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Heute Morgen beim Bäcker

Der an der Ecke. Der Große. Dort, wohin sie alle kommen aus dem Viertel. Ganz früh, wenn die Welt erwacht. An der Theke standen wir wieder in Dreierreihen, hinter mir der emeritierte Professor, Politologe, der mit einer Intellektuellenbrille aus den siebziger Jahren jedes Mal die Welt erklärt. Diesmal ist es die Akzeleration der Prozesse. Ihm muss man zugutehalten, dass er seine wie Tiraden vorgetragenen Kurzvorträge stets in der zweiten Sequenz ins Deutsche übersetzt, die Beschleunigung scheint mir das Problem zu sein, der Mensch hört in immer kürzeren Abständen etwas für ihn Neues und er verliert damit Sicherheiten. Was, wie immer, zu einer Reaktion führt, die ein Partikel des Gesagten aufgreift, um die eigene Befindlichkeit zum Besten zu geben.

Diesmal ist es der Mann aus dem Maghreb, von dem niemand weiß, wovon er lebt, der jeden Tag gefühlte Stunden vor der Bäckerei mit seinem kleinen weißen Hundemischling, dem Puppenfänger, sitzt, Kaffee trinkt und raucht und der über alles Bescheid weiß, was im Viertel geschieht. C´est un monde fou, das hältst du nicht mehr aus, das schießt so ein Irrer auf den Champs Elysees herum, kurz vor der Wahl, Mon Dieu, als hätte Le Pen diese Amokbirne bestellt.

Worauf der Handwerker im Blaumann, dem die Bedienung gerade ein Laugehörnchen mit Butter beschmiert, die Worte heraustrommelt, über die jeder Dialekt verfügt, wenn es um den Fluch des Daseins und die Unlust mit dem eigenen Moment geht. Die Le Pens, die haben wir hier auch, und die Mohammeds, die sich den Sprengstoff in den Tornister stecken auch. Irgendwann gehst du in den Park und willst die Schwäne füttern und dann ballert dich so ein Irrer weg und du liegst im ungemachten Federbett.

Der Senior vom Fache der Politologie ergreift wieder das Wort und stellt klar, dass die Überforderung des Individuums mit schlechten Nachrichten nicht mit einer Verschärfung staatlicher Ordnung abzuwehren sei. Da pflichtet ihm der Mann aus dem Maghreb bei und raunt etwas vom Sonnenaufgang für die Faschisten, was der Professor geflissentlich überhört. Neben mir steht eine junge Frau, die vom Joggen kommt und Kopfhörer aufhat, die  die Konversation von ihr fernhalten und sie stattdessen mit coolen Rhythmen versorgt, durch die sie ziemlich unvermittelt ihre Bestellung mitteilt, ich hätte gerne zwei Seelen!

Ja, sagt da die Rentnerin, die bis jetzt geschwiegen hatte, du hättest sie gerne, Schätzchen, aber wenn du das Leben erst richtig kennst, dann wünschst du dir, du hättest sie nicht. Das Bonmot belustigt alle, denn es geht natürlich um kleine, mit Salz und Kümmel bestreute Weißbrote, die unter dem poetischen Namen der Seele verkauft werden und immer wieder dazu inspirieren, damit zu spielen.

Jedenfalls, so der Gelehrte, geht es nicht um Ordnung, sondern um die Fähigkeit des Einzelnen, mit der Information über Unordnung – wo auch immer – umgehen zu können. Vielleicht sollten wir uns selbst beschränken und nicht alles wissen wollen. Das machte uns dann auch nicht so verrückt. Tote bei einem Erdrutsch in China, Opfer der Tsetsefliege in Afrika, Mafiakämpfe in Mexiko oder Massenproteste in Venezuela. Es hängt zwar alles mit allem zusammen, aber brauchen wir die Information tatsächlich aus dem Kanal für alle? Könnten wir nicht sagen, in den Nachrichten kommen nicht mehr  die Katastrophen von überall aus der Welt, sondern nur noch das, was uns direkt betrifft.

Das ist ganz schön schwer, ruft da der Blaumann. Die wählen doch jetzt nur das aus, was sie wollen. Das wird in Zukunft auch nicht anders sein. Nimmt dann aber sein Laugehörnchen und einen  warmen Fleischkäse und drückt sich aus dem Laden. Auch die stoisch wirkende Joggerin verlässt mit einem unempathischen Lächeln und ihren zwei Seelen das Lokal. Zumindest diese Formation löst sich nun auf. Der Professor wirsch harsch durch die resolute Geschäftsführerin nach seinen Wünschen gefragt, denn sie orientiert sich an Verkaufszahlen und reibungslosem Ablauf und nicht an morgendlicher Reflexion des Weltgeschehens. Und schon schleicht der kluge Mann mit zwei Mittagssemmeln die dreistufige Treppe herunter und muss sich dabei an einer korpulenten Frau vorbeidrücken, die bereits einen Piccolo unter dem Arm hält und schon beim Hereinkommen nach einem Brötchen mit Fleischsalat verlangt.

