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Gesinnungs- und Verantwortungsethik

Quasi als Fortsetzung zu den Überlegungen über die aktuellen Beziehungen zwischen Zweck- und Wertrationalität ist zu klären, wie es sich mit einem anderen Begriffspaar verhält. Wert- und Zweckrationalität waren die in der Habermas-Luhmann-Debatte entwickelten Stereotypen, die einen Trend beschrieben, der mit dem Begriff Ideologiebildung am besten bezeichnet werden kann. Denn heute, in Deutschland, im Zeitalter eines erneuten Sonderweges mit Erweckungscharakter, lässt sich vieles als Konstrukt der Täuschung beschreiben: das, was nahezu als exklusiv werteorientiert verkauft wird, erfüllt den ökonomischen Zweck für eine Minderheit. Nichts ist entlarvender bei der Entschlüsselung dieser ideologischen Konstruktion als das Begriffspaar Öl und Menschenrechte.

Die Unterscheidung zwischen Wert- und Zweckrationalität hat ideengeschichtlich allerdings einen Vorläufer. Dieser ist zu finden in dem berühmten Vortrag über „Politik als Beruf“ des Sozilogen Max Weber. Dieser sprach dort, sich indirekt auf Scheler berufend, von Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Auch dort ging es um sehr Pragmatisches und Spirituelles. Was Weber dort entwickelte, war jedoch kein Schema des Gegensatzes, sondern ein Appell an das Bemühen, im politischen Handeln eine Balance herstellen zu wollen zwischen den Anteilen der Wahrnehmung praktischer Verantwortung und denen des Gesinnungsbezogenen. Die reine Form des Einen wie des Anderen lehnte er ab.

Aus gegenwärtiger Sicht lässt sich allerdings eine Analogie herstellen zu den beiden Formen der Rationalität. Auch hier befinden wir uns in einer Zeit, in der nahezu jede Entscheidung der Politik mit einer Gesinnungsnote versehen werden muss, um transportiert werden zu können. Pragmatik als Grundlage von Politik ist verpönt und verrufen. Letzteres trägt übrigens dazu bei, dass die zunehmende Isolierung Deutschlands in internationalem Kontext voranschreitet.

Der kollektive spiritualistische Rekurs der politischen Klasse versetzt das Land in den Augen der restlichen Welt in den Zustand einer Sekte. Über das irrationale Erscheinen von Sekten muss nicht referiert werden. Doch wer sich das vor Augen führt begreift, warum welche Länder wie mit der Bundesrepublik Deutschland kommunizieren. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, und nichts spricht im Moment dagegen, dann wird es in naher Zukunft, im Hinblick auf die deutsche Politik heißen: Be careful with a fool!

Doch ganz so irrational wie in der Erscheinung ist es auch hier nicht. Hinter dem, was als Gesinnungspolitik verkauft wird, steht nicht selten auch ein praktischer Nutzen. Allerdings nicht für die gesinnungsaffine Kohorte, sondern für machtpolitisch orientierte Minderheiten. So besteht eine sehr starke Kongruenz zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik sowie der Zweck- und Wertrationalität. Beide Begriffspaare, die das ganze Spektrum politischen Handelns beschreiben sollten, sind in der Epoche des Neoliberalismus zu einem schnöden Werkzeug der Ideologieerzeugung verkommen.

Man könnte dazu neigen, die Zweckentfremdung der beiden Begriffspaare als Zynismus des herrschenden politischen Systems zu disqualifizieren, wäre da nicht die große Lust auf Gesinnung und Werte. Jede Form der Politik, die sich auf diese Begriffe beruft, erhält in der Bevölkerung zunächst einmal eine positive Resonanz. Das Befremdliche ist tatsächlich, dass es sich dabei um ein speziell in dieser Ausprägung deutsches Phänomen handelt. Nirgendwo wird weniger pragmatisch und mehr ideologisch politisch argumentiert. Das sollte zu denken geben, denn der gegenwärtige Weg ist einer in die Isolation. Und das,  so zeigt die Geschichte, führt nie zu einem guten Ende.

Fangen wir bei uns selbst an: lernen wir, dem Pragmatismus mehr Raum zu geben und nehmen wir unserem Alltag das Sakrale!

