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FUTUR II – Einladung zum praktisch Kleinen

Bei dem Versuch, über die Zukunft zu sprechen, taucht immer die Erschwernis auf, sich auf das konzentrieren zu wollen, was die Gegenwart ausmacht. Das ist zunächst logisch und vernünftig, andererseits bindet es zu sehr die Imaginationskräfte, derer es bedarf, um frei zu denken. Das Problem lässt sich theoretisch ebensowenig lösen wie durch Appelle. Nach dem Motto: Machen Sie einfach einmal den Kopf frei und vergessen Sie alles, was bisher geschah. Versuchen Sie es, es wird nicht gelingen. Und obwohl die Voraussetzungen sich so gestalten, wie sie sind, und obwohl sie als äußerst schwierig zu beurteilen sind, kann der Rat nur dahin gehen, einfach einmal mit den Zukunftsentwürfen zu beginnen und sich weder zu sehr durch die Gegenwart demotivieren zu lassen noch durch den vor allem in unserem Kulturkreis vorherrschenden Anspruch des Universalen, an Komplexität nicht zu überbietenden, an jedem Beispiel verifizierbar sein Müssenden. 

Ganz im Gegenteil. Gefordert sind kleine, pragmatische, praktikable Ansätze einer Vision. Vielleicht ist es dabei hilfreich, sich etwas beim angelsächsischen Pragmatismus zu orientieren. Nach der Devise, einfach einmal zu beginnen und alles, d.h. die vielen kleinen Entwürfe, zu sammeln. Es wird sich zeigen, dass, sind erst einmal etliche Versuche gesammelt, eine Struktur zu identifizieren sein wird. Dann kann geordnet werden. Das vorher tun zu wollen, wie es die komplexe Systemik fordert, führt, wie erwähnt, in endlose meta-theoretische Debatten, die sich um Voraussetzungen, Prinzipien wie logische Erfordernisse scheren und die Zukunftsperspektive gänzlich aus den Augen verlieren. Sie merken, wie vertraut derartige Szenarien sind!

Sammeln sich genügend Vorschläge, dann wird, so die Vorstellung, um eine Prognose zu wagen, eine Struktur entstehen, aus der folgende Begriffe herausstechen werden:

Wirtschaft, Bildung, Technologie, Ökologie, Militär, Finanzen, Steuern, Kultur, EU, NATO, Staat.

Es ist nicht auszuschließen, dass sich noch andere Themen einfügen werden. Das liegt an den zu sammelnden Vorschlägen. Hat sich die Struktur gebildet, wird vorgeschlagen, sich mit den einzelnen Themen näher zu beschäftigen. Das kann in Tagungen, Workshops und Konferenzen geschehen. Wichtig wird sein, die Themen präziser zu fassen, sich einer kurzen Situationsbeschreibung zu widmen, sich dann aber mit den möglichen Lösungsansätzen zu befassen und dabei die möglichen Widerstände gegen das Angestrebte zu identifizieren. Denn die Einladung zu dem Projekt Futur II muss als ausdrücklicher Hinweis auf den Zustand gelten, in dem das Heute bereits hinter uns liegt und ein erstrebenswertes Morgen bereits begonnen hat.

Es ist bekannt, dass vieles aus dem, wie es sich heute gestaltet, resultieren wird. Dennoch möchten wir darauf hinweisen, dass es keinen Sinn macht, sich weiter über das Heute und seine Rahmenbedingungen zu beklagen. Das haben wir hinter uns. Wer Zukunft sagt, muss Zukunft meinen. Daher haben wir uns selbst verpflichtet, zeitnah mit den ersten Entwürfen zu beginnen. Dabei ist uns aufgefallen, dass der von uns vorgeschlagene Rückblick aus einer Zukunft, die mehrere Dekaden vor uns liegt, vielleicht zu anspruchsvoll ist. 

Angesichts der aktuellen, rasenden Veränderungen, die aus der Digitalisierung wie der Corona-Krise resultieren, schlagen wir deshalb vor, die Frage neu zu stellen: 

Wie sieht eine erfolgreiche, politisch zu wünschende Weichenstellung aus, wenn wir in drei bis fünf Jahren darüber sprechen? 

