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Game over!

Game over! Großes Tennis war geboten, und eine Fußballweltmeisterschaft fand ihr Ende. Vor allem über letztere wurde viel gesprochen und geschrieben. Und als Indikator für das Weltgeschehen kann einiges gesagt werden. Das Weltgeschehen selbst bleibt jedoch davon unbeeindruckt. Und die Auswirkungen desselben auf ein Land wie Deutschland werden groß sein. Das erklärt sich schon aus der Verwobenheit unseres Landes mit der Weltwirtschaft. Und in Politik wie Wirtschaft wird einiges auf unser kleines, in vielem überbewertetes Land zukommen. Im Gegensatz zu Zeiten, in denen der Fußball groß und erfolgreich war, steht für die Politik jedoch eine härtere Gangart an. Denn das Sandmännchen ist verschwunden, wenn die Kicker keinen Erfolg haben.

Herbert Knebel, eine der signifikanten Stimmen des Ruhrgebiets, brachte es in einem Sketch auf den Punkt. Da klingelt es an einem ganz gewöhnlichen Wochentag an der Tür, so Knebel, der öffnet und sieht sich dem Sensenmann gegenüber. Der stellt sich kurz vor und sagt knapp, Herbert, es ist soweit, ich hole dich jetzt ab auf die letzte Reise. Als Herbert noch einmal in die Wohnung zurückgeht, um sich zu sammeln, lässt er sein Leben kurz Revue passieren und kommt dabei zu einem gar nicht so guten Urteil. Fast ist er schon durch mit seiner Betrachtung, da fällt ihm allerdings noch ein, dass da doch die eine oder andere WM dabei gewesen sei, die Spaß gemacht habe…

Ein Volk, in dem eine Sportart so verwurzelt ist, kann nicht davon lassen, Parallelen aus dem Sport ins richtige Leben und vom richtigen Leben in den Sport zu ziehen. Und schon melden sich die ersten Kanaillen und ziehen Parallelen zwischen dem miserablen Abschneiden der deutschen Kicker und der Befindlichkeit der Bundesregierung. Und wieder andere Fragen sich, ob ein Manager eines großen Unternehmens ein Projekt voll an die Wand fahren kann und es sich dann leisten kann, erst einmal in Urlaub zu fahren und keinen Ton von sich zu geben. Und das Unternehmen unternimmt nichts und verharrt voller Spannung, wie der Mann wohl aus dem Urlaub kommen wird?

Und für die Theoretiker ist sogar so manches Sahnehäubchen zu entdecken. In Russland wurde deutlich, dass die bestehenden Systeme überlebt haben, aber bestimmte Standards immer noch zu überzeugen wissen. Und es war deutlich, dass die exzentrischste individuelle Leistung nicht den Erfolg ermöglicht, den funktionierende Teams und Kollektive zu Tage fördern. Und die Welt hat gesehen, dass die von vielen Enden des Planeten gesendete, teilweise konträre Propaganda es nicht zu verhindern vermocht hat, dass viele, die sich für den Fußball begeistern, am Rande des Turniers zueinander gefunden und sich wunderbar verständigt haben.

Game over. Und jetzt gilt es. Bereits heute treffen Trump und Putin aufeinander, die NATO hat Breitseiten der USA bekommen und ist von ihren Mitgliedern her disparater denn je. In vielen Ländern toben Kriege, überall fliehen Menschen, um ihre Haut zu retten. Ganze Branchen sind vom Tod bedroht, wenn sie nicht die Weichen auf Zukunft stellen und alle werden scheitern, wenn sie glauben, mit ihrer einzigartigen Individualität im Weltgeschehen bestehen zu können. Es geht um Vernunft, es geht um neue Allianzen und es geht darum, antiquierte Feindbilder nicht mehr zu bedienen.

 

WM: Fast nichts als Standard!

