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Zufall oder System?

Ken Follett. Winter der Welt

Manchmal gewinnen Bücher ungewollt an Aktualität. Wenn es sich dabei um Prosa handelt, die sich im Historischen abspielt, dann herrscht Klärungsbedarf. Aktuell, ja brandaktuell ist der zweite Band von Ken Folletts Trilogie „Jahrhundertsaga“ auf jeden Fall. Unter dem Titel Winter der Welt wird die multi-national verwobene Geschichte von Sturz der Titanen, in der der Sturz der deutschen, österreichischen und russischen Monarchien als Resultat des I. Weltkrieges beschrieben wird, weiter gesponnen. Es sind die bereits bekannten Familien und deren Bänder, die in Moskau, Berlin, London und Washington agieren und sich mit dem gewaltigen Rad der Geschichte auseinandersetzen müssen. Die Leserschaft erlebt die Appeasement-Politik vor allem Großbritanniens gegenüber dem deutschen Faschismus, die unter dem Namen Bolschewisierung bekannt gewordene Despotisierung der KPdSU unter Stalin, die auf die demokratischen Wahlen im eigenen Land achtenden Amerikaner, den erbitterten Kampf zwischen Franco-Anhängern und Republikanern in Spanien und den entschlossenen Widerstand in England als eine gesamteuropäische Auseinandersetzung zwischen bürgerlicher Demokratie und Faschismus.

Dass Follett seine Romane industriell produzieren lässt, wurde bereits formuliert, d.h. dass er eine detaillierte Struktur erarbeiten lässt, bevor ein insgesamt 20köpfiges Team zu recherchieren und zu schreiben beginnt, ist bekannt. Dass wir es mit einem guten, lesbaren Stil zu tun haben, ebenfalls und dass es sich dabei allerdings um kein ästhetisches Unikat handelt, auch. Dennoch spricht auch in diesem Fall vieles für die Lektüre. Es ist die historische Faktizität, die für dieses Buch spricht. Aufkommen und Wirken des Faschismus sind ein Phänomen, das bis in die Gegenwart wirkt und das aufgrund der aktuellen politischen Entwicklung enorm an Bedeutung gewonnen hat. Da ist es gut, wenn ein breites Publikum direkten Zugang zu einem derart bedeutenden historischen Stoff bekommt.

Mit Winter der Welt ist dem Team Follett wieder ein so genannter Page Turner gelungen, bei dem die persönlichen Schicksale die Frage stellen, die historisch längst beantwortet ist. Denn trotz der historischen Faktizität, dass Deutschland den Krieg verloren hat und der Faschismus unterging, blieb den Einzelschicksalen in allen beteiligten Gesellschaften dennoch die Perspektive des persönlichen existenziellen Scheiterns. Eben weil das große Morden nach und nach um sich griff und kaum ein Winkel dieser Welt davon ausgeschlossen war, wie auch die im Roman positionierte Geschichte um den japanischen Angriff auf Pearl Habour zum Ausdruck bringt. Der Tod und das Scheitern waren ein allseits präsentes Massenphänomen, das vor allem durch das scheinbare Paradoxon belegt wurde, dass ausgerechnet Russland, der eigentliche Bezwinger des deutschen Faschismus, mit mehr als 20 Millionen Toten die meisten Opfer zu beklagen hatte.

Doch die eigentliche Aktualität dieses Romans speist sich aus der immer nur psychologisch deutbaren Frage, ob eine einzelne politische Äußerung, eine einzelne Vereinbarung oder ein einzelnes Gesetz bereits als ein logischer Baustein einer verhängnisvollen Diktatur interpretiert werden muss oder ob es sich um einen unglücklichen Zufall handelt. In Winter der Welt gab es zu viele dieser Zufälle, sie entpuppten sich zuletzt dann doch als ein bewusstes System. Und diese Frage stellt sich jeden Tag neu!