Auf gehts! 

http://futur-2.info/

Das wahre Leben und das Feuilleton

Die Anzeichen dafür, dass sich bei der gefühlten Welt um eine andere handelt als diejenige, deren Entwicklung noch gemessen und dokumentiert werden kann, vermehren sich. Das Narrativ, wie es nun heißt, um die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung, spricht von einer Situation, in der es den Menschen noch nie so gut gegangen sei und in der der Frieden noch nie sicherer gewesen sei, zerbricht an der schnöden Realität von immer größeren Teilen der Gesellschaft. Das Soziale dieser These steht nachlesbar selbst in den Berichten, die die Bundesregierung in Auftrag gegeben hat. Der Frieden bleibt eine Hypothese. Einerseits führt auch die Republik seit langer Zeit in verschiedenen Ländern Krieg, andererseits ist das hiesige Territorium – noch? – davon verschont.

Um letzteres zu illustrieren, seien nur die Zusagen an den ukrainischen Oligarchen Poroschenko von Frau Merkel genommen, sich weiterhin für den Frieden in der Ost-Ukraine einzusetzen. Der Konflikt brach, zur Erinnerung, aus, als in dem Land ein gewählter Präsident mit Hilfe us-amerikanischer Mittelsmänner und Gelder gestürzt wurde, weil er das Junktim EU-NATO nicht unterzeichnen wollte. Und bei der Ukraine geht es geo- und militärstrategisch um den Osten, sonst ist sie wertlos. Das wussten auch die Russen und somit hatte man sich bei den Expansionsplänen, denn etwas anderes waren sie nicht, kräftig verspekuliert. Ein weiteres Indiz für das geplante globale Vabanque ist das gestrige Treffen zwischen Trump und den Saudis, bei dem so eben ein Waffendeal von 100 Milliarden US-Dollar vereinbart wurde. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass beide Länder diese Waffen sehr schnell einsetzen werden, zumeist sogar in der Art und Weise, dass erst danach darüber nachgedacht wird, was dieser Einsatz bewirken sollte.

Die NATO, das so gepriesene Eldorado des Weltfriedens, hat bis dato noch jede Eskapade der USA unterstützt. Nun, nach dem großen Geheul nach Trumps Wahl, bei dem hätte gedacht werden können, dass es Überlegungen zu einer Teil-Emanzipation gegenüber den USA gäbe, stehen sie wieder alle, voran die schneidige Bundesverteidigungsministerin, stramm und folgen dem Imperium in seine Szenarien des allmählichen Abstiegs. Da wundert es dann auch nicht mehr, dass der ansonsten durchaus energische Sekretär Stoltenberg den Dissens der beiden Mitglieder Türkei und BRD über das Besuchsrecht in Incirlik als eine Sache dieser beiden Mitglieder bezeichnete, in die sich die NATO nicht einmische. Wohl dem Bündnis, das gemeinsamen Werten folgt.

Ach ja, die Ökonomie. Uns geht es so gut, dass immer mehr Kinder unter die Armutsgrenze fallen. Uns geht es so gut, dass immer mehr Menschen ihr Dasein an einer existenziellen Grenze fristen müssen, die sie wegdrängt von der Zeit, die ein Mensch braucht, um sich mit dem immer komplexer werdenden Sujet der Politik zu befassen. Uns geht es so gut, weil die Löhne und Gehälter hier es garantieren, dass der viel gelobte Exportweltmeister so viel exportiert, wie er es tut. Doch die Struktur vieler Firmen erlaubt es, die Revenuen, die daraus entstehen, nicht besteuern zu müssen. Und dann sitzt da ein Finanzminister, der lieber spart als investiert.

Der Frieden und die Wirtschaft wären die Themen, mit denen auch in Deutschland die Massen mobilisiert werden könnten. Dazu bräuchte es Herausforderer, die das tatsächlich wollen und die sich zusammenschließen, um es bewirken zu können. Wenn das nicht nicht geschieht, bleibt alles so, wie es ist. Es wird Zeit, dass auch die jüngeren Generationen erfahren, was solche Kämpfe lehren. Kein noch so gutes Feuilleton kann das ersetzen. Keines.