Obwohl die WM nicht mehr im Fokus steht, zumindest offiziell, bietet sie nach wie vor Erkenntnisse, die über die Analyse des deutschen Scheiterns hinausgehen. Wichtig, und der Vollständigkeit halber, muss konstatiert werden, dass den Deutschen die Tatsache nicht deutlich genug gemacht werden kann, dass in Momenten des Erfolges, dann, wenn alles im Zenit steht, es erforderlich ist wie nie, einen strukturellen wie mentalen Wandel einzuleiten. Wer das unterlässt, gibt den Kräften des Niedergangs freien Lauf.

Eine weitere Aufhellung ist das Ende des Besitzfußballs. Besonders Spanien und Deutschland waren es, die sich auf die Möglichkeit besonders großer Ballbesitzanteile spezialisierten und feststellen mussten, dass die Ermüdung des Gegners dadurch nicht mehr gewährleistet werden kann. Ganz im Gegenteil, aus der ehemaligen Machtdemonstration, als die der Ballbesitz immer galt, wurde nun das Signet des behäbigen Fußballs.

Der logische Schluss dieser Beobachtung ist wiederum die Erkenntnis, dass das letzte, was von einem niedergehenden System übrig bleibt, die Standards sind. So gesehen waren viele Teams zu sehen, die ihren Zenit bereits überschritten hatten, obwohl sie als Zukunftsmodelle gehandelt wurden. Dazu gehören sowohl Frankreich, ein TOP-Aspirant auf den Titel, als auch England, das, wie bei jedem Turnier, auch diesmal dramatisch überbewertet war. Beide Teams waren in den entscheidenden Spielen nur über Standards erfolgreich, aus dem Spiel heraus entwickelten sie kein einziges Tor.

Noch zwei kleine Beobachtungen: Frankreich bezwang Belgien mit der gleichen Spielweise, mit der es selbst im Finale vor zwei Jahren bei der EM im eigenen Land von Portugal besiegt worden war. Damals sprach die Fachwelt von Anti-Fußball, den Portugal gespielt habe. Die heutige, analog von Frankreich praktizierte Spielweise wird hingegen als taktisches Meisterstück gepriesen. Soviel nur nebenbei zu nationalistischen Ressentiments.

Und England, das als so sympathisch apostrophierte Team, begann eine der größten Unsportlichkeiten des Turniers, als es, noch während die Kroaten nach dem 2:1-Führungstor hinter dem englischen Tor jubelten, schnell den Anstoß ausführten und sich im Vorteil wähnten, weil sie glaubten, eine Regel besage, wenn auch nur ein Gegenspieler auf der eigenen Feldseite stünde, wäre eine solche Aktion möglich. Dem ist nicht so. Und so wurden sie zurückgepfiffen. Gezeigt wurde die Episode auf den Bildschirmen nicht. Und auch nicht von den Kommentatoren erwähnt. Der Vorfall dokumentiert nicht nur das im Verhältnis zu früheren Jahren extrem unfaire Agieren des englischen Teams, sondern es war auch eine Analogie zu dem sich mehr und mehr durchsetzenden Propagandakrieg.

Last not least ist es ein kleines europäisches Land auf dem Balkan, mit maximal vier Millionen Einwohnern, das der Welt gezeigt hat, wie man selbst unter extrem großen Erfolgsdruck in der Lage ist, noch aus dem Spiel heraus Tore zu erzielen. Eine Qualität, die früher mehrere europäische Teams ausgezeichnet hatte, die ihnen aber aufgrund ihrer Systemkrise nicht mehr beschieden war.

Kroatien wird das System nicht retten und Kroatien ist nicht das Team, das den Fußball neu erfinden wird. Aber es repräsentiert mit seiner Spielweise die Zeit, als noch aus den Optionen, die der Spielfluss bot, Erfolge abgeleitet werden konnten. Alle andern Teams haben sich mit der Perfektionierung von Standards begnügt.

Was sehen wir? Systemische Innovation ist Mangelware. Es dominiert die Routine. Ausnahmen bestätigen die Regel!