Zweck- und Wertrationalität

Vielleicht ist es hilfreich, sich noch einmal eine Differenzierung aus einer Wissenschaftsdiskussion zu vergegenwärtigen, die unter dem Namen Habermas-Luhmann-Debatte bekannt wurde. Dort ging es um die Kommunikation des kollektiven Handelns und die Fragestellung, wie Systeme funktionieren. Luhmann unterschied in diesem Kontext die Motive des Handelns und sprach davon, dass nach wertrationalen und zweckrationalen Entscheidungen zu unterscheiden sei. 

Was heißt das? Demnach existieren im Wesentlichen zwei Arten von Motiven, wenn Menschen Entscheidungen treffen. Das eine wird aus der eigenen Ethik, aus den eigenen Wertvorstellungen abgeleitet, das andere aus der Frage, ob das, was man tut, auch nützlich ist. Beides kennen wir. Und beides machen wir auch. Meistens entscheiden wir, und das ist eine Referenz an die Beschaffenheit der Welt, in der wir leben. Meistens haben wir darüber zu entscheiden, ob etwas nützlich ist oder nicht. Werden, unabhängig vom Nutzen, Entscheidungen getroffen und wird ansonsten kein Motiv erkannt, müssen die Akteure sich sehr schnell der Frage stellen, ob sie noch zurechnungsfähig sind. Der Nutzen ist das große Paradigma, dem wir folgen.

Nur in besonderen Situationen hören wir Sätze wie „das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren“ oder „das kann ich unterstützen, weil es eine gute Sache ist“. Dann sind wir auf dem Terrain der Wertrationalität. Auch das kommt vor, jedoch nicht in der Quantität wie die Zweckrationalität. Wollte man es böse kommentieren, dann mit der Sequenz aus der Dreigroschenoper: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Aber unabhängig davon, und jenseits der beschriebenen Debatte, hat sich etwas in der politischen Kommunikation etabliert, das als eine allgemeine kommunikative Finesse beschrieben werden kann, die massenhaft Anwendung findet. Es geht um den Brauch, politische Entscheidungen, die getroffen werden oder wurden, exklusiv als wertrational zu deklarieren, auch wenn ersichtlich ist, dass es sich um zweckrationale Entscheidungen handelt. 

Alles, was in den letzten Jahren an wirtschaftlichen und militärstrategischen politischen Entscheidungen getroffen wurde, wird, sobald es aus kritischer Sicht auf den Seziertisch gelegt werden und nach den tatsächlichen Interessen untersucht werden soll, sehr schnell als eine Wertentscheidung deklariert, um sich die Diskussion um die tatsächlichen Interessen zu ersparen. 

Die „Rettungsschirme und-Pakete“ für Griechenland, bei denen es um die Haftung für Bankkredite ging, hatten plötzlich etwas mit der Antike und deren Beitrag zu Humanismus und Demokratie zu tun. Die Unterstützung des Aufstands gegen die Regierung in der Ukraine wurde eine Frage zur Selbstbestimmung der Völker, die Entscheidung für die Bombardements Belgrads im Jugoslawienkrieg wurde mit der humanitären Verpflichtung aus dem Holocaust begründet und die Unterstützung eines Putschisten in Venezuela mit der demokratischen Verpflichtung, sich immer auf die Seite des Parlamentes zu stellen.

Die wenigen Beispiele zeigen, dass es sich um ein Muster handelt, das ohne Übertreibung als Massenware bezeichnet werden kann. Bei allen oben genannten Fällen handelt es sich um zweckrationale Entscheidungen. Die Rettungspakete für Griechenland sollten die Banken absichern, die eine temporäre Liquidität hergestellt hatten, um den Kauf deutscher Waren zu ermöglichen. In der Ukraine sollte das letzte Mosaik zur euro-kontinentalen Abriegelung gegen Russland geschaffen werden. Bei den Bombardements gegen Belgrad handelte es sich um den letzten Schlag bei der Liquidierung des souveränen Staates Jugoslawien. Und bei der Unterstützung des Putschisten in Venezuela geht es um den Mit-Zugriff auf die größten Ölreserven der Welt. 

Die Differenzierung nach Zweck- und Wertrationalität scheint sehr nützlich. Nur muss genau hingesehen werden. Nicht alles, was als wertrational im politischen Diskurs deklariert wird, ist es auch. Dahinter verbirgt sich oft ein Zweck für Minderheiten, der der Mehrheit aber nur verkauft werden kann, wenn er als wertrational ausgezeichnet wird. Dabei handelt es sich um einen schlichten Manipulationsversuch. Der Kollateralschaden besteht darin, dass die Werte, auf die man sich beruft, in hohem Maße beschädigt werden.

