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Digital-bürokratische Zeitkiller

Keine Zeit zu haben, heißt, sich für etwas anderes zu entscheiden. Dieser Satz, der als Weisheit den Chinesen zugeschrieben wird, scheint vielen, die übervolle Terminkalender haben, manchmal wie ein Hohn in den Ohren. Denn vieles, womit wir uns beschäftigen müssen, entspricht den Funktionen, die wir wahrnehmen. Und letzteres ist kein Schicksal, das uns gegen unseren Willen ereilt. Auf der anderen Seite haben wir das Recht und die Pflicht, uns das, wofür wir uns engagieren oder engagieren lassen, sehr genau anzusehen. Denn vieles, was traditionell mit diesen Funktionen verbunden wird, bedarf einer radikalen Revision, wenn nicht gar einer Neuerfindung. Die digital-zivilisatorische Crux, der wir unterliegen, hat viele Funktionen und Berufsbilder ihrerseits radikal verändert und ihnen nicht selten die Wurzeln geraubt.

Vieles, was durch den Einsatz der Informationstechnologien möglich geworden ist, hat dazu beigetragen, dass immenses Fachwissen vor Ort existiert. Die Eruierung dieses Wissens und die damit verbundene notwendige Protokollierung, die ihrerseits aus einer Verrechtlichung vieler Prozesse resultiert, hat dazu geführt, dass sich viele Funktionen von ihrem eigentlichen Fokus abwenden. Es geht um die Dokumentation all dessen, was getan wird und nicht um die Untersuchung und Betreuung derer, um die es geht. Ein Besuch beim Arzt ist das beste Beispiel. Welcher Mediziner hat noch die Muße, sich einem Patienten zu widmen, ihn anzusehen, ihm in die Augen zu blicken und herauszufinden, worüber er sich eigentlich beklagt. Sie schauen auf den Bildschirm und bedienen die Routine. Und so ergeht es vielen Berufen, und besonders schlimm denen, die eigentlich von der Interaktion leben.

Auch das, was generell mit Management bezeichnet wird, unterliegt derartigen Prozessen. Die IT-Routinen sind besonders für jene, deren einziges Mittel die Kommunikation ist, zu einem regelrechten Fluch geworden. Das sich wie eine Seuche vermehrende Schriftgut, das weder gut noch Schrift ist, sondern ein Konvolut aus bürokratischem Analphabetismus und Alliteratentums, vermehrt sich wie die schwarze Pest im Mittelalter und überflutet die Accounts, Postfächer und Plattformen, auf denen die Informationen liegen müssten, um die es geht. Das Absurde dabei ist, dass die entscheidenden Informationen bzw. die Informationen, die notwendig sind, um gute Entscheidungen zu treffen, bei diesen Datenmassen gar nicht liegen. Sie zu finden, ist die eigentliche Qualität, die ein vernünftiges Management erfordert. Und die These sei hinzugefügt, auch die anderen Berufs- und Funktionsgruppen finden in den dokumentierten, leblosen Routinen nicht das, was sie brauchen, um gute Arbeit zu leisten.

Der Wahn, alles zu dokumentieren, um nach innen zu reglementieren und gegen Rechtsansprüche von außen gewappnet zu sein, hat zu einer gleichzeitigen De-Qualifizierung der eigentlichen Professionalität geführt. Eskortiert wird dieser Prozess von dem, was eingangs beschrieben wurde, vom konsequenten und unersättlichen Raub der Zeit. Und wenn es eine Wahrheit gibt, die in dem chinesischen Sprichwort liegt, dann ist es die, dass anderes, für wen auch immer Relevantes das ist, was es den meisten Menschen verwehrt, das zu machen, was ihre eigentliche Professionalität oder Berufung ist. Daher ist die einzig logische Konsequenz die, sich seinerseits im Rahmen der existenziellen Möglichkeiten für das zu entscheiden, was tatsächlich wichtig ist. Auch wenn die allgemeine digitale Reglementierung sehr harte Rahmen setzt, es ist mehr, als viele denken. Die Grenzen finden aber nur die, die es versuchen. Die Freiheit der Entscheidung ist eine praktische Übung, sie läßt sich nicht theoretisch erörtern.

Landunter?