WM: Die herrschenden Systeme haben ihren Zenit überschritten

Der bisherige Verlauf der Fußballweltmeisterschaft fördert eine Erkenntnis zu Tage: Die noch bis vor kurzem erfolgreichen Systeme haben ihren Zenit überschritten. Sie überzeugen nicht mehr. Konnten in Brasilien vor vier Jahren noch verschiedene Teams mit der Ballbesitzphilosophie wie mit Konterfußball und schnellem Umschaltspiel bereits in der Vorrunde für Furore sorgen, so ist bis auf zwei Ausnahmen deutlich geworden, dass der Rest der Welt, auch die kleineren Nationen, gelernt haben, diese Systeme zu lesen und mit ihnen umzugehen. Allenfalls Spanien und Portugal zeigten in ihrem Aufeinandertreffen, dass sie noch zu Superlativen taugen, wobei die Einschränkung gelten muss, dass dieses auf geniale Individualisten zurückzuführen war, die zu den großen Sonnen des Sports schlechthin zählen. 

Vielleicht war ja der 3:0 Sieg Kroatiens über den deklassierten Vizeweltmeister Argentinien signifikant für die paradigmatische Erkenntnis. In den Reihen Kroatiens befinden sich Spieler, die aus den Herzkammern der weltweit erfolgreichsten Mannschaften stammen. Sie beherrschen die trendsetzende Taktik aus dem FF und nutzen diese Kenntnis, um sie zu entlarven und mit ihren brillanten technischen Mitteln zu entzaubern. Das ist meisterhaft und überzeugend gelungen. Aber, bei allem Respekt und ohne damit die Perspektive Kroatiens bei dieser WM minimieren zu wollen, es war das Besteck aus dem Hause der Herrschaft. Und im Spiel gegen Deutschland hat Mexiko bewiesen, dass es auch schlichtweg mit einer rebellischen Mentalität geht, den satten Koloss vom Sockel zu stoßen.

Die aufgestellte These, dass die alten Systeme nicht mehr überzeugen, wird sich bis an das Ende des Turniers fortsetzen, auch wenn noch das eine oder andere spannende Spiel folgen wird. Obwohl wir uns immer noch im Stadium der Vorrunde befinden, die Konzentration der schwerfälligen vermeintlich Großen, oder Favoriten, deren Glanz verblasst, ist zu groß: Frankreich, Großbritannien, Argentinien, Brasilien, Deutschland und, nach dem ersten Spiel eben auch Spanien und Portugal zeigten laue Vorstellungen. Dass Italien und die Niederlande fehlen, sorgt vielleicht auch noch dafür, dass keinerlei Hoffnung Systemstabilität einerseits und Innovation andererseits entstehen wird.

Dass alte Systeme irgendwann ihren Charme verlieren, ist ein historische Axiom. Meistens geschieht dieses jedoch mit dem Entstehen einer Alternative, einer Zukunft, im Vergleich. Diese Option fehlt bei dieser WM. Alternative nicht in Sicht. Das kann beunruhigen, muss es aber nicht. Was entscheidend sein wird, ist, ob die Vertreter der alten, herrschenden Systeme sich des Niedergangs bewusst werden oder nicht. Das kann dazu führen, dass auch dort über alternative Konzepte nachgedacht werden kann. 

Das, was die vermeintlichen Underdogs im Falle ihres Erfolges angeboten haben, war die Renaissance bereits bekannter Konzepte, was sie nicht diskreditieren soll. Wie gezeigt, enttarnten in den Herrschaftsmetropolen ausgebildete Agenten den Masterplan und schlugen die Herrschaften mit ihren eigenen Mitteln wie im Falle Kroatiens gegen Argentinien oder sie rebellierten und hatten den Mut zum Aufstand wie im Falle Mexikos gegen Deutschland. Oder es gelang, die Wucht des Kollektivismus für einen Moment der Geschichte zurück zum Leben zu bringen, wie im Falle Russlands. Das ist noch nichts Neues, aber es zeigt, dass das Alte vom Sockel gestürzt werden kann. 

Und wieder zeigt der Fußball, wie sehr er mit dem allgemeinen Geschehen der gesellschaftlichen Existenz korreliert. Schauen wir also weiterhin genau hin. Jedes noch so kleine Zeichen von Veränderung kann hilfreich sein für das das Verständnis dessen, was da kommen wird.