Zweck und Wert

Kennst du deine Feinde, kennst du dich selbst, hundert Schlachten ohne Schlappe. Das Diktum der großen Strategen aus dem Reich der Mitte ist nicht nur ein Indiz dafür, dass wir es mit einem semantischen Archetypus zu tun haben, sondern es dokumentiert wieder einmal den Charme asiatischer Dialektik. Das Abschätzen von Kräften zweier miteinander streitender Parteien entscheidet darüber, welches Ziel formuliert und zu welchen Mitteln gegriffen wird. Wie weise. Und, andererseits, wie banal. Die neuzeitlichen Philosophen asiatischer Guerilla- und Befreiungskriege wie Mao Ze Dong und Ho Chi Minh griffen auf diese Weisheit zurück und waren damit erfolgreich. Auch gegen konventionelle Übermächte. Diese waren zumeist getrieben von der neuen Apotheose der technischen Machbarkeit. Sie hatten Strategien, die soziale und politische Dimensionen zur Grundlage legten, ersetzt durch den Glauben an die Technokratie. Das war fatal. Das blieb fatal, bis heute. Vielleicht handelt es sich dabei um die Tragödie des Westens schlechthin. Hatte er es doch vermocht, mit der Verwissenschaftlichung und Industrialisierung seiner Prozesse die alten Mächte dieser Erde an die Peripherie zu drängen und ungeheure Reichtümer zu schaffen, die alles erdrückten.

Im Rausch des Erfolgs blieben die sozialen und politischen Skills anscheinend auf der Strecke. Durch Technologie kann man herrschen, durch Reichtum auch. Zumindest innerhalb bestimmter Zeiträume. Doch die Perfektionierung eines Mittels wie der Dominanz eines sozialen Zustands sind keine Strategie. Beides hinterlässt ein Vakuum, das ausgefüllt werden will. Selbst oder gerade wenn man zurückgeht in die Welt der Mythen wird evident, dass menschliche Existenz nach Erklärungen für das Sein sucht, nach Mustern für den Sinn und nach Identitäten für das Zusammenleben. Das alles kann weder Konsum noch Wohlstand leisten. Und das scheint zunehmend das Defizit des so grandios daher kommenden Westens zu sein. Das große Paradigma der Demokratie, die ihrerseits sicherlich die formale Grundlage für das Florieren von Technologie und Reichtum war, ist ausgehöhlt durch eben ihre eigene Dialektik. Der Schein des Gelingens hat die Ursache desselben längst übertrumpft. Der Sinn der Demokratie ist nicht seine Degradierung zum Zweck. Technologie und Reichtum scheinen hingegen zum Sinn geworden zu seinen und die Demokratie ihr Zweck. Das kann nich gut gehen und das wird nicht gut gehen.

Das Gespenst der Systemtheorie, Niklas Luhmann, hatte trotz aller politischen Virulenzen, in denen er wirkte, zwei Termini geschaffen, die er aus dem Amalgam der Entwicklung gedeutet hatte. Er sprach von Wert- und von Zweckrationalität. Damit lag er phänomenologisch richtig. Die Vorgehensweise in den Herzländern der Technologisierung und Industrialisierung ist zu einem Absolutismus der Zweckrationalität verkommen und dominiert das Denken wie nie. Die Wertrationalität, die determiniert, warum wir was wie machen, zurückgeführt auf Grundwerte, nach denen wir operieren, ist zu einer Randexistenz geworden, die allenfalls in therapeutischen Kontexten noch eine Relevanz besitzt.

Kommen wir zurück zu dem Diktum der Strategen aus dem Reich der Mitte und Tongking. Die Verblendung, die aus dem Zweckrationalismus entstiegen ist, macht es zunehmend schwer, in Kontexten zu agieren, in denen wesentliche Bestandteile von Wertrationalität Geltung behalten haben. Ob die geteilt werden oder nicht, ist dabei irrelevant. Man muss sie nur verstehen. Bewegt man sich jedoch nicht von dem Erklärungsmuster der Zweckrationalität weg, wird man sie nicht begreifen. Es gilt zu verstehen, dass die Welt der Zweckrationalität nicht überall auf der Welt die Attraktivität besitzt wie in unseren Breitengraden. Anscheinend wird diese Einsicht verweigert. Das verheißt nichts Gutes. Viele Schlachten. Viele Schlappen.