Internationalisierung, Globalisierung. Digitalisierung und Beschleunigung, Digitalisierung, und Beschleunigung der Kommunikation. Technisierung aller Lebensbereiche. Wachsende Interdependenzen. Wachsende Ambiguität, wachsende Komplexität, wachsender Rationalisierungsdruck. Deregulierung, wachsender Druck auf die Institutionen der Politik.

Die allgemeine Tendenz der Bewegung ist nichts für Ruhe suchende, nach Kontemplation strebende Menschen. Sie und ihr Weltbild scheinen auf dem absteigenden Ast zu sein. Es ist die Zeit der Macher, der coolen Typen, die die Schalter bedienen und sich mit Koks das Hirn wegblasen. Wer da nicht mehr mitkommt, dem haftet auch noch das Stigma des Langsamen an. Und es stellt sich die Frage, die sich immer schon gestellt hat: Wer hat hier eigentlich den Verstand verloren? Ja, früher, früher war das immer klar. Da waren es die Dropouts, die schnell identifiziert werden konnten, die als nichtmehr ganz koscher galten. Heute, heute scheint das anders zu sein.

Diejenigen, die sich selbst immer als die Basis gesehen haben, als Basis der Gesellschaft, als Basis des Zeitgeists, als Basis überhaupt. Diejenigen, die als Otto Normalverbraucher galten, die sind heute das, was früher die Dropouts waren. Sie sind die Sonderlinge, auch wenn sie sich vermeintlich in der Mehrheit fühlen, sie sind die Sonderlinge, die mit voller Wucht aus der Zeit fallen. Im Gegensatz zum beschleunigten Mainstream brauchen sie noch Zeit zum Denken, und im Gegensatz zum trendigen Rest surfen sie nicht den ganzen Tag in virtuellen Welten rum. Sie gehen immer wieder ins richtige Dasein und verbringen dort, so flüstert man sich zu, manchmal sogar mehrere Stunden am Stück! Außerhalb des Internets! In der langweiligen Scheiße des Seins! Ist es da ein Wunder, wenn die koksinspirierten Hirne der Prozessbeschleuniger ausrasten? Was ist das für ein Affront gegen den Trend. Zeit ist Geld, Zeit ist Rausch!

Es ist schon sehr verwunderlich, dass so etwas wie alte Wahrheiten herhalten müssen, um die Zurückgebliebenen vor der urteilenden Vernichtung der beschleunigten Geister schützen zu müssen. Sind die alten Bedürfnisse tatsächlich passé? Strebt der Mensch noch etwas an, was außerhalb der lockenden Möglichkeitsform liegt? Ist die Welt, in der wir leben, wirklich um so viel komplizierter geworden als die, die hinter uns liegt?

Um ehrlich zu sein, wir wissen es nicht. Jede Zeit, das lässt sich belegen, nimmt sich sehr wichtig und nur selten gehen die Zeitgenossen mit ihrer eigenen Zeit gelassen um. Immer wurde gedacht, man stünde kurz vor der neuen Zeit, zumindest seit der Moderne. Was beruhigt, ist, dass es so etwas wie einen Weltfrieden gibt, der sich in den Routinen des Alltages manifestiert. Unabhängig vom Datum, unabhängig vom Zivilisationsgrad und unabhängig von Ethnie oder Religion. Korn wird weltweit geerntet und Brote weltweit gebacken, Beschleunigung hin, Kommunikation her, die basalen zivilen Prozesse und die hinter ihnen stehenden Besitzverhältnisse haben einer größere Wirkkraft auf das gesellschaftliche Dasein als die Tools der Beschleunigung.

Wer weiß, wie Werte geschaffen werden, wer weiß, wer es letztendlich vollbringt und wer weiß, wie diese Werte tatsächlich verteilt werden, der hält es auch aus, nicht gleich auf allen anderen Blödsinn eine Antwort zu bekommen, der hält es auch aus, dass manches komplizierter  ist al es scheint und der lässt sich auch nicht hetzen von denjenigen, die die Werte gar nicht schaffen. Manche Zusammenhänge entschleunigen ungemein und manche Kausalitäten erklären alles.

