hommage an die Loyalität aus einem humanistischen Urgefühl. Dokumentiert wird dieses nicht nur durch die Dialoge zwischen Franz und Freud, sondern auch seine wunderbare Korrespondenz mit der Mutter auf dem Land sowie die wortlose Übereinkunft mit dem Trafikanten, der mit dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland genauso untergeht wie Franz, der sein Erbe rasend schnell einzulösen bereit ist, will er keinen Sinn mehr sieht in einem Leben ohne Moral. Freud, der Greis, quält sich noch ins englische Exil. Was bleibt, ist ein Wien, das nur noch in der Erinnerung existiert. Das Unwiederbringliche findet in diesem Roman eine prächtige Gestalt.

Imperiale Absurditäten und dekadente Lebensstränge

William Boyd. Waiting For Sunrise

Seit Jahren gilt William Boyd als einer der packenden Erzähler aus der englischsprachigen Welt. Vor allem mit Romanen wie Restless, Any Human Heart und Ordinary Thunderstorms stürmte er die Charts. Boyds Stil und seine Sujets heben sich wohltuend ab von dem ganzen Trash des Mainstreams, bei dem man sich oft die Frage stellt, inwieweit die Nennung des Autorennamens überhaupt noch eine Rolle spielt. Dennoch gehört Boyd nicht zu den Geheimtipps einer esoterischen Lesegemeinschaft, deren Qualitätsmerkmal leider zu oft in dem Paradoxon besteht, dass etwas schwer lesbar sein muss, um Qualität zu garantieren. Mit seinem neuesten Roman „Waiting For Sunrise“ ist William Boyd aufgrund des ausgewählten Sujets über die Lesbarkeit hinaus noch ein weiterer Qualitätszuwachs gelungen.

Die Handlung des Romans beginnt 1913 am Vorabend des I. Weltkrieges in Wien. Lysander Rief, ein junger englischer Schauspieler mit einer österreichischen Mutter, hält sich in Wien auf, um mittels einer psychoanalytischen Therapie ein Leiden kurieren zu lassen, das auf eine frühkindliche Traumatisierung zurückzuführen ist. Mit dieser Konstellation beginnt eine Erzählung, die es an kulturellen und politischen Botschaften in sich hat. Lysander Rief entdeckt eine neue Welt, die die Trächtigkeit des alten Europas spürbar werden lässt. Die bereits Gefangene Leserschaft erhält Hinweise über den aufkeimenden Methodenstreit innerhalb des psychoanalytischen Lagers, über die Rolle der Kunst und des Kunstbetriebes mit seinem Freiheitsdrang und seiner Libertinage am Vorabend der europäischen Selbstzerstörung, über die inneren Werte des alten Militärs, über die Bigotterie und lustbetonte Schattenwelt sowie über den klandestin wuchernden Dschungel der europäischen Geheimdiplomatie.

Lysander Rief schlittert in sein eigenes Abenteuer ohne sonderliches eigenes Zutun hinein, er avanciert vom staunenden Zuschauer, das genutzte Werkzeug bis hin zum handelnden Subjekt. Das Psychogramm des Protagonisten ist glaubhaft, weil Rief für seine jeweilige Naivität hohe Preise bezahlt, er aber andererseits in der Lage ist, aus seinen Kalamitäten zu lernen. Insofern handelt es sich bei Boyds Hauptperson in diesem Roman um ein lernendes Objekt inmitten einer einstürzenden Welt. Die anderen Figuren wirken in diesem Panoptikum wie die Charaktermasken der verschiedenen, sich errichtenden Strömungen eines apokalyptischen Sogs. Hettie Bull, die lustvolle, ruchlose Maitresse des Kunstbetriebs, Munro und Fyfe-Miller, mediokre Geheimdienstbeamte, die allerdings das Handwerk der Misstrauensbildung perfekt beherrschen, der homophile Onkel Hamo, der das alte koloniale Großbritannien mit seinen Werten und Loyalitäten ebenso überzeugend repräsentiert wie seine Mutter, Lady Faulkner in zweiter Ehe, die tragisch für die Beobachtung steht, wie das imperiale Säbelrasseln die feminine Ordnung des alten Europas zerstörte.

Waiting for Sunrise ist trotz allem nicht der Thriller, als der er vermarktet wird. Er ist mehr, weil es Boyd zwar gelungen ist, eine Grundspannung zu erzeugen, die sich durch die gesamte Handlung zieht, aber dennoch eine zurückgelehnte, epische Betrachtungsweise weiter zulässt und sogar einfordert. Die kriminalistische Konstruktion ist nicht so stark, als dass der Leser mit ihr auskäme. Wer sich nicht für die ungeheuer komplexen Themen wie die Psychoanalyse, den Kunstbetrieb und die Geheimdiplomatie interessiert, sollte das Buch nicht in die Hände nehmen. Der Plot ist nicht die Enttarnung eines innerhalb der britischen Kriegsmaschinerie agierenden Verräters, sondern die Entzauberung des alten Europas hinsichtlich seiner imperialen Absurditäten und dekadenten Lebensstränge. Und es keimt die Ahnung auf, dass der ersehnte Aufgang der Sonne gewalttätiger werden sollte als ihr Untergang.