Meine Bestellung trage ich auch schon mit mir heraus. Ich biege rechts ab, habe ein Walnussbrot und zwei Winzerbrötchen in der Tasche und einen Blitzdiskurs über die vermeintliche Notwenigkeit einer Selbstzensur zum Schutze der Demokratie hinter mir. Ein Podcast beim Bäcker. Solange die unmittelbare Wahrnehmung noch funktioniert.

Türkische Zensur in Deutschland?

Wer sich über etwas wundert, hat mit der Entwicklung, so wie sie eingetreten ist, nicht gerechnet. Wer sich über etwas wundert, was so zu erwarten war, hat die zu prognostizierende Wahrscheinlichkeit nicht mit einkalkuliert oder auf etwas anderes gehofft, das allerdings nicht wahrscheinlich war. Wer sich über eine nicht eingetretene Hoffnung wundert, obwohl sie nicht wahrscheinlich war, ist ein Tor. Wer ein Tor ist, sollte sich nicht in das Dickicht politischer Komplexität begeben. Wer es dennoch tut, richtet Schaden an.

Das Zitat des deutschen Botschafters in Ankara wegen einer im NDR ausgestrahlten Satire auf den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan ist folgerichtig. Es ist die logische Konsequenz aus einer Entwicklung, die sich seit langem abzeichnet. Die zunehmend auf dem Weg zur Despotie befindliche Türkei vertraut bei ihrer restriktiven Politik auf bestimmte Impulse, die ihren Weg flankieren. Die immer deutlicher werdende und in krassen Ausmaßen stattfindende Gleichschaltung von Justiz und Presse gewinnt durch die jüngsten Avancen in der Frage der Flüchtlingspolitik nun auch eine verstärkt internationale Dimension. Der Ministerpräsident, der bereits vor langer Zeit sein Selbstverständnis zur Demokratie mit dem nicht dementierten Zitat enthüllte, die Demokratie sei für ihn wie eine Buslinie, die er benutze, um an sein Ziel zu kommen und einmal dort, brauche er sie nicht mehr, dieser Ministerpräsident macht nun ernst. Seine Ernsthaftigkeit bezieht sich auf die Selbstverständlichkeit der Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates.

Bei diesem anderen Staat handelt es sich um die Bundesrepublik Deutschland. Letztere ist in der misslichen Situation, Immigrationsbewegungen nach Deutschland und Zentraleuropa unbedingt stoppen zu wollen. Sie hat sich dabei auf die Strategie versteift, die Türkei, die im Syrienkonflikt aufgrund eigener Großmachtpläne und der Absicht, die Kurden im eigenen Land zu befrieden eine sehr dubiose Rolle spielt, in eine Allianz zu holen und ihr die Möglichkeit einer EU-Partnerschaft anzubieten. Da ihr letzteres in weitaus besseren Zeiten der eignen Rechtsstaatlichkeit wiederholt verwehrt worden war, dokumentierte diese Politik in aller Deutlichkeit, aus welcher Not die aktuelle Avance geboren war. Nun reagiert ein Machtpolitiker mit dem Gestus des Machtanspruchs. Das kann nicht verwundern.

Und es ist wie bei der Betrachtung einer alt bekannten Blaupause. Es geht um Ungeduld und Geschwindigkeit in der Politik. Realpolitik und eine sich daraus ableitende Diplomatie geht von den Verhältnissen aus, so wie sie sind. Um aus dem Geflecht, mit allen Widersprüchen und Hemmnissen, etwas Konstruktives zu weben, erfordert es Geduld und langen Atem. Da diese, aus verschiedenen Gründen, wovon einer die treibende Kraft der Demoskopie und ein anderer der Mangel an kommunizierten Vision ist, die nicht vorhanden zu sein scheint, werden schnelle Lösungen präferiert, die, betrachtet man es historisch, allesamt mit einer Eskalation der negativen Tendenzen endeten.

Die Beispiele sind Legion: Die Unterstützung Suhartos in Indonesien, die des Schahs im Iran, die Saddam Husseins im Irak, die der Taliban in Afghanistan, die des IS in Syrien, die Pinochets in Chile, die der Contras in Nicaragua – immer wieder wurde die Unlust, mit denen, die irgendwo in der Welt die Macht innehaben zu verhandeln ersetzt durch die schnelle Lösung, die zumeist in nicht von der Bevölkerung getragenen Alternativen bestand, die letztendlich die Lebensbedingungen in den betroffenen Ländern erheblich verschlechtert haben. Nun, wieder einmal, findet so etwas statt. Da mag die Spaltung Europas eine Rolle spielen, die die Zeit verknappt, aber das Bündnis mit der Türkei Erdogans wird diese Spaltung eher noch vergrößern.