Das gestaltende Subjekt und die Zeit

Jede Ressource hat ihren Wert. Es kommt darauf an, wozu sie genutzt wird und für welchen Zeitraum sie zur Verfügung steht. Die so genannten natürlichen Ressourcen stehen immer in diesem Zwiespalt. Alles, was die Menschheit in welchem Kontext auch immer an natürlichen Ressourcen verbraucht, hat ein Haltbarkeitsdatum oder eine Kontingentgrenze. Die Rohstoffe, die genutzt werden, um Energie zu erzeugen, sind in diesem Portfolio eindeutig. Werden sie nach Tagesbedarf veräußert, lässt sich mit den heutigen Mitteln ziemlich genau ausrechnen, wann sie zur Neige gehen werden. Eine Schwierigkeit, die sich mit ihrer Nutzung verbindet, ist das Phänomen der Kollateralschäden. Emissionen der fossilen Brennstoffe tilgen gleichzeitig andere Ressourcen, wie zum Beispiel gute Luft oder Wasser. Das alles ist mehr oder weniger bekannt und der Irrsinn, der zuweilen das Dasein belastet, resultiert nicht aus dem mangelnden Wissen, sondern aus den Gesetzen der Verwertung. Gewinne monetärer Art sind der Wirkungsmechanismus, der der Vernunft in Bezug auf eine strategische Sicht besonders entgegensteht.

Eine andere Art der Ressource, die jede menschliche Existenz betrifft, wirkt nahezu gegenteilig. Es ist die Zeit. Zeit ist ein Gut, das alle brauchen, aber das nicht gekennzeichnet ist durch die eigene Endlichkeit. Die Zeit existiert unabhängig vom menschlichen Bedarf in Hülle und Fülle und ihre Endlichkeit ist nicht das Problem. Das Problem der Zeit resultiert vielmehr aus der Limitiertheit des menschlichen Daseins. Zeit als Ressource ist immer subjektiv und sie schert sich nicht um das Maß ihrer Nutzung durch die Menschen. Der gern benutzte Leitsatz, dass Zeit Geld ist, hat nur etwas zu tun mit dem menschlichen Blick. Es ist an ihm, dem Menschen, was er aus seinem Kontingent an Zeit macht. Lässt er sie verstreichen oder nutzt er sie akribisch, der Ressource selbst ist das gleich. Das ist die Macht der Zeit, und alle Probleme, die der Mensch mit ihr hat, spielen letztendlich keine Rolle.

Es hängt also von dem Konzept des Daseins eines jeden Individuums ab, was es in der eigenen Laufzeit mit ihr macht. Manche folgen den gelassenen, kontemplativen Philosophien und lassen sie verstreichen, um zu sehen, was geschieht. Andere wiederum glauben, dass die Gestaltung des Daseins durch sie selbst das Maß sind, nach dem ihre Nutzung bestimmt wird. Der Gedanke der Nachhaltigkeit, der vor allem bei der Betrachtung aller natürlichen Ressourcen so ungeheuer reüssiert, produziert bei der Nutzung der Zeit keinen Sinn. Auch Nachhaltigkeit ist eine Kategorie, die letztendlich ökonomisch interpretiert werden muss. Zeit hingegen ist das unermessliche, menschlich beschränkte Gut, das nur ethisch gedeutet werden kann.

Menschen, die sich der Gestaltung verschrieben haben, wissen, dass für sie die Zeit ein sehr begrenztes Kontingent ist, mit dem sie sehr sorgsam umgehen müssen. Die gestaltenden Subjekte sind zumeist kalkulatorische Hochleistungsaggregate, die jeden Schritt, den sie gehen und jede Tat, die sie begehen, genau bemessen, um jenseits der existenziellen Routinen die Zeiträume herauszuschinden, in denen sie das tun können, was sie selbst als ihre Bestimmung ansehen. Das ist der Preis, den die Gestaltung erfordert und es sind die Werke, die in diesem Spannungsraum entstehen, von denen die Menschheit als Kollektiv und Generationen übergreifend etwas haben. Das ist ein Wert an sich, der sich auseinandersetzt mit der existenziellen Bagatelle, dass alles sein ein Ende hat. Auch das sichere Scheitern bietet Möglichkeiten, etwas zu gestalten, das mehr Bestand hat als das einzelne Individuum.