Loyalität & Leistung

Zwei Prinzipien stehen sich in der humanen Gesellschaft immer gegenüber, auch wenn es gar nicht so wahrgenommen wird. Aber gerade weil diese Konfrontation oft im Verborgenen stattfindet, führt sie zu sehr großen Irritationen. Es handelt sich um die Welt der Leistung und die der Loyalität. Zwei Qualtäten, die selten miteinander harmonieren, die aber für sich stets eine Belohnung aus ihrer jeweiligen Welt erwarten. Wer Leistung bringt, erwartet Gegenleistung und wer sich als loyal erweist, erwartet für diese Loyalität einen Lohn. So zumindest sehen es die meisten Individuen, es soll allerdings auch Exemplare geben, die über genügend intrinsische Motivation verfügen, um von sich aus, ohne Spekulation über Erträge, aktiv zu werden.

Das Prinzip der Leistung wird in erster Linie durch wirtschaftliche Sichtweisen und ökonomische Systeme getrieben. In dieser Hemisphäre existiert ein Wertgesetz und in der Regel kommt das auch zum Tragen. Wer eine Leistung erbringt, kann eine Gegenleistung erwarten. Nur wenige entziehen sich diesem Dualismus, mehr noch, wer sich dem Wertgesetz entzieht, der spielt mit dem Feuer seiner Zurechnungsfähigkeit.

Die Loyalität hingegen folgt einem sozialen Prinzip, d.h. es werden keine Berechnungen über Aufwände, Wege, Materialien oder Kosten angestellt, sondern das Aus- oder Durchhalten in einem sozial schwierigen Moment gilt als Gradmesser für die Entlohnung durch den Mächtigeren. Denn das ist eine Besonderheit der Loyalität: Es gibt sie nach oben und nach unten, aber die nach oben ist weitaus öfter gegeben als die nach unten. Loyalität findet auch formal niemals – es sei denn in einer Liebesbeziehung – auf Augenhöhe statt, was bei der Leistung der Fall ist.

Die große Irritation der Gesellschaft, die im Bann des Wertgesetzes und der Leistung steht, findet sich gegenüber dem System der Loyalität, wie es in der Politik funktioniert. Es ist wohl das Feld des gesellschaftlichen Seins, wo die Täuschung am größten ist, weil sie zweierlei Maßstäbe von ihrem Bezugsrahmen löst. Augenreibend steht die auf Leistung verpflichtete Gesellschaft oft dem Loyalitätsprinzip der Politik gegenüber. Da werden ein Edmund Stoiber oder ein Günter Oettinger aus ihren präsidialen Ämtern als Kommissare in hoch dotierte Ämter in Brüssel verfrachtet, weil sie in ihrem Job augenscheinlich versagten. Das erregt die Gemüter, bei Beibehaltung des Leistungsprinzips versteht sich. Was allerdings logisch erscheint, ist die Entlohnung wegen der Loyalität dieser beiden schillernden Beispiele, weil sie sich weiteren, von den Parteien favorisierten Lösungen nicht in den Weg gestellt hatten. Das politische System gewinnt nahezu ausschließlich an Plausibilität, wenn das Motiv der Loyalität eingeführt wird.

Anders verhielte es sich bei der Dominanz des Leistungssystems, dort hätte die genannten Figuren nie eine Chance auf Entlohnung erhalten, es sei denn in der Form von Hohn und Spott. Und so werden sie dann im Volk auch interpretiert, ohne dass sie im inneren politischen System daran Schaden nähmen.

Es ist müßig, darüber zu räsonieren, wie es wäre, wenn Politik wie Wirtschaft nach dem gleichen Prinzip funktionieren würden. Sie tun es schlichtweg nicht und es war auch noch nie anders. Es scheint eine selbst über verschiedene historische Epochen hinaus bestehende Konstante menschlichen Verhaltens wie menschlicher Irritation zu sein, dass Leistung und Loyalität aus zweierlei Bezugsrahmen stammen und immer wieder aufeinander treffen. Aber das Verständnis dieser strukturellen Unterschiede allein hilft in starkem Maße, vielem eigenartig Wirkendem doch noch eine Logik abgewinnen zu können.